Miss-World-Wahl "Dem Stress entkommen"

Simone Wolf-Reinfurt kann ihrer entgangenen Chance auf die Krone der "Miss World" auch Positives abgewinnen. Durch ihre Erkrankung nimmt die Deutsche nicht an dem Schönheitswettbewerb in Nigeria teil, der so umstritten ist wie kaum einen anderer.

Von David Frogier de Ponlevoy




Wird Deutschland nicht bei der Miss-World-Wahl vertreten: Die kranke Simone Wolf-Reinfurt:
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Wird Deutschland nicht bei der Miss-World-Wahl vertreten: Die kranke Simone Wolf-Reinfurt:

Darmstadt - "Natürlich bin ich enttäuscht", erklärte Wolf-Reinfurt gegenüber SPIEGEL ONLINE. Die 20-Jährige hätte am 7. Dezember Deutschland bei den Miss-World-Wahlen in Nigerias Hauptstadt Abuja vertreten sollen. Doch dann erwischte sie ein Magen-Darm-Virus zur völlig falschen Zeit - kurz vor dem geplanten Abflug. Vor allem die Ansteckungsgefahr verbietet es der blonden Miss jetzt, sich mit den anderen rund hundert Schönheiten aus aller Welt zu messen. "Aber andererseits bin ich eben auch dem Stress entkommen. Und dem Risiko", tröstet sich Wolf-Reinfurt selbst.

"Keine Ferien" lautet die knappe Beschreibung der Miss-World-Wahlen von Ralf Klemmer, Geschäftsführer der Miss Germany Cooporation, die die deutschen Miss-Wahlen organisiert. Obwohl die jungen Frauen schon vier Wochen vor dem großen Gala-Abend nach Nigeria fliegen, werden sie "kaum Zeit haben, sich das Land anzusehen", erklärte Klemmer. "Da sind massenhaft PR-Termine zu absolvieren, es werden Aufnahmen gemacht für die einzelnen Videoclips; allein das kann sich in die Länge ziehen. Die meisten sind ja keine Profis." Und in den letzten zwei Wochen hieße es dann ohnehin nur noch "proben, proben, proben" für die Show, schildert Klemmer.

Bei Mutter Monika Wolf-Reinfurt schwingt da ein Stück Erleichterung mit. Ihre Tochter Simone sei durch die vielen Termine in den letzten Monaten sehr erschöpft gewesen. "Ich bin erstaunt, dass sie bei dem Stress so lange durchgehalten hat."

Seit August hat Wolf-Reinfurt, obwohl offiziell nur "Vize-Miss", alle Aufgaben und Termine einer "Miss Germany" übernommen. Die eigentliche Gewinnerin, Katrin Wrobel, hatte zuvor ihren Vertrag mit dem Management gekündigt und ihre Krone zurück gegeben. Dadurch bekam ihre Vize überhaupt erst die Chance, zur Miss-World-Wahl zu fliegen - und als Dreingabe den Vollzeitjob einer Schönheitskönigin neben ihrem eigentlichen Beruf als Bürokauffrau. Bereits am Tag nach ihrer Wahl hatte die 20-Jährige über 200 Mails in ihrem Postfach, erzählt sie. Trotzdem nimmt sie sich regelmäßig Zeit, die Anfragen im Gästebuch ihrer Homepage zu beantworten.

Kritik von allen Seiten

Amina Lawal: Zum Tode verurteilt durch Steinigung
AP

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Die Miss-World-Wahl steht unterdessen weiter im Kreuzfeuer der Kritik. In Nigeria haben militante islamische Organisationen Anschläge gegen die "unanständige Schau der Unbekleideten" angekündigt, die Sicherheitsmaßnahmen seien "noch umfangreicher als sonst", erklärte Klemmer. "Was möglich sein wird, wird auch gemacht." Trotzdem fügt er ein wenig resigniert an: "Sie wissen ja, wie das ist - ausschließen kann man nie etwas." Kein Wunder, dass auch Mutter Wolf-Reinfurt berichtet, sie sei nicht unbedingt begeistert gewesen bei dem Gedanken, ihre Tochter in ein solches Land zu schicken.

Aber auch aus Europa prasselt die Kritik auf die Schönheitsköniginnen ein. Mehrere Politiker und Menschenrechtler haben die Missen dazu aufgefordert, die Wahlen zu boykottieren, weil in Nigeria die 31-jährige Amina Lawal zum Tode durch Steinigung verurteilt wurde. Lawals Vergehen: Sie hat ein uneheliches Kind geboren; nach den vor einigen Jahren vor allem in den nördlichen Regionen durchgesetzten Regeln der Scharia reicht das zum Todesurteil. Verschiedene Länder wie Dänemark und die Schweiz haben reagiert und ihre Kandidatinnen zurückgezogen. Da half es auch nichts, dass die nigerianische Regierung ankündigte, die Vollstreckung solcher Todesurteile zu verhindern.

"Gottes Wille wird geschehen"

Holte die Wahlen nach Nigeria: Agbani Darego, Miss World 2001
EPA/DPA

Holte die Wahlen nach Nigeria: Agbani Darego, Miss World 2001

Lawal selbst meldete sich am Dienstagabend zum wiederholten Male mit der Forderung zu Wort, die Kandidatinnen sollten die Wahl nicht boykottieren. Ihr eigenes Schicksal, erklärte Lawal, liege ohnehin in Gottes Händen: "Gottes Wille wird geschehen." Auch einige Menschenrechtsorganisationen haben die Miss-World-Kandidatinnen dazu aufgerufen, "vor Ort" zu protestieren, statt zu Hause zu bleiben.

Ein heißes Pflaster also für junge Frauen, die doch eigentlich nur um den Titel "Schönste Frau der Welt" wetteifern und dabei ein klein bisschen berühmt werden wollen. Boykottieren ist falsch, Schweigen noch viel mehr, und wenn sie mitten in Nigeria protestieren, riskieren sie, "die Leute, die das doch eh alles nicht wollen, noch zusätzlich zu reizen", wie es Wolf-Reinfurt ausdrückt. Auch diesem "Stress" ist die 20-Jährige entkommen.



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