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Menschenrechtsinitiative: Scientologen narren Uno und Politiker

Von Christian Fuchs

Mit der Initiative "Jugend für Menschenrechte" versucht Scientology Menschen zu erreichen, die der umstrittenen Glaubensgemeinschaft eher kritisch gegenüberstehen. Nun ist dem Tarnverein der erste deutsche Politiker auf den Leim gegangen - und die Uno.

Hamburg - Ein staubiger Bolzplatz irgendwo auf der Welt. Die zwei coolsten Jungs wählen der Reihe nach ihre Mitspieler aus. Nur ein kleiner Steppke im grünen Trikot bleibt übrig. Aus Wut kickt er den Fußball so feste über den Platz, dass es das Tornetz fast zerreißt. Alle jubeln, der Junior ist der Star. Das kurze Filmchen ist ein Werbeclip für das zweite Uno-Menschenrecht: keine Diskriminierung.

Produziert und auf YouTube hochgeladen hat den Clip die Initiative "Jugend für Menschenrechte", deren Ziel es ist, "die Jugend auf der ganzen Welt über Menschenrechte aufzuklären und ihnen dadurch zu helfen, wertvolle Verfechter bei der Förderung von Toleranz und Frieden zu werden". Den Aktivisten gehe es darum, Jugendlichen klarzumachen, wie wichtig "Menschenrechte und religiöse Toleranz" seien. Darum haben sie unter anderem zu jedem der 30 Menschenrechte einen kleinen Erklärfilm hergestellt.

"Jugend für Menschenrechte" wirkt auf dem ersten Blick wie eine unabhängige harmlose Jugendorganisation, fast wie ein offizielles Projekt der Vereinten Nationen (Uno). Bei genauerer Betrachtung entpuppt sich die Gruppe jedoch als Scientology-"Front Group" - als eine Art inoffizielle Unterorganisation. 2001 gründete eine US-Lehrerin die "Youth for Human Rights", ab 2005 ist die Initiative auch in Deutschland aktiv.

Ungefähr hundert Scientologen in Hamburg, Berlin, München, Stuttgart und Erlangen betreiben im Namen der Menschenrechte Propaganda für die umstrittene Glaubensgemeinschaft. So sieht das Ursula Caberta, die Sektenbeauftrage der Stadt Hamburg. Die Menschenrechtsjugend versuche "über ein positiv besetztes Thema Nachwuchs für Scientology zu werben und die Sekte damit hoffähig zu machen", sagt Caberta.

Und Michael Zügel vom Landesamt für Verfassungschutz in Baden-Württemberg warnte: "'Jugend für Menschenrechte' ist eine Hilfsorganisation von Scientology. Die Propaganda soll suggerieren, dass sich Scientology für Menschenrechte und Demokratie einsetzen würde. Aber hinter 'Jugend für Menschenrechte' verbirgt sich eine Organisation, die die Demokratie verachtet und unbotmäßige Mitglieder häufig menschenverachtend behandelt."

Jugendgruppen umworben

Unter dem Deckmantel der Menschenrechte werden also beispielsweise Unterschriften für eine Petition gesammelt, Menschenrechte als Unterrichtsfach in den Schulen zu lehren. Vergangenes Jahr versuchten Mitglieder von "Jugend für Menschenrechte" in München Jugendgruppen zu umwerben und luden Kinder zum "Tag der Menschenrechte" ein. Außerdem haben die verdeckten Scientologen einen Tanz choreographiert, mit dem sie in "Live-Performances" in deutschen Einkaufsstraßen für ihre Sache werben. Im Internet gibt es ein "Hip-Hop Musikvideo für Menschenrechte" und die Broschüre "Was sind Menschenrechte?".

Das Büchlein wird im Verfassungsschutzbericht 2007 erwähnt und wurde laut Scientology bereits eine halbe Million Mal verteilt. In dem 36-seitigen "illustrierten Leitfaden für Kinder und Jugendliche" findet sich unter Zitaten von anerkannten Menschenrechtlern wie Martin Luther King oder Mahatma Gandhi auch ein Sinnspruch von L. Ron Hubbard, dem Gründer von Scientology. Mit dieser subtilen Gleichstellung versucht sich die Sekte aufzuwerten, kritisieren Sektenbeauftragte und Politiker. Michael Feiler vom Bayerischen Landesamt für Verfassungsschutz sieht die Aktivitäten als Teil einer "Expansionsstrategie", sagte er der "Süddeutschen Zeitung".

