Militäreinsatz und Millionenzahlung: Obama startet gigantische Hilfsoffensive für Haiti

Haiti versinkt im Elend. Für Verletzte fehlen Ärzte und Medikamente, die Überlebenden leiden Durst, es drohen Plünderungen. US-Präsident Obama verspricht jetzt 100 Millionen Dollar Soforthilfe, Tausende Soldaten rücken an - die Großaktion koordinieren sollen seine Vorgänger Clinton und Bush jr.

AP

Port-au-Prince/Washington/Brüssel - Die USA setzen sich an die Spitze der Soforthilfe für Haiti. Präsident Barack Obama hat dem von einem Erdbeben verwüsteten Karibikstaat am Donnerstag 100 Millionen Dollar Soforthilfe zugesagt. Die USA stünden Haiti bei und würden dessen Menschen weder aufgeben noch vergessen, sagte Obama.

Die Steuerung der Hilfsmaßnahmen übernehmen Obamas Amtsvorgänger George W. Bush und Bill Clinton. Auf Bitten des Weißen Hauses werde Bush gemeinsam mit Clinton die Hilfsbemühungen der USA für Haiti koordinieren, sagte ein Bush-Mitarbeiter am Donnerstag. Damit greift Obama das Modell des US-Kriseneinsatzes nach der Tsunami-Katastrophe 2004 in Südasien auf: Damals hatte George W. Bush, der sich zuletzt aus der politischen Arena zurückgezogen hatte, Bill Clinton sowie den früheren Präsidenten George Bush senior als Krisenbeauftragte eingesetzt.

Die ersten Rettungsmannschaften hätten ihre Arbeit bereits aufgenommen, weitere würden in den nächsten Stunden und Tagen folgen, sagte Obama. Die Vereinigten Staaten senden 3500 Soldaten in die Katastrophenregion, um die Sicherheitslage zu stabilisieren. Hinzu kommt medizinisches Personal. Außerdem werden 2000 Marineinfanteristen nach Haiti verlegt. Der US-Flugzeugträger "USS Carl Vinson" ist ebenfalls auf dem Weg. Er bringt weitere Hubschrauber für die Rettungsarbeiten und könnte als zusätzlicher Landeplatz für Hilfsgüter-Transporte dienen.

General Douglas Fraser, der Kommandeur des US-Südkommandos in Miami, deutete an, dass die USA bereit seien, die dezimierten Uno-Friedenstruppen in Haiti zumindest vorübergehend mit eigenen Soldaten zu unterstützen. "Dies ist eine Katastrophe von epischen Proportionen", sagte ein Mitarbeiter Frasers zu SPIEGEL ONLINE. Auch die US-Küstenwache brachte vier Schiffe auf den Weg.

IWF stellt 100 Millionen Dollar bereit, EU plant Haiti-Konferenz

Der Internationale Währungsfonds (IWF) kündigte am Donnerstag ebenfalls Finanzhilfen für Haiti an. 100 Millionen Dollar stellt der Fonds zur Bewältigung der Erdbebenfolgen zur Verfügung. "Wir koordinieren unsere Hilfe mit anderen internationalen Organisationen, um Haiti so schnell wie möglich Hilfe zum schwierigen Wiederaufbau zu geben", sagte IWF-Direktor Dominique Strauss-Kahn in Washington. Dieselbe Summer erhält Haiti jetzt auch von der Weltbank.

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Erdbeben: Port-au-Prince: Chaos, Elend, Verwüstung und erste Hilfe
Die EU-Staaten werden auf einem Krisentreffen am kommenden Montag über weitere Hilfe für Haiti beraten. Sie habe den spanischen Ratsvorsitz gebeten, die europäischen Entwicklungsminister nach Brüssel einzuladen, sagte die neue EU-Außenministerin Catherine Ashton in Brüssel. Es werde auch um die mittel- und langfristige Entwicklung des Landes gehen. In den kommenden zwei Tagen werde die Bergung der Opfer das Wichtigste sein. "Doch darüber hinaus müssen wir überlegen, was wir tun werden", sagte Ashton. Nach den bereits zugesagten drei Millionen Euro an Soforthilfe stellte ein Sprecher der EU-Kommission weitere Gelder in Aussicht. Ein Expertenteam solle vor Ort die Bedürfnisse einschätzen.

