Immobilien-Irrsinn in Spanien Kirche gehört jetzt der Kirche

Durch ein abstruses Gesetz konnte sich die katholische Kirche in Spanien eine der größten Sehenswürdigkeiten des Landes unter den Nagel reißen: die Mezquita-Kathedrale. Nun machen Bürger und Wissenschaftler aus aller Welt ihrer Empörung Luft.

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Von Tino Brömme


Die Moschee und Kathedrale von Córdoba begeistert mit ihrer maurischen Architektur Jahr für Jahr Tausende Besucher, die ihren "Säulenwald" und Orangengarten durchwandern. Muslimische Gebete allerdings finden hier schon seit 800 Jahren nicht mehr statt. Damals entriss die Reconquista den Arabern die iberische Halbinsel, und die Moschee wurde zur katholischen Kirche geweiht.

In der Mitte des 20.396-Quadratmeter-Komplexes erhebt sich daher eine gotische Kathedrale, erbaut im 16. Jahrhundert, die zwischen den orientalischen Säulenbögen wie ein Fremdkörper wirkt. Doch die Jahrhunderte ältere arabische Vorgeschichte ist in den Informationsbroschüren, auf den Schautafeln oder der offiziellen Webseite kaum mehr als eine Randnotiz.

"Es ist erschreckend, wie alles Islamische systematisch ausgeblendet oder abgewertet wird", erregt sich Julio Samsó, emeritierter Arabistikprofessor der Universität Barcelona. "Man erfährt nichts über ihre vorchristliche Geschichte, Erklärungen der arabischen Inschriften fehlen. Sie heißt nur noch 'Heilige Kirche', das Wort 'Mezquita' (Moschee) wurde aus dem offiziellen Namen gestrichen."

Samsó ist nicht allein mit seiner Empörung: Neben ihm haben weitere hundert Wissenschaftler aus elf Ländern ein Manifest zur Bewahrung des interkulturellen Erbes der Mezquita-Kathedrale lanciert.

Eine der Hauptforderungen dieses Manifests deckt abstruse Verstrickungen auf, die ihren Anfang in der Franco-Diktatur nahmen. Genau genommen in einem Gesetz von 1946.

30 Euro für eine Kathedrale

Dank Franco genügte es, dass die Diözese von Córdoba aufgrund einer gesetzlichen Sonderbefugnis einen Eintrag ins Grundbuch vornehmen ließ und eine Gebühr von 30 Euro entrichtete. Mit dem praktischen Gesetz zeigte der Diktator sich damals den Bischöfen erkenntlich, die ihn im Bürgerkrieg und beim Aufbau der faschistischen Diktatur in Spanien unterstützten. Kultstätten waren zu dieser Zeit allerdings noch ausgenommen von der Möglichkeit, Privateigentum zu werden, eine Einschränkung, die 1998 unter der Regierung von José María Aznar aufgehoben wurde. Seit März 2006 gehört die Mezquita der katholischen Kirche.

"Die Mezquita ist ein Nationaldenkmal und muss wieder öffentliches Eigentum werden", fordert der Historiker Eduardo Manzano aus Madrid. Der Verfasser des Manifests, das zunächst als Zeitungskolumne und dann in einem akademischen Forum kursierte, sieht die Politik in der Pflicht. "Es ist unverantwortlich", sagt er, "dieses bedeutende Symbol der Kulturvielfalt und Integration dem Bistum von Córdoba zu überlassen und zu erlauben, dass in seinen Mauern ein sektiererischer und geschichtsrevisionistischer Diskurs herrscht."

Die Mezquita, wie sie jeder in Córdoba nennt, auch die Katholiken, die darin zur Messe gehen, ist neben der Stadtburg Alhambra in Granada eine der meistbesuchten Sehenswürdigkeiten Spaniens. Beide wurden 1984 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt.

5000, 10.000 oder noch mehr?

Der Mezquita-Skandal steht beispielhaft für hunderte geheime Inbesitznahmen durch die Kirche: Allein in der kleinen nördlichen Region Navarra hat die Kurie nach Recherchen des Fernsehsenders LaSexta bis heute etwa 1400 Immobilien als ihr Eigentum registriert. Darunter nicht nur Kirchen, sondern auch Wohn- und Warenhäuser, Garagen und Gärten aus Gemeingut. Der Umfang in ganz Spanien ist nicht bekannt, niemand wagt zu schätzen, ob es 5000, 10.000 oder mehr Gebäude sind.

Am Fall der Mezquita hängt nicht nur die Bewahrung eines großen Kulturerbes, sondern ein beträchtliches finanzielles Interesse der Kirche. Sie ist nach dem Staat der zweitgrößte Immobilieneigner Spaniens. Schätzungsweise 100.000 Gebäude, auf die sie keine Grundsteuer zahlen muss, gehören ihr. Die Einnahmen sind zugleich üppig: Kirchensteuern und staatliche Zuschüsse für ihre Schulen, priesterliche Dienste in Kliniken, Gefängnissen, Armee und anderes mehr belaufen sich, so die Organisation Europa Laica, auf insgesamt elf Milliarden Euro im Jahr.

