Memoiren der Kampusch-Mutter "Natürlich verdiene ich daran"

Die jahrelange Entführung von Natascha Kampusch war einer der spektakulärsten Fälle der österreichischen Kriminalgeschichte. Die Mutter der jungen Frau, Brigitta Sirny, hat ein Buch über die Zeit ohne ihre Tochter geschrieben. Ein Schritt, der viele Fragen aufwirft.

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Hamburg - Es fängt schon damit an, dass sie sich einen berühmten Namen zulegte, der eigentlich nicht mehr ihrer ist: Natascha Kampuschs Mutter, Brigitta Sirny, nennt sich jetzt "Sirny-Kampusch": "Das ist mein Autorenname", erklärt die 57-Jährige SPIEGEL ONLINE. Frau Sirny hat mit Hilfe der beiden Journalisten Andrea Fehringer und Thomas Köpf ein Buch über das Verschwinden ihrer Tochter, die achteinhalb Jahre der Ungewissheit und die dramatische Befreiung geschrieben. Der Namenszusatz "Kampusch" steigert die Verkaufszahlen. Fast jeder kennt Nataschas Namen.

Er steht für ein einzigartiges Verbrechen mit glücklichem Ausgang. Die zehnjährige Natascha wird am 3. März 1998 auf dem Weg zur Schule von Wolfgang P. verschleppt und achteinhalb Jahre in seinem Keller gefangen gehalten. Am 23. August 2006 gelingt dem Mädchen die Flucht. Die Erinnerungen der Mutter erscheinen also pünktlich zum Jahrestag der Befreiung.

Die "Bild"-Zeitung druckte exklusiv Auszüge aus dem Buch, bevor es diese Woche auf einer Pressekonferenz vorgestellt wurde. Die Präsentation war eine weitere mediale Inszenierung im Fall Kampusch, eine von vielen. "Ich war sehr nervös", sagt Brigitta Sirny-Kampusch nicht ohne Stolz. "Ja, es war schön, dass die Natascha auch kam. Wissen's, ich bin ein Familienmensch."

Warum kommt Natascha - und versteckt sich?

Die 19-Jährige war als letzte, wenige Minuten nach Beginn der Buchpräsentation, in den Raum gehuscht und hatte sich auf einen der hinteren Plätze gesetzt. Sie trug ein Sommerkleid und eine große Sonnenbrille. Zusätzlich verbarg sie ihr Gesicht hinter einem weißen Fächer und ließ durch einen Begleiter ausrichten, sie wolle sich weder äußern noch fotografiert werden. Warum kam sie dann überhaupt, wenn sie es vorzieht, abgeschirmt zu werden?

Sollte ihr Kommen demonstrieren, dass sie das Buchprojekt ihrer Mutter unterstützt? Im Vorfeld war über familiäre Streitigkeiten gemunkelt worden: Natascha Kampusch wolle selbst ein Buch schreiben, hieß es.

Kam die Mutter der Tochter zuvor? "Das ist meine Geschichte, mein Leben, mein Bedürfnis", stellt Brigitta Sirny-Kampusch im SPIEGEL-ONLINE-Gespräch klar. "Es sind die achteinhalb Jahre aus meiner Sicht. Nataschas Geschichte ist eine andere." Gewidmet hat sie das Buch trotzdem der Tochter.

"Natürlich verdiene ich daran"

Auf 206 Seiten schreibt die gebürtige Wienerin über den 2. März 1998, der ihr Leben veränderte, und über die zermürbenden achteinhalb Jahre der Verzweiflung. Sie erhebt schwere Vorwürfe gegen die Polizei, die ihr immer wieder das Gefühl gab, mit dem Verschwinden der eigenen Tochter zu tun zu haben. "Ich kam mir vor wie eine Verbrecherin. Ich saß nicht mehr auf meiner Couch, sondern auf einer Anklagebank", schreibt sie. "Die anderen mussten sich vor mir fürchten. Alle, die Zeitungen lasen. Die Vorwürfe waren haarsträubend. Prügelmutter, Kinderschänderin, die Frau, die vielleicht ihre Tochter entführt hat. (...) In der Öffentlichkeit war ich die Unfrau."

Warum sucht sie nun diese Öffentlichkeit? "Weil ich sehr viele Anfragen hatte, wie ich diese Zeit gemeistert habe. Viele bewundern mich dafür", sagt Brigitta Sirny-Kampusch. "Ich dachte, vielleicht kann ich anderen Menschen helfen, wenn ich das Erlebte niederschreibe."

