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Vermisstes Passagierflugzeug: Emirates-Chef stellt Erkenntnisse zu Flug MH370 infrage

Australisches Militärflugzeug auf der Suche nach Flug MH370 (im März): "Jedes Detail infrage stellen" Zur Großansicht
REUTERS/Australian Defence Force

Australisches Militärflugzeug auf der Suche nach Flug MH370 (im März): "Jedes Detail infrage stellen"

Warum gibt es noch immer keine Spur von Flug MH370? Tim Clark, Chef der Airline Emirates, übt im Interview scharfe Kritik an den Ermittlern. Er glaubt: Jemand hat sich die Kontrolle über die Unglücksmaschine verschafft.

Seit 1985 steht der Brite Tim Clark an der Spitze der Fluggesellschaft Emirates, er baute das Unternehmen zu einer der weltgrößten Airlines aus. Heute gilt der 64-Jährige als profunder Kenner und Kritiker der Luftfahrtbranche. Auch zum Schicksal des verschollenen Malaysia-Airlines-Fluges MH370 besitzt Clark eine pointierte Meinung. Die Unglücksmaschine war eine Boeing 777, und Emirates betreibt 127 Flugzeuge dieses Typs. Mehr als jede andere Fluggesellschaft der Welt.

SPIEGEL ONLINE: Seit dem Verschwinden von Flug MH370 Anfang März sind inzwischen sieben Monate vergangen, und noch immer gibt es keine physische Spur der Maschine. Was kann man tun?

Clark: Es ist in der Tat ein großes Rätsel. Ich persönlich habe die Sorge, dass wir den Fall auch so behandeln und irgendwann einfach zur Tagesordnung übergehen. Flug MH370 wäre dann vielleicht noch bei "National Geographic" ein Thema, als größtes Mysterium der Luftfahrtgeschichte. Wir dürfen nicht zulassen, dass es dazu kommt. Wir müssen herausfinden, wie dieses Flugzeug verschwinden konnte.

SPIEGEL ONLINE: Und was meinen Sie? Was ist da passiert?

Clark: Ich denke, dass etwas von außen die Kontrolle über das Flugzeug übernommen hat.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie das konkretisieren?

Clark: Jeder muss sich selbst überlegen, wer da was getan hat. Wir müssen wissen, wer wirklich in diesem Flugzeug war, und wir müssen wissen, was es geladen hatte. Bei allen, die an der Untersuchung beteiligt waren, müssen wir Druck machen. Ich bin übrigens nicht der Ansicht, dass die Tracking-Systeme moderner Langstreckenjets verbessert werden müssen. Die Boeing 777 ist bereits jetzt eines der fortschrittlichsten Flugzeuge der Welt, mit modernsten Kommunikationssystemen. MH370 hätte niemals in eine Situation geraten dürfen, in der das Flugzeug nicht mehr vom Boden aus zu orten war.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Clark: Der Transponder wird vom Cockpit aus kontrolliert. Mithilfe dieser Instrumente kann die Flugsicherung die jeweilige Maschine per Sekundärradar identifizieren und verfolgen. Wenn Sie den Transponder abschalten, verschwinden Sie vom Radarschirm. Das dürfen wir niemals zulassen: Das Flugzeug muss immer verfolgbar sein.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es keine anderen Möglichkeiten, ein Zivilflugzeug zu orten?

Clark: Die andere Methode nennt sich ACARS (Aircraft Communications Addressing and Reporting System - d. Red.). Wir benutzen dieses System vor allem, um die Flugzeugsysteme und die Triebwerksleistung zu überwachen. Bei Emirates verfolgen wir vom Boden aus jede einzelne Maschine, jede ihrer Komponenten und Triebwerke an jedem Punkt des Planeten. Oft entdecken wir dadurch Fehler im System, bevor die Piloten sie bemerken.

SPIEGEL ONLINE: Wie lässt sich das deaktivieren?

Clark: ACARS abzustellen ist keine einfache Sache, und unsere Piloten sind nicht dafür ausgebildet. Aber bei Flug MH370 hat das jemand geschafft, und zwar gründlich. So etwas darf nicht passieren. Wir müssen dafür sorgen, dass ACARS ununterbrochen weiterläuft, unabhängig davon, wer ein Flugzeug kontrolliert. Wenn uns das gelingt, können wir Flugzeuge auch über entlegenen Meeresgebieten überwachen. Zusätzliche Tracking-Systeme sind dann unnötig.

  • Corbis
    Sir Tim Clark, 64, steht seit 1985 an der Spitze der Fluggesellschaft Emirates mit Sitz in Dubai, seit 2003 als Präsident und CEO der Unternehmensgruppe. In Anerkennung seiner Verdienste um die Luftfahrt wurde der Brite kürzlich zum Ritter geschlagen.
SPIEGEL ONLINE: Was sollte denn konkret getan werden?