Neben den USA forcieren weitere Staaten ihre Hilfsanstrengungen. Zu den ersten Unterstützern aus dem Ausland gehörten 37 Bergungsspezialisten aus Island, die Ausrüstung mit einem Gewicht von zehn Tonnen mitbrachten. Frankreich entsandte mehrere Flugzeuge in die Region, an Bord auch der Entwicklungsstaatssekretär Alain Joyandet, der die Hilfen koordinieren sollte. Zudem kündigte Frankreich an, die Abschiebung illegaler Einwanderer wegen des Erdbebens auszusetzen. Spanien stellte unter anderem 100 Tonnen an Zelten, Decken und Kochgerät bereit, die in drei Flugzeuge verladen wurden. Bereits vor Ort waren mehrere hundert kubanische Ärzte, die Verletzte in Feldlazaretten behandelten.

Aus Deutschland wurde vor allem medizinische Hilfe wie Medikamente und Wasseraufbereitungsanlagen auf den Weg gebracht, ein erstes Ärzteteam reiste ab. Das Uno-Welternährungsprogramm kündigte an, noch am Donnerstag 90 Tonnen Fertignahrung nach Haiti zu schicken. Das Technische Hilfswerk schickte zwei Anlagen zur Trinkwasseraufbereitung los - sie könnten in einer Stunde 6000 Liter aufbereiten und so bis zu 30.000 Menschen versorgen.

Unermessliches Elend

Die Lage in Haiti verschlimmert sich. Leichen und Verletzte säumen die staubigen Straßen in den Trümmern des Erdbebengebiets rund um Port-au-Prince. Die Angst vor Nachbeben schürt bei den Überlebenden Panik, viele Menschen wissen nicht, wohin. Sie liegen wie betäubt am Wegesrand, trauern um Angehörige, Freunde und Nachbarn. Das Elend in der Millionenstadt ist schier unermesslich.

"Im Moment haben die Menschen nur Durst. Aber wenn auch noch der Hunger kommt, dann haben wir hier bald die Apokalypse", sagte die deutsche Journalistin Anne-Rose Schön. Sie habe bei der Fahrt durch Port-au-Prince gespürt, dass die Menschen bereits sehr aggressiv seien. "Von der Stadt sind 50 Prozent zerstört. Die Leute helfen sich alle selbst. Es ist das totale Chaos."

"Es gibt kein Wasser. Es gibt nichts", sagt der Arzthelfer Jimitre Coquillon, der auf dem Parkplatz eines Hotels Verletzte versorgte. "Die Menschen haben Durst und werden sterben." Auch das Zentralgefängnis der Hauptstadt stürzte ein. Der Nachrichtensender CNN berichtet von mehr als tausend Gefangenen, die geflohen sein sollen, darunter viele Schwerverbrecher.

Plünderungen in der Hauptstadt, Furcht vor Überfällen

Plünderer stürmen Berichten zufolge zerstörte Geschäfte. Andere dringen in eingestürzte Häuser ein, suchen verzweifelt nach Lebensmitteln. Etwa 3000 haitianische Polizisten und Uno-Friedenssoldaten sollen für Sicherheit in Port-au-Prince sorgen. Doch sie sind mehr als überfordert.

Die 9000 Soldaten und Polizisten der Friedensmission halten seit 2004 in Haiti die öffentliche Ordnung aufrecht, wurden nun aber selbst schwer vom Beben getroffen. Dadurch wird die Koordination ihrer Hilfe besonders erschwert. Beim Einsturz des Uno-Hauptgebäudes in Port-au-Prince kamen möglicherweise bis zu 150 Mitarbeiter um.

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Vorher-nachher-Bilder: Was das Beben in Haiti angerichtet hat
In der Nacht auf Donnerstag brach in Port-au-Prince erneut Panik aus: Tausende Überlebende machten sich zu Fuß oder mit Autos auf den Weg in höher gelegene Regionen. Gerüchten zufolge drohe ein Tsunami, hieß es. Viele Menschen balancierten ihre Koffer, Kartons oder Säcke auf dem Kopf. Hauptstadtbewohner versuchten, in ländliche Regionen zu fliehen, wo Hütten aus Holz und Stein weitgehend intakt geblieben sind. Eine Hotelmanagerin äußerte die Vermutung, das Tsunami-Gerücht sei absichtlich gestreut worden, um Plünderungen zu erleichtern.

Nach Einschätzung des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) brauchen drei Millionen Menschen - ein Drittel der Bevölkerung - dringend Hilfe. Internationale Unterstützer haben bereits begonnen, die Menschen in Haiti mit Hilfsgütern zu versorgen. Doch auch ihnen droht Gefahr: "Überfälle sind sehr wohl möglich, da von offizieller Seite keine Hilfe zu erwarten ist", sagt Svenja Koch, Sprecherin des Deutschen Roten Kreuzes (DRK). Das DRK will am Freitag ein mobiles Hospital nach Haiti fliegen.