Linke Kräfte sehen in Córdoba einen Hebel, um den alten, milliardenschweren Privilegien der katholischen Kirche in Spanien beizukommen. Dazu gehört die Bürgerplattform "Mezquita für alle", die sich 2014 gegründet hat. Eine Petition der Initiative haben fast 400.000 Bürger unterzeichnet. Im Sommer 2015 wurde daraufhin das alte Gesetz vom Parlament in Madrid außer Kraft gesetzt. "Aber die Regierung hat der Kirche einen weiteren Gefallen getan", kritisiert Miguel Santiago, der Sprecher der Plattform. "Jetzt muss die Kirche zwar auch, wie alle andern, beim Gemeinderegister Nachweise vorlegen. Doch alle auf Basis des Franco-Gesetzes erworbenen Immobilien einschließlich der Mezquita bleiben unangetastet. Wir halten das für verfassungswidrig und fordern, dass sämtliche Grundbucheintragungen rückwirkend für ungültig erklärt werden."

"Die Stadt ist doch nur auf das Geld aus"

Rückenwind erhält dieser Vorstoß bei den Oppositionsparteien Podemos, Izquierda Unida und der sozialistischen PSOE. Alle drei Parteien haben eine Neuordnung des Verhältnisses zwischen spanischem Staat und Kirche in ihre Programme zur Parlamentswahl geschrieben. Die andalusische Generalsekretärin von Podemos, Teresa Rodríguez, forderte Anfang November von der Landesregierung in Sevilla "eine Liste aller Immobilien, die sich die Kirche in Andalusien angeeignet hat, und ein Transparenzgesetz, das alle mit öffentlichem Geld subventionierten Güter schützt."

Es wundert nicht, dass die Kirche sich mit Händen und Füßen verteidigt: Erzbischof Demetrio Fernández ignoriert die Unterschriften der Petition. Die Kirchenleitung von Córdoba rechtfertigt sich damit, dass Ferdinand III. von Kastilien die Moschee der Kirche 1236 vermacht habe. Miguel Ángel Roldán, ein Mitglied der katholischen Bruderschaft von Córdoba, sagt, die Kirche habe sich nur genommen, was ihr ohnehin gehöre: "Bei der Kathedrale von Sevilla hat sich auch keiner aufgeregt. Unser Eigentumsanspruch resultiert aus unserem jahrhundertelangen Gebrauch. Die Stadt ist doch nur auf das Geld aus, das die Mezquita als Einnahmen generiert."



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Seite 1
Eduschu 20.12.2015
1.
Stimmt es, dass die "Mezquita" 1236 der katholischen Kirche vermacht wurde? Wenn ja, dann ist doch alles in Ordnung.
Marellon 20.12.2015
2. Wenn schon, denn schon
Wenn der SPON schon grandiosen Enthüllungsjournalismus betreibt, soll er ihn wenigstens seriös betreiben. Wertungen wie "abstrus" haben darin nichts verloren ? aber etwas buchhalterisches Wissen: Wenn "der Staat der Kirche Mittel überweist" für Schulen etc., äufnet sie damit keine Kassen, sie gibt diese Mittel und übrigens auch die Einkünfte aus "Garagen und Wohnhäusern" aus für diese Leistungen. Zudem wüsste man gerne, wo der vermeintliche Schaden ist, wenn die in Frage stehende Kirche nun im Eigentum der Kirche ist statt im Eigentum des Staates. Man darf davon ausgehen, dass die Kirche den Bau nicht abreißt, um Bürogebäude zu bauen.
güti 20.12.2015
3.
Interessant wie man durch weglassen von Informationen leicht einen einseitigen Meinungsartikel noch einseitiger macht. 1. war das erste Gebäude dass dort stand eine Kirche bevor die Mauren es bei der "gewaltsamen Eroberung" der christlichen Bevölkerung "entrissen und eine Moschee an die Stelle setzte. 2. Die besagte Schenkung aus dem 12. Jahrhundert ist urkundlich festgehalten 3. Die Kirche hat angefangen Franco zu unterstützen als die " Republikaner " angefangen haben Priester zu ermorden und Kirchen zu rauben. 4. klar ist die Enteignung der Kirch der feuchte Traum eines jeden Kommunisten. Aber wenn man alle Fakten beinbezieht gehört das Gebäude am ehesten der katholischen Kirche und nicht einem Staat, der seit 40 Jahren existiert und demokratisch beschlossene hat, der Kirche diese Gebäude zu überlassenn.
leo19 20.12.2015
4. Ja ist das nicht normal, dass die Kirche der Kirche gehört?
Und muss die dann nicht für die Instandhaltung aufkommen? Auch in Deutschland wird nach dem Konkordat mit der Hitler-Regierung immer noch Kirchensteuer vom Staat für die Kirche eingetrieben. Ist das nicht der grössere Skandal?
Scheidungskind 20.12.2015
5. ...
Der Selbsthass verwöhnter Westeuropäer ist immer wieder erstaunlich.
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