Schwerer Ski-Unfall Ungewissheit über Schumachers Zustand

Formel-1-Rekordweltmeister Michael Schumacher kämpft nach einem Ski-Unfall um sein Leben. Der 44-Jährige war in den französischen Alpen gestürzt und mit dem Kopf auf einem Felsen aufgeschlagen. Die Sportwelt zeigt sich bestürzt und bangt um eines ihrer Idole. Um 11 Uhr wollen Schumachers Ärzte vor die Presse treten.

Von , Paris


Der Beistand erreichte die Familie per Anruf, E-Mail, Facebook oder Twitter: Kaum hatte sich die Nachricht vom Ski-Unglück des deutschen Ex-Rennfahrers über die internationalen Nachrichtenagenturen verbreitet, meldeten sich seine Weggefährten und Freunde aus den Rennställen rund um die Welt. "Alle unsere Gedanken sind mit Schumi und seiner Familie", so etwa die französischen Rennfahrer Romain Grosjean und Jean-Eric Vergne. Felipe Massa, Ex-Fahrer bei Ferrari, wünschte seinem ehemaligen Kollegen schnelle Genesung und formulierte fromm: "Ich bete zu Gott, dass er dich, meinen Bruder, beschützt."

Knapp 20 Stunden nach seinem Unfall liegt der siebenfache Formel-1-Weltmeister im Universitätsklinikum von Grenoble nach einer Notoperation im künstlichen Koma. In der Nacht beschrieb die Leitung des Zentrums den Zustand des 44-Jährigen als "weiterhin kritisch".

Seine beiden langjährigen Wegbegleiter Jean Todt und Ross Brawn sollen Medienberichten zufolge in Grenoble eingetroffen sein. Mit beiden hatte Schumacher seine bislang unerreichten Erfolge bei Ferrari gefeiert.

Fotostrecke

9  Bilder
Formel-1-Legende: Bangen um Michael Schumacher

Auch Schumachers deutscher Arzt Johannes Peil soll nach Grenoble gereist sein. Er ist der Leiter der Sportklinik in Bad Nauheim und betreut den Ex-Rennfahrer seit langer Zeit.

"Er traf mit schwerem Schädeltrauma bei uns ein"

Schumacher, der in Méribel ein Chalet besitzt, war mit seinem 14-jährigen Sohn Mick am Sonntagmorgen zu einer Tour aufgebrochen: Die Abfahrten am Saulire-Massiv zählen zu den malerischsten des hochalpinen Skigebietes Trois Vallées. Von 2700 Meter Höhe, unweit des "Dent de Burgin", führen gleich mehrere Strecken zu dem historischen Skiresort im Herzen der französischen Alpen, rund 1200 Meter tiefer.

Die Pisten sind berühmt für ihre Weite und die Sicht, je nach Erfahrung bietet sich die Wahl zwischen der leichten blauen Strecke "Biche" (Reh) und dem schwereren roten Parcours "Chamois" (Gams). Schumacher, von Bekannten als durchschnittlicher Skifahrer beschrieben, war unweit vom Kreuzungspunkt der beiden Abfahrten unterwegs, als sich das Unglück ereignete. Offenbar bei einem Abstecher außerhalb der Piste stürzte Schumacher und prallte mit dem Kopf an einen Felsen. Trotz seines Schutzhelms erlitt der ehemalige Rennfahrer ein Gehirntrauma.

Sein Sohn alarmierte die Behörden. Minuten später waren Sanitäter zur Stelle, der Deutsche wurde per Helikopter ins nahegelegene Moûtiers geflogen. "Er stand unter Schock", so Christophe Gernignon-Lecomte, Direktor des Ski-Ressorts im Radio-Sender RMC, "er war etwas mitgenommen, aber bei Bewusstsein." Wenig später verschlechterte sich sein Zustand, im Koma wurde Schumacher in die Unfallaufnahme der Universitätsklinik von Grenoble verlegt. "Er traf mit einem schweren Schädeltrauma bei uns ein", so das Communiqué, "eine neurochirurgische Intervention war unerlässlich."

Die ganze Nacht über berichteten Frankreichs Medien in Sondersendungen über den tragischen Sturz des Deutschen, Live-Schaltungen der Nachrichtensender informierten vom Hospital in Grenoble, wo sich französische Schumi-Fans eingefunden hatten. Bisweilen klangen die Kommentare und Würdigungen des Ausnahmesportlers wie Nachrufe: Schumacher der Champion, Schumacher als Vorbild und moderner Held, der Geschäftsmann mit den größten Einnahmen, der siebenfache Weltmeister und der größte Champion der Formel-1-Geschichte. Und manche Kommentatoren fragten: War es die Sucht nach dem Adrenalin, die den Star abseits der Piste von Méribel stürzen ließ?

"Ausgerechnet beim Skifahren"

Es ist nicht der erste schwere Unfall des Sportlers, der während seiner Formel-1-Karriere 307 Rennen fuhr und 91 Mal als Erster über die Ziellinie raste: 1995 in Imola blieb er bei einem Crash unverletzt, genauso wie 1998 in Spa. Im folgenden Jahr raste er nach Bremsversagen in Silverstone frontal gegen einen Reifenstapel und brach sich den Unterschenkel; 2001 beim Training in Melbourne überschlug sich sein Wagen bei 280 Kilometer pro Stunde - Schumacher überlebte unverletzt. Und ein noch vor seinem Comeback als Fahrer für das Team Mercedes erlitt er im Februar 2009 einen schweren Sturz auf einem Motorrad.

"Schumacher ist ein Kenner des Risikos, der während seiner Karriere viele gefährliche Situationen erlebte", so Lionel Froissard, Rennexperte der Tageszeitung "Libération". "Ausgerechnet beim Skifahren, einem Sport, bei dem heute Tausende unterwegs waren, musste er seinen übelsten Unfall erleben."

Sein Freund, der französische Chirurg Gérard Saillant, der Schumacher nach seinem schweren Unfall in Silverstone operiert hatte, eilte umgehend nach Grenoble. Der Professor, Spezialist für Traumatologie, den der Deutsche seinerzeit mit seiner schnellen Gesundung überrascht hatte, mochte zunächst keine Stellungnahme abgeben - was als schlechtes Omen verstanden wurde. "Wenn einer eine solche Prüfung überstehen kann, dann ist es Michael", meinte optimistisch Julien Fibreau, Sportjournalist bei "Canal+": "Schumacher hat wiederholt gezeigt, dass er ein Ausnahmeathlet ist, körperlich in einem ausgezeichneten Zustand. Es könnte ihm jetzt das Leben retten."

Fotostrecke

19  Bilder
Michael Schumacher: Der König der Formel 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.