Kritikern, die ihr Geldmacherei unterstellen, entgegnet sie: "Natürlich verdiene ich daran. Aber ich sehe es schlichtweg als Arbeit." Man kann dieses Buch auch als eine weitere Enttabuisierung im Leben des Medien-Stars Natascha Kampusch sehen - und als Beleg für das ambivalente Verhältnis der Familie zur Öffentlichkeit.

"Die Journalisten waren der Draht zur Welt da draußen"

Anfangs hatte Brigitta Sirny auf diese Öffentlichkeit gesetzt. Wenige Stunden nach dem Verschwinden, als eine Radiostimme ganz Österreich die Vermisstenanzeige der kleinen Natascha mitteilte. Dann der Medienrummel in der Stiege 38, wo die kleine Familie lebte. Brigitta Sirny-Kampusch schreibt über jene Zeit: "Die Journalisten gehören in die Wohnung, wie Möbel. (...) Wie schnell man sich an Kameras gewöhnt. (...) Sie waren höflich, mitfühlend. Unangenehm vertraut. Sie lebten da mit uns, und sie waren nützlich. Sie waren der Draht zur Welt da draußen."

Doch die ihren Angaben zufolge "größte Fahndung in Österreich seit der Nachkriegszeit" verläuft ergebnislos. Der Rummel überfällt sie am 23. August vergangenen Jahres erneut, als ihrer Tochter die Flucht gelingt. Wie jeden August ist Brigitta Sirny-Kampusch mit ihren fünf Enkelkindern auf einem Bauernhof in Wienerbruck. Fernsehteams stürmen den Hof. "Können Sie uns die Reporter vom Hals halten?", bittet sie die Wirtin, so schreibt sie es in ihrem Buch und schildert ausführlich das, was viele damals wissen wollten: Die erste Begegnung mit ihrem jahrelang vermissten Kind. "Mit einer Hand nimmt sie mich an der Weste, zieht sie zur Seite, mustert mich und sagt: 'Du bist ja noch immer so schlank und so sexy. Ich habe geglaubt, da kommt eine alte Schrummelige.'"

Als die Tochter abgeschirmt wird, die Eltern das Gefühl haben, wie Fremde außen vor zu bleiben, werden die Medien wieder zu Verbündeten. Brigitta Sirny ruft eine Journalistin an und bittet: "Helfen Sie mir, ich darf nicht zu meinem Kind." Dann schreibt sie über die Reporterin: "Sie versteht mich. Oder wittert auch nur ihre Story. Für mich macht das keinen Unterschied. Ich will meine Verzweiflung gedruckt sehen."

Nataschas Beraterstab tobt. Auch das beschreibt Brigitta Sirny-Kampusch detailiert, schimpft gleichzeitig über die "Medienhetze" auf ihre Tochter, "eine mediale Soap-Opera, wie es sie seit Lady Diana nicht mehr gegeben hat". Und: "Die Presse ist bedient, die Sensationslust befriedigt."

"Ich hätte mir gewünscht, dass man mich mehr einbindet", sagt Brigitta Sirny-Kampusch SPIEGEL ONLINE. "Ich stand daneben wie es all die Fremden taten - aber ich bin ihre Mutter. Es war, als habe man mir Natascha ein zweites Mal entführt und genommen." Der Medien-Hype um ihr Kind habe sie "gestresst", sagt sie.

Im Buch aber klingt es stolz, wenn sie über Nataschas erstes Interview vor laufender Kamera berichtet: "Das Interview war ein Straßenfeger. Ganz Österreich hat es gesehen. In den nächsten Tagen wird es auf anderen Sendern in anderen Ländern ausgestrahlt."

Und auch jetzt, da es um ihr eigenes Buch geht, kann der Wirbel, so scheint es, nicht groß genug sein. Ihr eigenes Werk sei in der ersten Auflage mit 50.000 Stück erschienen, berichtet sie. Übersetzungen ins Spanische, Italienische und Englische seien im Gespräch. Zum Schluss zaudert sie bei der Frage, ob Natascha ein eigenes Buch über die Zeit der Gefangenschaft plane. "Ich weiß es nicht", sagt die Mutter. "Aber wüsste ich es, ich würde es Ihnen auch nicht sagen."



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