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Wahl zur "Miss Holocaust-Überlebende": "Wir sind noch da"

Die Teilnehmerinnen sind bis zu 97 Jahre alt und sie haben die Gräueltaten der Nazis überstanden: In Israel wurde zum ersten Mal die "Miss Holocaust-Überlebende" gekürt. Nun debattiert das Land: Ist diese Wahl geschmacklos?

Umstrittener Wettbewerb: Die Wahl zur "Miss Holocaust-Überlebende" Fotos
Getty Images

Hamburg - Fast 300 Frauen bewarben sich, 14 kamen in die Endrunde: In Israel fand zum ersten Mal eine Wahl zur "Miss Holocaust-Überlebende" statt. Es sei eine Feier des Lebens, argumentierten die Veranstalter. Dennoch wurde die Veranstaltung kontrovers diskutiert.

"Es klingt makaber", sagte Colette Avital, frühere Knesset-Abgeordnete und Vorsitzende der Dachorganisation der Holocaust-Überlebenden. "Ich bin ein Freund davon, das Leben zu bereichern. Aber eine Miss-Wahl mit schönen Kleidern macht das Leben der Teilnehmer nicht bedeutender."

Die Gewinner seien nach ihren persönlichen Erlebnissen und ihrem erfolgreichen Leben nach dem Krieg bewertet worden, verteidigte sich Veranstalter Shimon Sabag, das Aussehen sei nur ein kleiner Teil des Wettkampfs gewesen. "Die große Zahl der Anmeldungen zeigt, dass es eine gute Idee war."

Der Wettbewerb fand in der Stadt Haifa statt. Etwa 600 Zuschauer kamen, darunter auch die Regierungsmitglieder Mosche Kahlon und Yossi Peled, Letzterer selbst ein Holocaust-Überlebender.

Die Teilnehmerinnen waren zwischen 74 und 97 Jahre alt. Als sie über den roten Teppich gingen, wurde Musik gespielt, die Frauen winkten fröhlich ins Publikum. Dann erzählten sie von ihren Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg. "Ich habe das Privileg, zeigen zu können, dass wir leben, obwohl Hitler uns auslöschen wollte", sagte die 74-Jährige Esther Libber, "Gott sei Dank ist das so".

Als Kind in Polen sei sie vor den Nazis in den Wald geflohen und schließlich von einer polnischen Frau gerettet worden, so Libber. Ihre ganze Familie habe sie damals verloren.

Hava Herschovitz, 78, Rumänin, war drei Jahre in einem Gefangenenlager in der Sowjetunion. Heute lebt sie in einem betreuten Wohnheim. "Hier kommen viele Überlebende zusammen", sagt sie, "das bringt uns Aufmerksamkeit, so dass Leute Anteil nehmen." Es sei nicht leicht, in diesem Alter an einem Schönheitswettbewerb teilzunehmen. "Aber wir alle tun es, um zu zeigen, dass wir noch da sind."

Die Wahl wurde von einem Kosmetikunternehmen gesponsert. Der Konzern benutze Holocaust-Überlebende, um für seine Produkte zu werben, kritisierte Avital. "Warum braucht es einen Schönheitswettbewerb, um zu zeigen, dass diese Frauen tapfer waren und überlebt haben?" fragt Lili Haber, die ebenfalls einer Organisation zur Hilfe von Holocaust-Überlebenden vorsteht. "Ich finde es fürchterlich."

Die Teilnehmerinnen hatten jedenfalls ihren Spaß - das legen zumindest die Fotos von der Veranstaltung nahe. Die Bilder der Wahl zur "Miss Holocaust-Überlebende" finden Sie hier.

hut/AP

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