Messe im Petersdom: Rom verabschiedet Papst mit Jubelsturm

Aus Rom berichtet

Aschermittwoch im Vatikan: Papst Benedikts letzte Liturgie Fotos
AFP

"Viva il papa!"-Rufe und Standing Ovations: Die Aschermittwochsmesse Benedikts XVI. im Petersdom gerät zur überwältigenden Abschiedsfeier. Der kühle Papst hat in den letzten Tagen als Stellvertreter Christi auf Erden noch ein paar Herzen erobert.

Drei Minuten lang brandet der Applaus durch den Petersdom, bis der Papst die Gemeinde ruhig ermahnt: "Danke, wenden wir uns wieder dem Gebet zu." Tausende Gläubige gehorchen. Es hält sie allerdings nicht lange auf den Sitzen. Noch zweimal feiern sie Benedikt XVI. mit Standing Ovations, klatschen minutenlang und schwenken Fahnen - wohl ein letztes Mal.

Ob und wann es bereits einmal im Petersdom Tausende Gläubige jubelnd von den Stühlen riss, müssen Kirchenhistoriker nachprüfen. Wer aber am Mittwochabend bei der letzten Messe Benedikts XVI. dabei ist, hat das Gefühl, etwas Einmaliges zu erleben. Neunzig Minuten wird die Aschermittwochsmesse routiniert zelebriert, dann kommt es zum Jubelausbruch.

Mit Spannung wurde die Messe im Petersdom erwartet, nachdem der Papst am Montag die ganze Welt mit seinem Rücktritt überrascht hatte. Für den umstrittenen Benedikt war es ein würdiger Abschied von der Gemeinde. Er selbst verlor kaum Worte zum Rückzug - doch die Zeremonie gerät am Ende doch noch zur großen "Arrivederci, Benedetto"-Show.

Einmal noch den Papst sehen, dachten sich Tausende. Schon am frühen Nachmittag drängen sich die Gläubigen auf dem Petersplatz. Erst hundert, dann zweihundert und dreihundert Meter schlängelt sich die Reihe vor dem Petersdom. Priesterschüler in Schwarz, Schwestern mit Kopfbedeckungen prägen anfangs das Bild. Am Ende der Schlange sagt eine englische Theologiestudentin: "Ich muss einfach dabei sein." Sie stand hier, als 2005 weißer Rauch aufstieg und aus Joseph Ratzinger Benedikt XVI. wurde. Jetzt wolle sie sich verabschieden. "Ich bin traurig, er war ein wundervoller Papst."

Gläubige mit Justin-Bieber-Frisur und Dolce-und-Gabbana-Brille

Immer mehr römische Bürger mischen sich unter die Gläubigen aus aller Welt. Jungs mit Justin-Bieber-Frisuren, Frauen mit riesigen Dolce-und-Gabbana-Brillen. Und Patricia Finamonti aus dem alten Arbeiterviertel Trastevere, die noch nie bei einer Papstmesse war - und lange keinen Draht zum deutschen Papst fand. "Sein Vorgänger hat Wärme ausgestrahlt", sagt sie über Johannes Paul II., den die Römer liebten, anders als Benedikt. "Aber es ist einfach emotional, wenn ein Papst geht", sagt sie.

Drinnen hat Finamonti, eine Mittdreißigerin in Daunenjacke und mit langen schwarzen Haaren, wie Hunderte andere keinen Sitzplatz mehr erwischt. Sie will wissen, wie schlecht es dem Papst geht. "Kann er noch laufen?", fragt sie einen Ordner zum Gesundheitszustand. "Es schafft es nicht mehr", zischt der leise. Schwere Gewänder, schwache Knie, der Papst wird auf dem "Pedana mobile", einem Rollwagen, in den Dom gefahren. Tausende recken iPads, Smartphones, Kameras in die Luft - noch ein letztes Bild von Benedikt. Sie sehen einen gebeugten Mann, den es sichtbar Mühe kostet, zu stehen. Ihn plagen die Aufregung der letzten Tage und die Anstrengung der Generalaudienz am Vormittag.

