Papst verurteilt Drogenkartelle "Jesus würde uns nie einladen, Auftragskiller zu werden"

Papst Franziskus hat Mexikos Jugend aufgerufen, sich nicht mit der Drogenmafia einzulassen. Die Resonanz war riesig - und für den Pontifex nahezu umwerfend.


Der argentinische Jesuit Franziskus ist in Mexiko - und damit auch ein bisschen zu Hause. Daran ließen die begeisterten Katholiken in Morelia keinen Zweifel: "Du bist unser großer Bruder, du bist Lateinamerikaner, du kennst die Herzen aller Lateinamerikaner", sagte eine junge Frau zum Auftakt einer Veranstaltung im Bundesstaat Michoacán.

Freund, Vater und Pastor sei Franziskus für seine Gläubigen. Vor lauter Begeisterung spielten sich tumultartige Szenen ab: Jeder wollte den Heiligen Vater sehen, aber auch berühren, umarmen. Dabei wurde der Papst fast umgestoßen und reagierte ein wenig verärgert: "Seid nicht so egoistisch", rief er, das Gesicht gerötet.

Der Papst ist Hoffnung in einem Land, in dem angesichts von Korruption, Mord und Drogensumpf Verzweiflung und Apathie regieren. Franziskus versteht das: Es sei schwer, sich des eigenen Wertes bewusst zu sein, "wenn du ständig dem Verlust von Freunden oder Verwandten ausgesetzt bist, durch den Drogenhandel, die Drogen selbst oder kriminelle Organisationen, die Terror säen", sagte er.

Als Christen aber müssten sie die Stärke finden, zu erkennen, dass es eine Lüge sei, zu glauben, der einzige Weg zu überleben und jung zu sein, bestünde darin, sich Drogenhändlern anzuvertrauen.

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Papst Franziskus in Mexiko: Der Heilige Vater und die Drogenmafia
Während seiner Rede forderte Franziskus die Jugend Mexikos auf, sich von den mörderischen Drogensyndikaten fernzuhalten. "Jesus Christus würde uns nie dazu einladen, Auftragsmörder zu werden", sagte Franziskus in einem Stadion vor rund 85.000 Jugendlichen in der regionalen Hauptstadt Morelia. Niemand solle sich von der Versuchung blenden zu lassen, schöne Autos oder Markenklamotten zu besitzen.

Der westlich gelegene Bundesstaat Michoacán gilt als einer der gewalttätigsten des Landes. Hier sind Drogensyndikate wie die sogenannten Tempelritter oder das Kartell Jalisco Nueva Generación aktiv. Nach Schätzungen sind in Mexiko in den vergangenen zehn Jahren etwa 100.000 Menschen in Zusammenhang mit der Drogengewalt ums Leben gekommen.

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Sie kämpfen um die Macht und das Geld - mit brutalsten Mitteln: In Mexiko haben Drogenkartelle dem Staat und ihren Rivalen den Krieg erklärt. SPIEGEL ONLINE zeigt, welche Syndikate welche Regionen kontrollieren, und erklärt, wer die Hintermänner sind.
Bereits nach seiner Ankunft in Michoacán am Vormittag hatte der Papst zum entschlossenen Widerstand gegen den Drogensumpf in Mexiko aufgerufen. Die Gesellschaft könne es sich nicht leisten, vor Gewalt und Korruption zu kapitulieren, sagte Franziskus vor 22.000 Menschen in einem anderen Stadion.

Die örtliche katholische Kirche ermunterte Franziskus, sich nicht in ihren Sakristeien zu "verschanzen". Seit Beginn seiner Reise hat Franziskus mehrfach die mexikanischen Kirchenführer in die Pflicht genommen. Viele von ihnen verfügen über enge Verbindungen zu Politik und Finanzwelt. Aber auch innerhalb der katholischen Kirche gibt es Opfer der allgegenwärtigen Gewalt: Seit 1988 wurden dem Catholic Multimedia Center zufolge mindestens 38 Priester getötet, zwei weitere werden vermisst.

Am Mittwoch wird der Papst in Ciudad Juárez erwartet, der ehemals gewalttätigsten Stadt des Landes an der Grenze zu den USA. Zum Abschluss seiner Mexiko-Reise will er dort eine Haftanstalt besuchen. Geplant ist auch eine Messe, die live in die benachbarte US-Stadt El Paso in Texas übertragen werden soll.

Der geplante Besuch der Grenzstadt Juárez erregte offenbar den Unmut des fremdenfeindlichen US-Präsidentschaftsbewerbers Donald Trump. Der Papst verstehe die Gefahr nicht, die eine offene Grenze zwischen den USA und Mexiko bedeuten würde, dozierte Trump im US-Fernsehen.

Die Antwort des Papstes kam postwendend und war unmissverständlich: Franziskus lasse sich mitnichten für die mexikanischen Migrationspolitik instrumentalisieren, ließ Vatikansprecher Federico Lombardi wissen. Das Interesse des Heiligen Vaters an Flüchtlingen sei global und nicht ausschließlich auf jene gerichtet, die in die Vereinigten Staaten einreisten.



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