"Wir haben keine Kapazität für weitere Opfer"

Die medizinische Situation ist verheerend. Zahlreiche Krankenhäuser wurden zerstört. In den wenigen funktionierenden Kliniken und Feldlazaretten kommen die Helfer kaum nach. "Wir können die Situation kaum bewältigen. Wir haben keine Kapazität für weitere Opfer, wir haben keine Zeit zu sprechen", sagte ein freiwilliger französischer Helfer der "New York Times".

Chaos und Verzweiflung regieren auch rund um die Klinik Saint Esprit in Port-au-Prince: Dutzende Menschen sitzen hier schwer verletzt auf der Straße. Fransa Jety, eine junge Frau und Mutter, ruft immer wieder: "Helfen Sie mir, Antibiotika aufzutreiben, mein Kind stirbt an Tetanus!" Doch die Ärzte können nicht helfen, denn es gibt keine Medikamente.

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Haiti: Inselstaat in der Erdbebenzone
Hilfsorganisation zufolge sind zwei Millionen Kinder akuten Gefahren ausgesetzt. Körperliche Verletzungen, die Trennung von Familien und psychische Traumatisierungen setzten die Kinder von Haiti einer Extremsituation aus, die ihr gesamtes Leben prägen werde, sagte Gareth Owen von der britischen Kinderhilfsorganisation Save The Children.

"Keine Generation haitianischer Kinder in den vergangenen hundert Jahren hat ein Desaster von solchem Ausmaß erlebt", sagte Owen. "Viele sind verwaist oder schwer verletzt und dringend auf medizinische Hilfe angewiesen." Owen zeigte sich besonders besorgt über Berichte, denen zufolge kleine Kinder verwirrt und orientierungslos durch die Straßen liefen und nachts im Freien neben den Leichen von Erdbebenopfern schliefen.

Unterschiedliche Schätzungen zur Opferzahl

Die Schätzungen darüber, wie viele Todesopfer das Beben gefordert hat, gehen weit auseinander. Die nationale Rot-Kreuz-Gesellschaft rechnet mit bis zu 50.000 Toten. Weitere drei Millionen Menschen seien entweder verletzt oder obdachlos geworden. "Niemand kann es genau sagen, niemand kann eine Zahl bestätigen", sagte Victor Jackson vom Roten Kreuz Haitis am Donnerstag. "Unsere Organisation geht von 45.000 bis 50.000 Toten aus."

Präsident René Préval hatte dem US-Sender CNN erklärt, er habe von 30.000 und auch 50.000 Toten gehört. Es sei aber noch zu früh für genaue Angaben. Ministerpräsident Jean-Max Bellerive sprach sogar von 100.000 Toten. Haitis Botschafter bei der Organisation Amerikanischer Staaten ging derweil von nicht mehr als 30.000 Toten aus, wie Duly Brutus der Panamerikanischen Gesundheitsorganisation sagte.

jjc/siu/apd/dpa/AFP/Reuters

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Karte: Haiti mit der Hauptstadt Port-au-Prince

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Länderlexikon
Wichtigste Eckdaten

Eigenname: Republik Haiti

Offizieller Eigenname: République d'Haïti

Staatsoberhaupt:
Michel Martelly (seit Mai 2011)

Regierungschef: Laurent Lamothe (seit Mai 2012)

Außenministerin: Duly Brutus (seit April 2014)

Staatsform: Präsidialrepublik

Mitgliedschaften: Uno, Caricom, OAS

Hauptstadt: Port-au-Prince

Amtssprachen: Französisch, Französisches Kreolisch

Religionen: mehrheitlich Katholiken (oft zusammen mit Voodoo)

Fläche: 27.065 km²

Bevölkerung: 10,388 Mio. Einwohner

Bevölkerungsdichte: 383,8 Einwohner/km²

Bevölkerungswachstum: 1,3%

Fruchtbarkeitsrate: 3,3 Geburten/Frau

Nationalfeiertag: 1. Januar

Zeitzone: MEZ -6 Stunden

Kfz-Kennzeichen: RH

Telefonvorwahl: +509

Internet-TLD: .ht

Mehr Informationen bei Wikipedia

Wirtschaft

Währung: 1 Gourde (Gde.) = 100 Centimes zum Währungsrechner hier...