Hunderte klettern auf die Plastikstühle

Doch er führt ruhig auf Italienisch durch die Messe. In seiner immer etwas heiseren Stimme, die für die Deutschen freundlich, aber für die Italiener etwas hart klingt, bereitet er die Gemeinde auf die Fastenzeit vor. Er spricht vom Glauben und vom Fasten als eine Umkehr, kritisiert "religiöse Heuchelei" und Gefallsucht. Gegen Ende wird die Stimme schwach. Er dankt wohl ein paar Mal häufiger als sonst, aber zu seinem Abschied als Stellvertreter Gottes verliert er kein Wort - eine Messe nach liturgischem Brauch.

Die Emotionen nehmen erst überhand, als nach anderthalb Stunden Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone das Wort ergreift. Von der "tiefen Traurigkeit" über den Rückzugs des Papstes spricht er und wendet sich Benedikt zu: "Danke, dass Sie ein leuchtendes Beispiel für einen Arbeiter im Weinberg des Herrn sind." Nun brandet erstmals Applaus auf.

Trotz Benedikts Ermahnung applaudieren die Gläubigen ihrem Papst noch zweimal laut und lang, dann ist die Messe gelesen. Beim Auszug klettern Hunderte auf die Plastikstühle. Was natürlich verpönt ist, aber nun schauen die Ordner selbst nicht mehr hin. Alle knipsen, winken und blicken noch ein letztes Mal auf den Papst. Um 18.55 Uhr wird Benedikt XVI. aus dem Petersdom gefahren. Jetzt lächelt auch er - und dürfte ahnen: In den letzten Tagen als Stellvertreter Christi auf Erden hat er noch ein paar Herzen erobert.

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insgesamt 41 Beiträge
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    Seite 1    
1. Dieser Papst berührt mich...
bestpiet 14.02.2013
... ich bin dankbar für den Heiligen Vater und glücklich beseelt und traurig zugleich. Was hat dieser Mann nicht alles geleistet. Er ist der grösste Deutsche auf Erden! Danke Heiliger Vater!
2. Sturm oder Storm - das neue Schlagwort
flyboard 14.02.2013
Nach "Shit-Storm" durch das Internet, dem "Candy-Storm", dem Claudia Roth (Partei Bündnis 90/Die Grünen) ausgesetzt war, trifft nun auch Papst XY Benedikt einen Sturm, den Jubel-Sturm. Aha, eine weitere Verunstaltung unserer Sprache, Was kommt nach dem Storm oder Sturm? Wenn das mal jeder gehabt hat, muss ja eine Steigerung her. Ich weiß eine: Einfach mal das Hirn einschalten und nicht unnötig übertreiben, auf dem Boden bleiben!
3. Dieser Papst berührt mich...
bestpiet 14.02.2013
... ich bin dankbar für den Heiligen Vater und glücklich beseelt und traurig zugleich. Was hat dieser Mann nicht alles geleistet. Er ist der grösste Deutsche auf Erden! Danke Heiliger Vater!
4. .
spon-facebook-1425926487 14.02.2013
Wenn man die Bildunterschriften liest, hat man den Eindruck, man liest eine Beschreibung aus einem Reisekatalog über Handlungen eines Geistsehers auf Polynesien- und nicht von sakralen Ereignissen, die jeder in Deutschland von Kindesbeinen an kennt.. ^^
5. optional
Strandhaus 14.02.2013
Ich habe ihn - Ratzinher hin oder her - geachtet, sein Bich "Einführung in das Christentum" bewundert, und seine freie Entscheidung, das Amt abzugeben, wird vielleicht doch noch dazu beitragen, den verrückten Anspruch und die überhöhte Gottesautorität des Amtes ein wenig zu relativieren.
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