Missbrauch an Schulen Ex-Leiter von Schloss Salem verteidigt Internate

Angesichts der Fälle von sexuellem Missbrauch hat der langjährige Leiter der Eliteschule in Salem, Bernhard Bueb, die Internate verteidigt. Sie würden derzeit "in einem Maße schuldig gesprochen, wie sie es nicht verdienen", echauffierte er sich in einem Interview.

Bernhard Bueb ehemaliger Leiter der Schule Schloss Salem: "Die Täter gehen in Schulen"
dpa

Bernhard Bueb ehemaliger Leiter der Schule Schloss Salem: "Die Täter gehen in Schulen"


Osnabrück - Bernhard Bueb nimmt die Internate angesichts der Fälle von sexuellem Missbrauch in Schutz. Der "Neuen Osnabrücker Zeitung" sagte der ehemalige Leiter des Internats Schloss Salem, in den Eliteschulen werde eine schärfere soziale Kontrolle ausgeübt als in der Familie, wo bekanntermaßen die meisten Fälle von Missbrauch vorkämen. Daher seien gut geführte Internate sogar Schutzräume gegen Übergriffe.

Dennoch müssten sie jetzt in Deutschland erneut gegen ein Negativ-Image kämpfen. Auch der Zölibat habe den Missbrauch nicht besonders befördert, sagte Bueb. Pädophile fühlten sich jedoch von Einrichtungen angezogen, in denen sie mit Kindern umgehen könnten. Das sei aber nicht kirchenspezifisch, so Bueb in der "Neuen Osnabrücker Zeitung". "Die Täter gehen in Schulen, in Internate, in Jugendclubs, zu den Pfadfindern und in Sportvereine." Bisher sei wenig über sexuelle Übergriffe in Sportvereinen bekannt, obwohl dort die körperliche Nähe stärker gegeben sei als in anderen Einrichtungen.

"In einem gut geführten Internat ist es schwierig, sich an Kindern zu vergreifen", betonte Bueb. Der Pädagoge und Theologe leitete das Internat Schloss Salem von 1974 bis 2005, zuvor war er Lehrer an der Odenwaldschule.

Statistisch gesehen seien Missbrauchsfälle in diesen Einrichtungen relativ gering. Auch in der reformpädagogischen Odenwaldschule sei es nur unter dem Schulleiter Gerold Becker zu Vorfällen gekommen, "weil der Kontrolleur selbst der Haupttäter war". Aus den anderen 85 Jahren der Odenwaldschule sei nichts bekannt, erklärte Bueb, der selbst Schüler am Jesuiteninternat St. Blasien war.

Wird Missbrauch durch irgendein pädagogisches System hervorgerufen?

Bueb bezeichnete im Gespräch mit der "Neuen Osnabrücker Zeitung" eine große Nähe zu Kindern grundsätzlich als Gewinn in der Pädagogik, weil sie der verbreiteten Schulangst von Kindern entgegenwirke. Daher sei die Annahme falsch, eine große Nähe zu Kindern verleite automatisch zu sexuellen Übergriffen. Jedoch müssten die Leiter von Internaten sehr viel aufmerksamer mit Lehrern umgehen, die durch eine übermäßig große Nähe auffielen.

Wenn sich Erwachsene an Kindern sexuell vergreifen würden, sei dies Ausdruck eines pervertierten, krankhaften Verhaltens. Missbrauch werde dagegen nicht durch irgendein pädagogisches System oder einen bestimmten Erziehungsstil hervorgerufen, betonte der Pädagoge und Bestsellerautor.

Bueb hatte den sexuellen Übergriff eines Pädagogen auf einen elfjährigen Schüler in Salem anfangs als "vergleichsweise harmlos" bezeichnet, später revidierte er seine Aussage. Laut einem Strafurteil hatte ein Erzieher dem Jungen mitten in der Nacht den nackten Rücken "massiert", geküsst und "versucht, dessen Beine auseinanderzuschieben".

Zum weiteren Ablauf des Geschehens kurz vor Weihnachten 2004 heißt es in dem Urteil des Amtsgerichts Stockach: "Mit seinem erigierten Penis berührte er den Jungen am Po" und versuchte, ihm "die Boxershorts herunterzuziehen, um weitere sexuelle Handlungen an ihm vorzunehmen". Erst als der Elfjährige sich vehement gegen die Übergriffe wehrte, ließ der 24-jährige Erzieher von ihm ab.

Das Gericht verurteilte den Täter zu acht Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung.

jjc

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