Veröffentlichung am Dienstag Die Fakten zum ersten Bericht über Flug MH17

Was geschah während der letzten Minuten von Flug MH17? Mehr Klarheit könnte ein Zwischenbericht der Ermittler bringen, der am Dienstag erscheint. Was ist zu erwarten, was nicht? Der Überblick.

Bewaffneter Separatist auf abgerissenem Leitwerk von Flug MH17 (am 17. Juli): "Schlüssige Geheimdienstberichte"
REUTERS

Bewaffneter Separatist auf abgerissenem Leitwerk von Flug MH17 (am 17. Juli): "Schlüssige Geheimdienstberichte"

Von Rainer Leurs


Hamburg/Den Haag - Es wird kein besonders langer Text, so viel ist klar. 30 bis 35 Seiten, sagt Sara Vernooij vom niederländischen Sicherheitsrat OVV, so umfangreich ist der Zwischenbericht, den ihre Behörde am Dienstag vorlegen soll. Thema: Der Absturz von Flug MH17 über der Ostukraine. Erstmals sollen in dem Papier konkrete Ergebnisse zur Ursache der Katastrophe genannt werden - entsprechend groß sind die Erwartungen. Die wichtigsten Fakten im Überblick.

Wann und wo kann man das Dokument lesen?
Veröffentlicht wird der Zwischenbericht am Dienstagmorgen um 10 Uhr auf der Website des OVV.

Was steht drin?
"Normalerweise enthält ein solcher 'Preliminary Report' eine Faktensammlung aller bisher verfügbaren Daten", sagt Jan-Arwed Richter, Experte für Flugunfälle und Betreiber der Beratungsagentur Jacdec. "Besonders interessant dürfte die Auswertung der Radartapes der ukrainischen Luftraumüberwachung, die Daten der Blackbox sowie etwaige Satellitenbilder sein, die in jenen Stunden gemacht wurden." Tatsächlich liegen dem Ermittlerteam diese Informationen vor - das bestätigte der niederländische Koordinator für Terrorismusbekämpfung, Dick Schoof, bei einer Fragestunde im Parlament. Gerade über die Flugschreiber und die Protokolle der ukrainischen Flugsicherung hatten die Ermittler wochenlang kein Wort verloren, auch die westlichen Regierungen hüllten sich in Schweigen. Der Zwischenbericht dürfte der Öffentlichkeit nun erstmals Details zu den letzten Minuten von Flug MH17 liefern.

Was wird fehlen?
Höchstwahrscheinlich eine Antwort auf die Frage, wer für den Abschuss der Boeing 777 verantwortlich ist. Wie der OVV frühzeitig klarstellte, gehen die Ermittler nicht der Schuldfrage nach, sondern versuchen lediglich, die Absturzursache zu klären. Und selbst diese dürfte im Zwischenbericht nicht abschließend aufgelöst werden. Grundsätzlich benenne so ein Report "keinerlei finale Ursachen oder gar Verantwortlichkeiten", sagt Jan-Arwed Richter.

Zudem wird der OVV wohl längst nicht alle Daten publizieren, die ihm zur Verfügung stehen. So hieß es bereits Ende August in einer Stellungnahme, das verwendete Material sei rechtlich geschützt, man werde es deshalb nicht in Gänze veröffentlichen. Richter sieht es so: "Die politische Brisanz und die immer noch explosive Lage vor Ort können dazu führen, dass bestimmte Erkenntnisse, die eine Bewertung der Schuldfrage zuließen, vom Report ausgenommen werden." Endgültige Antworten erwarte er jedenfalls nicht.

Zur Frage, welche konkreten Daten in dem Bericht publik gemacht werden, wollte sich OVV-Sprecherin Vernooij vorab nicht äußern. Ein mutmaßlich sehr viel umfangreicherer Abschlussbericht soll in etwa einem Jahr veröffentlicht werden.

Warum erscheint der Zwischenbericht erst jetzt?
Knapp acht Wochen sind seit dem Absturz von Flug MH17 vergangen - das ist recht lang für einen Zwischenbericht (die Internationale Zivilluftfahrtorganisation ICAO sieht 30 Tage als Zeitrahmen vor), aber auch nicht völlig ungewöhnlich. Zum Vergleich: Nach dem Verschwinden der anderen Malaysia-Airlines-Maschine (MH370) über dem Indischen Ozean dauerte es ebenfalls fast zwei Monate, bis ein erster knapper Report erschien.

Dass die Ermittler im Fall von MH17 länger brauchten, hatte laut OVV mit der komplizierten Lage in der Ukraine zu tun. Konkret: Zumindest bis Ende August war es ihnen nicht gelungen, zum Absturzort vorzudringen, um etwa Wrackteile einzusammeln und zu untersuchen. Das aber wäre notwendig, um einen Abschuss zweifelsfrei zu belegen und das verwendete Waffensystem zu benennen. Ob eine solche Analyse inzwischen gelungen ist, wollte Sprecherin Vernooij auf Nachfrage nicht sagen.

