Missbrauch in der Kirche Papst nennt pädophile Priester Verbrecher

Bei einem Krisentreffen mit US-Kardinälen hat Papst Johannes Paul II. die Kinderschänder innerhalb der US-Kirche als Verbrecher bezeichnet. In den USA wurden in den vergangenen Monaten viele Fälle bekannt, in denen Priester sich an Minderjährigen vergangen haben.


Papst Johannes Paul II bei der Oster-Messe vor dem Petersdom
REUTERS

Papst Johannes Paul II bei der Oster-Messe vor dem Petersdom

Rom - Missbrauch werde "von der Gesellschaft zu Recht als Verbrechen angesehen", und im religiösen Leben sei kein Platz für solche Verbrecher, sagte der Papst. Sexueller Missbrauch von Kindern sei ein "Anzeichen einer schweren Krise, die nicht nur die Kirche, sondern die ganze Gesellschaft betrifft". Die Taten nannte er "eine entsetzliche Sünde in den Augen Gottes".

Den Opfern und ihren Angehörigen sprach er seine Solidarität und Betroffenheit aus. Ob die beschuldigten Priester in den Laienstand degradiert werden, ist noch nicht klar. Darüber war im Vorfeld des Treffens zwischen Papst, Spitzen der römischen Kurie, unter ihnen der Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Joseph Ratzinger, und den US-Kardinälen spekuliert worden.

Das Ansehen der katholischen Kirche ist in den USA seit Bekanntwerden der Missbrauchsfälle gesunken. Drei von vier Befragten äußerten die Ansicht, die Kirche habe nicht angemessen auf die Fälle von sexuellem Missbrauch in ihren Reihen reagiert. Dies ergab eine Umfrage des Fernsehsenders ABC und der Zeitung "Washington Post". Noch im März hatten nur zwei Drittel das Verhalten der Kirchenführung missbilligt.

Die amerikanischen Kardinäle und Bischöfe stehen somit unter Druck. Vor allem dem Kardinal von Boston, Bernard Francis Law, wird vorgeworfen, nicht entschieden genug gegen Priester vorgegangen zu sein, die sich sexuell an Kindern vergriffen hatten. Er soll zwei des Kindesmissbrauchs beschuldigte Priester von einer Gemeinde zur anderen versetzt haben. Medienberichten zufolge gibt es innerhalb der amerikanischen Bischofskonferenz Forderungen nach einem Rücktritt Laws. Auch der New Yorker Kardinal Edward Egan hat mögliches Fehlverhalten im Zusammenhang mit einem weiteren Missbrauchsskandal eingestanden.

Unmittelbar vor Beginn der Beratungen in Rom erklärte jedoch der Kardinal von Washington, Theodore McCarrick, seine Unterstützung für den umstrittenen Bostoner Kardinal Bernard Law. Dieser dürfe nicht zum Sündenbock gemacht werden, sagte McCarrick. Bei dem Treffen in Rom gehe es vor allem um die Frage, wie die Kirche sicherstellen könne, dass die Gläubigen ihren Priestern vertrauen könnten.

Deutsche Bischöfe wollen Kommission beauftragen

Der umstrittene Bostoner Kardinal Law trifft in Rom ein
AP

Der umstrittene Bostoner Kardinal Law trifft in Rom ein

Bereits am Montag tagte die Deutsche Bischofskonferenz im Kloster Himmelspforten bei Würzburg. Dabei beschlossen die Bischöfe, die Kommission für geistige Berufe und kirchliche Dienste zu beauftragen, Vorschläge für den Umgang mit Priestern zu machen, die sich des sexuellen Missbrauchs schuldig gemacht haben. Die Kommission solle darüber entscheiden, ob die Formulierung verbindlicher Richtlinien für alle Diözesen nötig sei, sagte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann in Würzburg.

Möglicherweise sollten auch bisher schon gängige Verfahrensweisen der einzelnen Diözesen als gemeinsame Richtlinie offiziell zu Papier gebracht werden. Wann die Kommission ihre Arbeit aufnehmen soll, ließ Lehmann offen. Der Kardinal betonte, es gebe keinen Hinweis, dass sich die Fälle im Vergleich zu früher gehäuft hätten, wenngleich man "in concreto" die Zahl der Fälle nicht kenne, weil es eine "erhebliche Randunschärfe" gebe. Es dürfe jedoch nicht der Eindruck entstehen, dass durch einen diskreten Umgang mit der Sache gerade im Hinblick auf die Opfer irgendetwas vertuscht werden solle.

Lehmann: Diskretion ohne Vertuschung
AP

Lehmann: Diskretion ohne Vertuschung

Die katholische Reformbewegung "Wir sind Kirche" hatte bei den deutschen Bischöfen Ombuds-Stellen für Missbrauchsopfer angemahnt. Diese Beratungsstellen müssten unabhängig von den bischöflichen Ordinariaten sein, um eine wirklich vertrauenswürdige Hilfe gewährleisten zu können, hieß es in einer Erklärung. Nach Ansicht der Kirchenreformbewegung kann die Gefahr von Missbrauch nur gesenkt werden, wenn die katholische Kirche ihre Einstellung zur Sexualität überdenkt.



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