Missbrauch in der katholischen Kirche Benedikts Glaubenswächter im Zwielicht

Als Nachfolger Joseph Ratzingers ist Kardinal Willliam J. Levada im Vatikan Chefaufklärer von Missbrauchsfällen. Doch jetzt gerät auch der Präfekt der Glaubenskongregation in Erklärungsnot: Er soll Kindesmissbrauch durch US-Priester nicht entschlossen genug geahndet haben.

AP

Hamburg - Kardinal William J. Levada, 73, ist der oberste Sittenwächter der katholischen Kirche, ein Geistlicher, der für die vielbeschworene neue Kompromisslosigkeit des Vatikans im Umgang mit Priestern steht, die sich des Missbrauchs an Schutzbefohlenen schuldig gemacht haben.

Doch der Kardinal, gebürtiger Kalifornier und mittlerweile mächtigster US-Amerikaner in der katholischen Kirche, der von seinem Vorgänger im Amt des Präfekten der Glaubenskongregation, Joseph Ratzinger, persönlich für diesen Posten ausgesucht wurde, gerät zusehends selbst unter Druck: Wie entschlossen ging Levada bei der Aufklärung von Missbrauchsfällen vor, als er Bischof beziehungsweise Erzbischof in den USA war?

Von 1986 bis 2005 stand Levada den Erzdiözesen Portland und San Francisco vor. Wie die "New York Times" berichtet, war Levada bereits im Mai 1985, damals als Weihbischof in Los Angeles, in einen Missbrauchsfall involviert.

Levada soll, so das Blatt, zu jener Zeit intensive Akteneinsicht in den Fall des Priesters Gilbert Gauthe erhalten haben, einem einschlägig belasteten Geistlichen, der sich mehrfach an Kindern vergangen hatte. Anwälte und Kirchenleute, die sich mit dem Fall befassten, schilderten laut "NYT" später, wie intensiv sich Levada mit ihren Aufzeichnungen auseinandersetzte und ihnen versicherte, es werde eine Untersuchungskommission eingesetzt - was nie geschah.

Pädophile Priester wieder zur Ausübung ihrer Ämter zugelassen

Drei Jahre später soll Levada, mittlerweile Erzbischof, einen anderen Priester, gegen den Vorwürfe im Raum standen, zwar verwarnt, den Mann aber im Amt belassen haben.

Im Mai 1992 soll Levada dann laut "NYT" erneut über weitere Taten des Priesters informiert worden sein, der zahlreiche Jungen missbraucht hatte - doch erst zwei Jahre später, so das Blatt, wurde ein psychologisches Gutachten des Missbrauchstäters in Auftrag gegeben, nachdem sich weitere Opfer mit Anschuldigen gegen den Mann gemeldet hatten. Der Priester ging daraufhin in den Ruhestand. Er starb 1996.

In mindestens zwei Fällen soll der damalige Erzbischof Levada pädophile Priester nach Therapien wieder in der Gemeindearbeit eingesetzt haben.

Levada selbst erklärte laut einem Bericht der Nachrichtenagentur Associated Press (AP) im Jahr 2005, weshalb er zum Beispiel 1995 im Fall des Paters Milton Walsh, der zehn Jahre zuvor einen 13-Jährigen missbraucht hatte, nicht tätig wurde.

"Sie mögen mir ja vertrauen, aber ich selbst habe dieses Vertrauen nicht"

Er habe "Vertrauen" zu dem Pater gehabt, so Levada. Walsh selbst sagte später, er habe gegenüber seinem damaligen Erzbischof angemerkt: "Sie mögen mir ja vertrauen, aber ich selbst habe dieses Vertrauen nicht."

Erst 2002, als die Katholische Kirche der USA ihre "Null Toleranz"-Politik gegen pädophile Geistliche umzusetzen begann, durfte Walsh sein Amt nicht mehr ausüben.

Ein weiterer gravierender Fall: 1997 soll Levada den Geistlichen John P. Conley, der einen Verdachtsfall gemeldet hatte, unter vorgeschobenen Gründen vom Dienst suspendiert haben. Conley ging gerichtlich dagegen vor - und gewann. Der Mitbruder, dessen Verhalten Conley angezeigt hatte, gab später zu, dass er körperlichen Kontakt zu Jungen gesucht habe, weil ihm dies sexuelle Befriedigung verschaffe.