Bruttosozialprodukt: 7,691 Mrd. US$

Wachstumsrate des BIP: 5,6%

Inflationsrate: 7,3% (2013; geschätzt)

Handelsbilanzsaldo: -3,137 Mrd. US$

Export: 1,017 Mrd. US$

Hauptexportgüter: Fertigwaren (34,8%) (2008/09)

Hauptausfuhrländer: USA (81,0%) (2004)

Import: 4,154 Mrd. US$

Hauptimportgüter: Nahrungsmittel (24,6%), Brennstoffe und Schmiermittel (18,4%) (2008/09)

Hauptlieferländer: USA (35,0%) (2004)

Landwirtschaftliche Produkte: Kaffee, Kakao, Mangos, Kosmetiköl, Zuckerrohr, Bananen, Mais, Süßkartoffeln, Reis

Rohstoffe: Marmor, Kalkstein, Ton, Kupfer, Silber, Gold

Gesundheit, Soziales, Bildung

Öffentliche Gesundheitsausgaben (am BIP): 7,9%

Säuglingssterblichkeit: 53/1000 Geburten

Müttersterblichkeit: 350/100.000 Geburten

Lebenserwartung: Männer 61 Jahre, Frauen 63 Jahre

Schulpflicht: 6-12 Jahre

Energie, Umwelt, Tourismus

Energieproduktion: 1,613 Mio. Tonnen Öleinheiten (ÖE)

Energieverbrauch: 2,288 Mio. t ÖE

Geschützte Gebiete: 0,3% der Landesfläche

CO2-Emission: 2,270 Mio. t

Energieverbrauch/Kopf: 231 kg ÖE

Verwendung des Süßwassers: Landwirtschaft 78%, Industrie 4%, Haushalte 19%

Zugang zu sauberem Trinkwasser: 85% der städtischen, 51% der ländlichen Bevölkerung

Tourismus: 349.000 Besucher

Einnahmen aus Tourismus: 162 Mio. US$

Militär

Streitkräfte: seit 1994 keine Streitkräfte; seit Juni 2004 internationale Stabilisierungstruppe der Uno (Minustah) mit etwa 6685 Mann

Nützliche Adressen und Links

Haitianische Botschaft in Deutschland
Uhlandstraße 14, D-10623 Berlin
Telefon: +49-30-88554134 Fax: +49-30-88624279
E-Mail: amb.allemagne@diplomatie.ht

Deutsche Botschaft in Haiti
2, Impasse Claudinette, Bois Moquette, Pétion-Ville, Port-au-Prince
Telefon: +509-29490202 Fax: +509-22574131
E-Mail: info@port-au-prince.diplo.de

Länder- und Reiseinformationen des Auswärtigen Amts

Mehr Informationen bei Wikipedia


Hintergrund Haiti
Geografie
Haiti liegt im westlichen Teil der Insel Hispaniola in der Karibik, der Name bedeutet "bergiges Land". Das Nachbarland der im Osten der Insel gelegenen Dominikanischen Republik ist mit 27.000 Quadratkilometern fast so groß wie das deutsche Bundesland Brandenburg und hat laut aktuellen Uno-Angaben mehr als neun Millionen Einwohner. Hauptstadt des 1804 als erstes Land Lateinamerikas in die Unabhängigkeit entlassenen Staates ist Port-au-Prince mit rund 2,8 Millionen Einwohnern.
Wirtschaft
Der Staat mit mehr als neun Millionen Einwohnern gilt als das ärmste Land der westlichen Hemisphäre. Etwa 80 Prozent der Haitianer müssen von weniger als zwei US-Dollar am Tag leben, die Hälfte der Bevölkerung hat sogar weniger als einen Dollar am Tag zur Verfügung. Trotz internationaler Hilfen liegt die Wirtschaft des Staates am Boden. 80 Prozent der staatlichen Investitionen und 40 Prozent des Staatsetats werden international finanziert.
Armenhaus Amerikas
Misswirtschaft und Naturkatastrophen wie Überschwemmungen und Zyklone haben aus der einst reichen französischen Kolonie Haiti das Armenhaus Amerikas gemacht. Wegen oft gewalttätiger Unruhen und ausufernder Kriminalität, aber auch wegen verheerender Tropenstürme wird immer wieder vor Reisen nach Haiti gewarnt.
Uno-Friedenstruppen
Seit 2004 sorgen Uno-Friedenstruppen für Sicherheit und Ordnung in Haiti. Die Einheit setzt sich aus rund 7000 Soldaten aus 18 Ländern zusammen.