Wer ist an den Ermittlungen beteiligt?
Unter der Führung des OVV arbeitet ein etwa 25-köpfiges Expertenteam aus verschiedenen Nationen an der Untersuchung. "Das ist aber keine feste Größe", sagt Vernooij. "Einige Mitglieder kommen und verlassen die Gruppe wieder, wenn sie mit ihrer Arbeit fertig sind." An den Ermittlungen beteiligt sind Experten aus Deutschland, Malaysia, Großbritannien, den USA, der Ukraine, Frankreich - und aus Russland, wie Terroristenjäger Schoof bestätigte. Vorabversionen des Zwischenberichts wurden unter den Ermittlern verteilt und diskutiert. Ob über die endgültige Fassung abgestimmt wurde, ist unklar.

Wer klärt die Schuldfrage, und wann?
193 der Todesopfer von Flug MH17 waren niederländische Staatsbürger - entsprechend gibt es in dem Land ein immenses Interesse daran, die Schuldigen zur Verantwortung zu ziehen. Momentan treibt die Generalstaatsanwaltschaft in Den Haag die nach eigenen Angaben umfangreichsten Ermittlungen der niederländischen Geschichte voran, um den Absturz strafrechtlich aufzuarbeiten. Beteiligt sind zehn Mitarbeiter des Justizministeriums und rund 200 Ermittler, außerdem Fahnder aus der Ukraine, Malaysia, Belgien und Australien.

Gerade aus Malaysia indes gab es zuletzt eine bemerkenswerte Wortmeldung: "Uns liegen die Geheimdienst-Erkenntnisse zum Schicksal von Flug MH17 vor, und diese Berichte sind schlüssig", sagte Premierminister Najib Razak laut "Wall Street Journal" bei einem Besuch seines australischen Amtskollegen Tony Abbott. "Im nächsten Schritt werden wir physische Beweismittel sammeln, die zu gegebener Zeit vor Gericht präsentiert werden können. Mit ihnen werden wir ohne jeden Zweifel nachweisen, dass das Flugzeug mit einer Rakete abgeschossen wurde."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 21 Beiträge
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Seite 1
cvdheyden 08.09.2014
1. Sammeln
Ich hoffe die können genug sammeln. Oder haben hoffentlich schon angefangen zu sammeln. Bin mal gespannt wie die Welt auf den Bericht reagiert. Hoffentlich werden die Fakten ein klares Bild ergeben.
jack128 08.09.2014
2. absturzstelle nicht begehbar
nachdem seperatisten und kiew versichert haben die ermittlungen nicht zu behindern drängt sich die frage auf wieso die absturzstelle über wochen nicht für ermittler zugängig war. was ist der grund hierfür? eine offensive der seperatisten, eine offensive kiews?
busytraveller 08.09.2014
3. Rakete
Es wird sich wohl bestätigen, dass es eine Rakete war. Vielleicht auch, dass sie vom Boden kam. Damit werden sich die Kriegsparteien erst mal weiter beschuldigen. Ich kann mir nur vorstellen, dass es die Separatisten waren. Zu viel spricht dafür. Das wird aber so schnell nicht ganz deutlich gesagt werden - Politik halt.
McMacaber 08.09.2014
4. er kommt ...
... zu spät. sollte der vorabbericht eindeutige indizien beinhalten, die darauf hindeuten, daß es die separatisten waren, wird jeder verschwörungstheoretiker der welt dies als indiz dafür nehmen, dass die lange dauer der veröffentlichung durch eine westliche verschwörung bedingt war, welche die zeit brauchte, um entsprechend ihrer propaganda die beweise zu fälschen. sollte der bericht darauf hindeuten, daß es die ukraine war, sind nicht ganz so viele verschwörungstheoretiker im spiel, jedoch eine nicht weniger interessante fraktion: die verschwörungsskeptiker :-)
otto_lustig 08.09.2014
5. Die Fakten werden leider kein klares Bild ergeben!
Zitat von cvdheydenIch hoffe die können genug sammeln. Oder haben hoffentlich schon angefangen zu sammeln. Bin mal gespannt wie die Welt auf den Bericht reagiert. Hoffentlich werden die Fakten ein klares Bild ergeben.
Dass die Maschine abgeschossen wurde, steht doch außer Frage. Dass die Maschine mit russischen Raketen abgeschossen wurde, ist mehr als wahrscheinlich, lässt sich aber nicht beweisen. Russland bestreitet das, die Separatisten bestreiten das, obwohl sie vorher den Abschuss eines angeblichen ukrainischen Flugzeuges gefeiert haben. Damit sind die Mörder fein raus. Eventuell werden wir die Wahrheit in 30 oder 40 Jahren erfahren.
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