Minenunglück Rettungsbohrung erreicht Kumpel in Chile

Eine Sirene ertönte als Zeichen des Durchbruchs: In der chilenischen Mine San José ist ein Bohrer zu den 33 Bergleuten vorgedrungen, die seit zwei Monaten eingeschlossen sind. Angehörige weinten vor Freude. Es wird allerdings noch einige Tage dauern, bis alle Kumpel gerettet sind.

dpa

Copiapó - Die Angehörigen der verschütteten Bergarbeiter sind im Freudentaumel: Viele lagen sich in den Armen und riefen "Chi, Chi, Chi, Le, Le, Le", den Schlachtruf bei Sportveranstaltungen. Kurz zuvor hatte Sirenengeheul vermeldet, dass die Rettungsbohrung die in dem chilenischen Bergwerk San José in der Nähe von Copiapó eingeschlossenen 33 Kumpel erreicht hatte.

Einer von drei Bohransätzen drang Samstag zu dem Werkstattraum der Kumpel in 624 Metern Tiefe vor.

Seit 66 Tagen sind die Männer in dem unterirdischen Verlies gefangen. Nach einem Grubenunglück am 5. August konnten sich die Überlebenden in einen 688 Meter tief gelegenen Schutzraum retten. Sie hielten sich zunächst mit Thunfisch in Dosen und Milch am Leben. Am 22. August konnten Rettungskräfte mit einem Spezialbohrer zu den Eingeschlossenen vordringen und Kontakt aufnehmen. Es wurde mit der Bohrung von zwei weiteren Schächten begonnen, um die Männer über einen davon mit einer Kapsel zu retten, die erste erreichte sie am 19. September.

Nach rund einem Monat nun der langersehnte Durchbruch: Der Bohrer vom Typ Schramm T-130 hatte sich in der Nacht durch die noch verbliebenen 39 Meter Gestein gefressen. Die letzten vier Meter durchstießen die Retter mit besonderer Vorsicht, um einen Einsturz des Schachts zu vermeiden.

Bergbauminister Laurence Golborne dämmte die Freude jedoch ein wenig. "Wir haben immer noch niemanden gerettet. Die Rettung ist erst dann abgeschlossen, wenn die letzte Person da unten die Mine verlassen hat", sagte er und wies darauf hin, dass dies noch einige Tage dauern könnte. Er rief jedoch auch "Viva Chile", es lebe Chile. Die Bergarbeiter seien "sehr ruhig", "viel ruhiger als die Presse", witzelte er.

Beschaffenheit des Schachts muss überprüft werden

Noch ist nicht klar, wann damit begonnen werden kann, die Männer nach oben zu holen. Zunächst sollte eine Videokamera in die Tiefe gelassen werden, um die Beschaffenheit des Gesteins zu überprüfen. Sollte der Schacht zu uneben sein, muss er mit Stahlrohren verkleidet werden, um die Männer bei ihrer Fahrt nach oben vor sich ablösenden Gesteinsbrocken zu schützen. Das könnte die Rettung der Bergleute um weitere drei bis acht Tage hinauszögern.

Falls keine Stahlverkleidung benötigt wird, will das Rettungsteam bereits am Dienstag beginnen, die Männer einen nach dem anderen in einer Rettungskapsel nach oben zu holen.

"Das ist keine einfache Entscheidung", sagte Bergbauminister Golborne. Die Stahlrohre wögen mehr als 150 Tonnen und könnten schlimmstenfalls die Rettungskapsel blockieren, erklärte er. Andererseits könnten Stahlrohre verhindern, dass Felsbrocken in die Tiefe stürzen und so den Schacht blockieren.

Vor der Gold- und Kupfermine San José in der Atacama-Wüste liefen unterdessen die letzten Vorbereitungen für den Empfang der Bergleute auf Hochtouren. Die Arbeiter sollen zunächst in einem Feldlazarett vor Ort untersucht werden, wo sie kurz drei ihrer Verwandten sehen dürfen. Dann werden die Männer in kleinen Gruppen in das nächstgelegene Krankenhaus in Copiapó geflogen, wo sie zur Beobachtung weitere 48 Stunden bleiben sollen. Diejenigen, die physisch und psychisch stabil genug sind, dürfen dann nach Hause zu ihren Familien.

siu/dpa/dapd

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