Millionenspenden Der geheime Mäzen von Görlitz

Es ist ein sächsisches Märchen: Kurz vor dem Frühling landet alle Jahre wieder eine halbe Million Euro auf dem Konto der Stadt Görlitz. Der Spender will anonym bleiben - und die Einwohner wollen es auch gar nicht wissen. Sie renovieren lieber fleißig ihre Altstadt.

Von Carsten Heckmann


Geldsegen für Görlitz
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Geldsegen für Görlitz

Görlitz - Man schrieb das Jahr 1995, als ein Unbekannter der Neißestadt Görlitz 100.000 Deutsche Mark spendete. Die Freude war groß. Und sie wurde noch größer, als der Anonymus noch im selben Jahr eine Million Mark folgen ließ. Ab dann floss jedes Jahr eine Million. Die Spende wurde zur Institution.

So kam auch kürzlich wieder die warme Gelddusche ins Stadtsäckel: 500.000 Euro. Und Oberbürgermeister Rolf Karbaum hat noch einen weiteren Grund zu Jubeln: "Vier Wochen früher als im vergangenen Jahr, eine doppelte Überraschung." Denn eine Überraschung ist die Zuwendung stets aufs Neue, garantiert hat der Spender nichts. Doch in Görlitz tut man alles Nötige, damit die Quelle nicht versiegen möge. Daher darf der edle Spender - ohne Angst vor Nachforschungen - anonym bleiben, das Geld wird für die Altstadt verwendet.

"Es muss jemand sein, dem das Geld nicht weh tut. Vermutlich ist er also nicht hier ansässig. Wahrscheinlich ein älterer Herr mit einer Beziehung zu Görlitz," vermutet Kerstin Scholz von der städtischen Pressestelle. Womit sie eigentlich schon zu viel gesagt hat. Denn sie sagt auch: "Wir haben ein Interesse daran, nicht zu spekulieren."

Das besorgen derweil andere. Die "Bild"-Zeitung beispielsweise, die vor zwei Jahren berichtete, der Schokoladenerbe Thomas Sprengel sei der heimliche Millionenspender. Das dementierte der Oberbürgermeister - obwohl der angeblich auch nicht weiß, wer der Unbekannte ist.

Nur der Anwalt des Anonymus ist bekannt: Er sitzt im fünfköpfigen "Kuratorium Altstadtstiftung", das 1995 flugs ins Leben gerufen wurde und nun in jedem März darüber bestimmt, wer etwas vom Geldsegen abbekommt. Bis zum 15. Dezember können Anträge gestellt werden. Möglichst viele Antragsteller werden bedacht, nicht unbedingt mit der vollen gewünschten Summe. Im Nachhinein bekommt der Spender dann über seinen Rechtsanwalt eine Dokumentation mit vielen Fotos der frisch sanierten Objekte.

Bedürftige gab und gibt es in Görlitz viele. 4000 denkmalgeschützte Gebäude stehen in der 63.000-Einwohner-Stadt, die meisten davon waren Anfang der neunziger Jahre in einem äußerst schlechten Zustand. Auch in Görlitz kursierte zu DDR-Zeiten der Slogan "Ruinen schaffen ohne Waffen". Und in der Stadt machen sich auch heute noch Investoren rar, es fehlt "an allen Ecken und Enden", sagt Kerstin Scholz.

Inzwischen hat der Görlitzer Schönhof, das wohl älteste Renaissance-Bürgerhaus der Republik aus dem Jahre 1526, wieder eine vorzeigbare Fassade. Die Holzrestaurationen in der ehemaligen Synagoge sind abgeschlossen. Und auch das dem Jerusalemer Vorbild nachempfundene Heilige Grab ist generalüberholt. Das sind nur einige Beispiele für die heilsame Kraft des geschenkten Geldes zu nennen.

Doch nicht nur kommunaler Besitz wird bedacht. "Zu 50 Prozent geben wir Geld für private Objekte", erklärt Michael Vogel, Leiter der Görlitzer unteren Denkmalschutz-Behörde und Kuratoriumsmitglied. Nicht zu vergessen: Kirchliche Objekte.

"Wir partizipieren kräftig", sagt Jan von Campenhausen, Superintendent der evangelischen Kirche. Dann zählt er auf: die Türme der Peterskirche, der spätgotische Flügelaltar und das mittelalterliche Chorgestühl in der Dreifaltigkeitskirche, die Fenster der Frauenkirche. Renovierung ohne Spendergeld? Undenkbar. "Wir können das Geld als Eigenmittel einsetzen, ohne Eigenanteil bekämen wir ja keine öffentliche Förderung", beschreibt von Campenhausen das weltliche Glück für die Kirche.

Privatleuten geht es ebenso. "Ohne die gespendeten Millionen hätten wir schon einige Totalverluste unter den Altstadtgebäuden gehabt", erklärt Denkmalschützer Vogel. Kein Wunder, dass der Anonymus im Görlitzer Rathaus zuweilen als "potenzieller Ehrenbürger" gilt. Noch plane man aber "kein Denkmal" für den unbekannten Spender, heißt es. "Und wir recherchieren ihm wirklich nicht nach, dann könnte ja die Quelle versiegen", betont Kerstin Scholz von der Pressestelle.

Das sieht der Superintendent ganz genauso. Ihm fällt zu jeglichen Wünschen, den spendablen Mann oder die spendable Frau auszumachen, die Geschichte von den Kölner Heinzelmännchen ein. Die hatten den Bewohnern der Domstadt das Leben leicht gemacht - bis die Frau eines Schneiders ihre Neugier nicht mehr zügeln konnte und Erbsen ausstreute, um den Heinzelmännchen eine Falle zu stellen. Tat-sachlich purzelten die kleinen Helfer die Treppe hinunter. Die Schneidersfrau machte Licht, die Männchen verschwanden - und wurden nie wieder gesehen. "Ich möchte nicht derjenige sein, der die Erbsen ausstreut", sagt von Campenhausen. Den Görlitzern solle es ja nicht wie den Kölnern ergehen, die der Zeit der anonymen Helfer nachtrauern: "Ach, dass es doch wie damals wäre! Doch kommt die schöne Zeit nicht wieder her!"



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