Levada nahm gegenüber der "New York Times", die mehrfach kritisch über den Kardinal berichtet hatte, nicht Stellung: Die zehn Tage, die das Blatt dem Kardinal zur Beantwortung von Fragen eingeräumt hatte, seien nach Dafürhalten seines Anwalts Jeffrey Lena nicht ausreichend gewesen.

"Die Presse ist immer auf eine gute Story aus"

Kritiker werfen Kardinal Levada vor allem sein distanziertes Verhältnis zu Missbrauchsopfern vor, seine Unfähigkeit, auf sie zuzugehen. "Er hat sich nie darum bemüht, selbst in Fällen, in denen die Schuldfrage eindeutig geklärt war", sagte Diane Josephs, die das Opfer des Priesters Walsh anwaltlich vertritt, der AP.

Dem widersprach in der "NYT" der Bischof von Salt Lake City, John C. Wester. "Das hat er nicht verdient", so der Bischof über den Kardinal. "Er ist nicht der gesellige Kumpeltyp. Er ist ernst und reserviert. Manchmal deuten die Leute sowas falsch."

Erst vergangene Woche hatte Kardinal William J. Levada dem Fernsehsender PBS ein Interview gegeben, in dessen Verlauf er einräumte, er hätte "vieles besser machen können, als ich es getan habe".

Wenn man der Kirche jedoch vorwerfe, jahrzehntelang Fälle von Kindesmissbrauch vertuscht und verdängt zu haben, so Levada, lasse man einen zentralen Aspekt außer Acht: Der Umgang mit Missbrauch sei ein gesamtgesellschaftlicher "Lernprozess", der noch nicht abgeschlossen sei.