Clark: Ich würde den Flugzeugherstellern empfehlen, die Deaktivierung von ACARS aus dem Cockpit heraus unmöglich zu machen. Das gilt auch für den Transponder: Ich wüsste nicht, warum ihn ein Pilot überhaupt abschalten können sollte. MH370 war nach meiner Meinung im kontrollierten Flug, vermutlich bis zum Ende.

SPIEGEL ONLINE: Aber warum hätte jemand absichtlich fünf Stunden lang Richtung Antarktis fliegen sollen?

Clark: Wenn das überhaupt der Fall war! Ich meine, dass jedes Detail und alle sogenannten Fakten dieses Falls in Frage gestellt und transparent untersucht werden müssen. Das ist bisher nicht einmal annähernd geschehen. Es gibt viele Informationen, mit denen wir viel direkter und ehrlicher umgehen müssen. Jede Sekunde dieses Flugs muss analysiert werden. Bis zu seinem angenommenen Ende im Indischen Ozean. Für das man im Übrigen ja bislang keine Spur finden konnte, nicht einmal ein Sitzkissen.

SPIEGEL ONLINE: Wundert Sie das? Das mögliche Absturzgebiet westlich von Australien ist riesig, zudem begann die Suche dort erst mit großer Verspätung.

Clark: Die Erfahrung zeigt, dass bei Abstürzen über Wasser immer irgendetwas zu finden ist. Wir haben bislang aber nicht einen einzigen Beleg dafür, dass sich das Flugzeug dort befindet. Nichts. Nur die sogenannten Satelliten-Handshakes. Auch die stelle ich im Übrigen in Frage.

SPIEGEL ONLINE: An welchem Punkt beginnen bei Flug MH370 Ihre Zweifel?

Clark: In der Geschichte der zivilen Luftfahrt hat es - abgesehen von Amelia Earhart 1939 - nicht einen einzigen Unfall über Wasser gegeben, der nicht wenigstens zu fünf oder zehn Prozent nachvollziehbar gewesen wäre. MH370 dagegen ist einfach verschwunden. Für mich ist das verdächtig, und ich bin total unzufrieden mit dem, was bislang herausgekommen ist.

SPIEGEL ONLINE: Wer könnte daran etwas ändern?

Clark: Ich jedenfalls nicht - ich leite nur eine Fluggesellschaft. Aber ich werde weiter unangenehme Fragen stellen, auch wenn andere das Thema lieber unter den Teppich kehren würden. Wir haben eine Verpflichtung gegenüber den Passagieren und Besatzungsmitgliedern von Flug MH370: Dieses Rätsel muss gelöst werden.

SPIEGEL ONLINE: Malaysia Airlines hat in diesem Jahr bereits zwei Katastrophen erlebt, MH17 und MH370 brachten die Firma an den Rand des Ruins. Wenn Sie heute an der Spitze dieser Fluggesellschaft stünden, was würden Sie tun?

Clark: Das ist eine schwierige Frage. Niemand musste bislang zwei derartige Tragödien innerhalb weniger Monate bewältigen. Für Malaysia Airlines dürfte es schwer werden, mit diesem Stigma umzugehen. Sie müssen ihr Geschäftsmodell überdenken, vielleicht auch ihren Namen und ihr Logo. Wir als Branche müssen dieser Firma zurück auf die Beine helfen. Aber mit einer derart beschädigten Marke wird das außerordentlich schwer.

Das Interview führte Andreas Spaeth

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 281 Beiträge
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1. Noch so ein
rainerson 09.10.2014
Verschwörungstheoretiker????
2. Zweifel?
gabrielle.senger 09.10.2014
Wieso Zweifel? War bestimmt auch Putin!
3. Endlich ...
Lampenluft 09.10.2014
ja, man muss alles in Frage stellen. Endlich jemand der dies so sagt.
4. Nur Dummköpfe...
addit 09.10.2014
...glauben immer noch, dass die MH370 irgendwo abgestürzt ist. Die wurde direkt nach Diego Garcia auf den amerikanischen Stützpunkt geflogen. Jede Wette!!!
5. Hoppla...
manugel 09.10.2014
...im Volksmund beschimpft man solche Leute, die sich mit den einfachen Antworten nicht zufrieden geben und sich dagegen die verrücktesten Sachen vorstellen können "Verschwörungstheoretiker", die "Hirngespinsten" nachjagen... Und nun? Gut, dass SPON in diesem Falle auch mal einer Kritischen Meinung ein Forum bietet. Leider viel zu selten.
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