Mit Erfolg, wie es scheint. Im Rahmen des 60-jährigen Jubiläums der Uno-Menschenrechtserklärung sind anscheinend selbst die Vereinten Nationen der Scientology-Kampagne aufgesessen. Bis Mitte vergangener Woche vertrieb der offizielle "United Nations Bookshop" die DVD "Youth for Human Rights" weltweit über das Internet. Das Video ist die Zusammenfassung aller 30 jugendgerechten Kurzclips zu den Menschenrechten, die auch im Internet zu sehen sind. Schon im vergangenen September veranstaltete "Youth for Human Rights International" einen Jugendkongress mit über tausend Teilnehmern aus 27 Ländern im Plenarsaal des Uno-Hauptquartiers. Der Gouverneur von Kalifornien, Arnold Schwarzenegger, und Prinz Albert von Monaco haben die vermeintlichen Menschenrechtler bereits öffentlich gelobt.

Werbespots im deutschen Fernsehen

Aber auch die Arbeit der deutschen Abteilung hat bereits Wirkung erzielt: Die Menschenrechtsspots liefen auf den Fernsehsendern DSF und Hamburg1, behauptet Sabine Weber von Scientology stolz. Auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE bestätigte der Münchner Sender den Vorgang.

Googelt man in Deutschland den Begriff "Menschenrechte", dann erscheint die Scientology-Seite von "Jugend für Menschenrechte" - als drittes Suchergebnis hinter Wikipedia und Amnesty International. Vor allem Schüler und Lehrer haben bisher Videos und Broschüren bei der Initiative für den Unterricht bestellt, sagt Jürgen Heise von "Jugend für Menschenrechte".

Im Januar scheint nun auch der erste deutsche Politiker auf die verdeckten Scientologen hereingefallen zu sein. Zum Auftakt seiner Neujahrsansprache zeigte der Bürgermeister der brandenburgischen Gemeinde Peitz, Bernd Schulze (parteilos), den Film zum zwölften Menschenrecht - nach eigenen Angaben ohne zu wissen, wer hinter der am Ende eingeblendeten Organisation "Jugend für Menschenrechte" steht. Mit der Sekte habe er aber nichts am Hut, sagte er der "Berliner Zeitung".

Laxer Umgang mit Scientology

Dieser laxe Umgang mit Scientology sei gefährlich, sagte die Sektenexpertin der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Antje Blumenthal, SPIEGEL ONLINE. "Herrn Schulze scheint die Dimension der Scientology-Strategie gar nicht bewusst zu sein." Die Hubbard-Jünger stellten sich als Verfechter einer guten Sache hin, um alle Kritiker als Verrückte zu diskreditieren, glaubt die Abgeordnete. Darum werde sie dem Peitzer Bürgermeister einen persönlichen Brief senden.

Obwohl der "überwiegende Anteil" der Mitglieder Scientologen seien, sieht Jürgen Heise von "Jugend für Menschenrechte" keinen Zusammenhang zu der Sekte: "Im unserem gesamten Material finden Sie keine Werbung für Scientology." Die Vorwürfe seien "einfach Bananas". Gleichwohl machte der Pressedienst der Scientology Kirche Bayern im August 2008 mit einer bebilderten Meldung auf eine Unterschriftenaktion der "Jugend für Menschenrechte" aufmerksam.

Scientology-Sprecherin Sabine Weber, die die Kampagne vor ein paar Jahren noch selbst mit aus der Taufe gehoben hat, sagte SPIEGEL ONLINE: "Es geht bei der Initiative nicht um Scientology, sondern um Menschenrechte. Über 'Jugend für Menschenrechte' ist in Deutschland noch niemand Mitglied von Scientology geworden."

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Kampagne: Scientology und die Menschenrechte


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