Er selbst, so Levada weiter, sei 1983 zum Bischof geweiht worden, "und ich kann Ihnen sagen, dass ich bis dahin noch nie davon gehört hatte, dass ein Priester ein Kind missbraucht. Das ging hinter verschlossenen Türen vor sich, darüber wurde nicht gesprochen. Wir brauchten viel Zeit, um zu verstehen, welche Schäden solches Verhalten bei den Opfern, den Kindern, anrichtet."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 45 Beiträge
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WernerS 06.05.2010
1. Wir brauchten viel Zeit, um zu verstehen,
"Wir brauchten viel Zeit, um zu verstehen, welche Schäden solches Verhalten bei den Opfern, den Kindern, anrichtet." Wieviel Zeit? 2000 Jahre hat sich dieser Verein dazu Zeit gelassen, aber stets und noch immer lautstark darauf gepocht daß er göttlich verordnete Moral und Werte verkündet.
jenzy 06.05.2010
2. lügendetektor
die sollten die ganze mischpoke an den lügendetektor anschließen. wenn die alle immer wieder behaupten nie etwas gehört, gesehen, gewusst zu haben, dann wird es diesen gottesfürchtigen, moralisch gefestigten kirchenoberen ja nichts ausmachen. der mixa mit seinem reinen herz kann ja den vorreiter machen. herr christoph daum war ja damals nach den drogenanschuldigungen auch bereit eine haarprobe abzugeben...
fatalismo 06.05.2010
3. Könnten wir nicht endlich...
...mit diesem bizarren Begriff 'Pädophilie' aufhören? Wer die geistige, seelische und/oder körperliche Integrität eines jungen Menschen in einem Alter, in dem nicht von 'Einwilligungsfähigkeit' ausgegangen werden kann, verletzt, kann schwerlich ein Pädophiler sein. Der/die sind Päderasten. Was auch immer sie erzählen. Bin ich blauäugig? Seit dem Phänomen eines Jürgen Bartsch weiß ich um die Irren und Wirren um diesen Begriff. Es war bald vierzig Jahre - dank Bartsch - mein Job, einschlägige Ermittlungs- und Strafverfahren zu begleiten. Sowas ergibt sich aus dem Start des beruflichen Lebenslaufs. Da stürzt ein Thema auf einen herunter - und holterdiepolter ist man 'Experte'. Lebenslang. Unsere Gesellschaft macht den Fehler, eine winzige Randgruppe in den gesellschaftlichen Keller abzuschieben. Das rächt sich. Im Keller baut sich Druck auf. Und manche Leute denken, man solle denen einfach das Gemächt abschneiden. Und es wäre Ruh. Oder, wie es ein Bundeskanzler mal empfahl, 'wegsperren, und zwar für immer!'. "Die Leute sind doch krank!" - Das wird z.B. bei einer Straßenumfrage das 95-Prozent-Ergebnis der vox populi sein. Gut. Und wenn sie denn krank sind? Schicken wir Kranke zum Arzt oder in den Keller? Glauben Sie mir, ich kenne alle Rechfertigungen von Kinderschändern. Von solchen und solchen - die solchen wollten ja nur mal ein bisschen fummeln (das ist eher die Priester-, die Betreuer-Kaste, über die wir dieser Tage so heftig diskutieren. Die allerdings schaden letztlich keinem. Das werden mir alle hier in diesem Forum bestätigen m ü s s e n , die jemals in einer betreuten Jungengemeinschaft gelebt haben). Wir sollten da ganz, ganz vorsichtig sein. Wenn wir alle 'Fummler' zum Beispiel in Sortvereinen, einsperren, müssen wir demnächst unsere Kinder zur Sportstunde hinter Gitter schicken müssen. Wenn Sie es so wollen: Ich bestätige Ihnen das auch. Die Hand eines Vikars in meiner Hose war mir vor 58 Jahren eher lästig und ekelig. Aber ich habe den Vikar überlebt und seinen Zugriff auf mein Gemächt auch. Und ich sehe - offen gestanden - auch keine Traumata, die mich jetzt veranlassen könnten, vom Arbeitgeber des seinerzeitigen Vikars finanzielle Satisfikation zu verlangen. Ich war damals kein Strichjunge; bin es heute sicher auch nicht. I'm sorry, ist es nicht auch absonderlich, dass wir hier eine Institution niederzumachen zu suchen, die wir mit richtigen Argumenten nicht zu schaffen wagen? Die anderen warten darauf, dass ihr 'Liebling' ins richtige, aber ja nicht ins falsche Alter kommen. So richtig unappetitlich wird es nämlich, wenn Kinder - meist aus sozialen Gründen - über Jahre hinweg quasi aufgebaut werden zu Missbrauchsobjekten. Ein Zwölfjähriger outet sich nicht als Missbrauchsopfer - er empfindet sich als Mittäter. Und ein Zwölfjähriger hat einen achtjährigen Bruder - so setzt sich das fort und fort... Das einzig Verdienstvolle an dieser aktuellen Debatte ist, dass unsere Gesellschaft endlich zu begreifen lernt, dass Buben ungleich öfter zu Missbrauchsopfern werden als Mädchen. Und dass daran Frauen weit überdurchschnittlich beteiligt sind. Bei Mädchen liegt die Hemmschwelle selbst bei Päderasten schlicht höher. Ich denke mal, weiß es aber nicht, es liegt an der unveränderten grundlegenden gesellschaftlichen Vereinbarung, dass man weiblichen Wesen weniger zumutet als männlichen. Wer immer da wem was zumutet. Mein Tipp: Gucken Sie mal ganz genau hin. Dann sehen Sie schon.
Chris Jahn 07.05.2010
4. .
Zitat von WernerS"Wir brauchten viel Zeit, um zu verstehen, welche Schäden solches Verhalten bei den Opfern, den Kindern, anrichtet." Wieviel Zeit? 2000 Jahre hat sich dieser Verein dazu Zeit gelassen, aber stets und noch immer lautstark darauf gepocht daß er göttlich verordnete Moral und Werte verkündet.
Wenn diese Leute doch einfach mal die Bibel gelesen hätten... 1. Timotheus Oder wißt ihr nicht, daß Ungerechte keinen Anteil am Reiche Gottes haben werden? Gebt euch keiner Täuschung hin! Weder Unzüchtige, noch Götzendiener, noch Ehebrecher, noch Weichlinge, noch Knabenschänder, noch Diebe, noch Habsüchtige, nochTrunkenbolde, noch Lästerer, noch Räuber werden Anteil haben am Reiche Gottes.
Steve Holmes 07.05.2010
5. Internet statt Kirche
Zitat von WernerS"Wir brauchten viel Zeit, um zu verstehen, welche Schäden solches Verhalten bei den Opfern, den Kindern, anrichtet." Wieviel Zeit? 2000 Jahre hat sich dieser Verein dazu Zeit gelassen, aber stets und noch immer lautstark darauf gepocht daß er göttlich verordnete Moral und Werte verkündet.
Und wo bleibt die göttliche Eingebung auf die sie sich immer berufen? Wem jetzt noch nicht einleuchtet, daß diese Religion absurd ist, dem ist nicht zu helfen. Gäbe es wirklich einen Gott würde er sich sicher nicht auf diese Organisation und ihre Mitarbeiter verlassen um seinen Willen zu verkünden. Er würde wohl eher das Internet nutzen.
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