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Missbrauch in katholischer Kirche: Denn sie wissen, was sie tun

Ein Kommentar von

Der Missbrauchskandal in der katholischen Kirche weitet sich aus, laut der Chef-Aufklärerin gibt es noch mehr Opfer, auch Frauen werden belastet. Doch die Bischöfe schweigen oder flüchten sich in absurde Schuldzuweisungen. Damit muss Schluss sein, es ist Zeit für klare Worte.

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Katholische Kirche: Missbrauch, Schuld und Schweigen
Mit fünf Betroffenen begann der jüngste Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche vor zwei Wochen, jetzt sind die Opferzahlen in Deutschland bereits dreistellig - und sie steigen täglich weiter. Die Berliner Juristin Ursula Raue, vom Jesuiten-Orden mit der Aufklärung der Vorgänge betraut, spricht von "einer Dimension, die bisher nicht zu ahnen war".

Wirklich nicht?

Aus allen Teilen der Bundesrepublik melden sich Menschen und berichten von sexuellen und anderen Misshandlungen in katholischen Erziehungseinrichtungen. Das Versagen der Kirche - wie in Amerika und Irland -, das Wegschauen, Verschweigen und Vertuschen, das die Bischöfe in Deutschland nicht wahrhaben wollten, ist mit den Vorgängen an den Jesuitenschulen in Hamburg, Bonn oder Berlin nun auch hierzulande sichtbar geworden.

Das deutsche Katholikenoberhaupt, Robert Zollitsch, schweigt dazu seit 14 Tagen. Er will sich erst nächste Woche, nach Absprache mit seinen Brüdern, dazu äußern. Auch der deutsche Papst hat nicht direkt zur Situation in Deutschland Stellung genommen.

Dafür machen das andere, der Augsburger Bischof Mixa etwa, der den wahren Schuldigen am Missbrauch ermittelt hat: "Die sogenannte sexuelle Revolution" sei "daran nicht unschuldig", meint er - als ob es vor 1968 besser gewesen sei.

Bischof Mixa: Zurück zur "Darüber-spricht-man-nicht"-Moral

Besonders die fünfziger Jahre - das belegen zahllose Zeugenberichte - gehören mit gewalttätigen Übergriffen an Kindern und Jugendlichen unter dem Dach der Kirche zu den dunkelsten Kapiteln ihrer Geschichte.

Die Tabuisierung des Themas Sexualität, dessen Vermengung mit Sünde, Schuld und Strafe hat viele Menschen psychisch krank werden lassen - bis heute wirkt diese fatale Haltung fort. Auch und gerade bei katholischen Priestern, die aus ihrem Beruf aussteigen mussten, um überhaupt weiter leben zu können.

Wenn es nach Mixa ginge, hätten wir also wieder die Sexualmoral von vor 1968, in der beispielsweise uneheliche Kinder als "Kinder der Sünde" galten, ein Makel, unter dem viele ihr Leben lang litten.

Mixa will offenbar zurück zur verheerenden "Darüber-spricht-man-nicht"-Moral, die einst wesentlich von der katholischen Kirche geprägt wurde. Bischöfe wie Mixa täten besser daran, sich endlich wegen der Stigmatisierung unehelicher Kinder oder Homosexueller durch seine Kirche zu entschuldigen.

Andere Bischöfe versuchen, die Schuld der Kirche durch den Hinweis auf Missbrauchsfälle andernorts in der Gesellschaft zu relativieren oder die Fälle als Einzelfälle kleinzureden.

Tiefer Riss geht durch katholische Kirche

Mittlerweile geht aber ein tiefer Riss durch die katholische Kirche.

Da sind einerseits jene, die weitermachen wollen wie bisher - ohne zu begreifen, was da über Jahrzehnte von ihrer Institution für ein Schaden angerichtet worden ist. Auf der anderen Seite beginnt der Panzer, den sich die Kirche zugelegt hat, aufzubrechen.

Der Jesuitenpater Hans Langendörfer etwa brachte es auf den Punkt: "Die Enthüllungen zeigen ein dunkles Gesicht der Kirche, das mich erschreckt", war seine erste Reaktion. Hierarchisch ist er die Nummer zwei nach Zollitsch in der Bischofskonferenz. Auch der Osnabrücker Bischof Franz Josef Bode räumte ein, offenbar sei die Kirche "zu leichtfertig" mit den Tätern umgegangen.

Der Druck auf die ab nächste Woche Montag tagenden Bischöfe wird immer größer. Zollitsch kann es sich nicht mehr erlauben, ein paar warme Worte allgemeiner Entschuldigung zu sprechen.

Es geht nicht um die Täter, sondern um das System, das sie jahrelang geschützt hat. Sexualstraftäter brauchen und schaffen sich ein Umfeld, das sie trägt - dieses Umfeld hieß in vielen Fällen katholische Kirche.

In Irland treten deswegen immer mehr Bischöfe zurück. Dort hat es eine Überprüfung der Vorgänge von außen gegeben, von einer wirklich unabhängigen Untersuchungskommission des Justizministeriums.

Die Kirche musste ihre Akten offenlegen, die Regierungskommission vernahm Zeugen und legte vor drei Monaten einen für die Bischöfe niederschmetternden Bericht vor.

Der Skandal der Jesuitenschulen steht dem in nichts nach, wie der Zwischenbericht von der Missbrauchsbeauftragten Ursula Raue zeigt.

Es ist Zeit, zu handeln.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 155 Beiträge
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1. Endlich mal Gleichberechtigung bei den ...
empedocles 18.02.2010
Katholiken. Wenn es darum geht, "Phimosen zu entdecken" dürfen halt auch die Frauen mal Hand anlegen. Warum muß ich gerade jetzt an die Ställe des König Augias denken?
2. Sumpf bewusst zugelassen
heinrichp 18.02.2010
Zitat von sysopDer Missbrauchskandal in der katholischen Kirche weitet sich aus, laut der Chef-Aufklärerin gibt es noch mehr Opfer, auch Frauen werden belastet. Doch die Bischöfe schweigen oder flüchten sich in absurde Schuldzuweisungen. Damit muss Schluss sein, es ist Zeit für klare Worte. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,678746,00.html
Die Kirche hat diesen Sumpf bewusst zugelassen in dem sie dazu schweigt. Die heilige Kirche darf nicht beschmutzt werden, doch das was Gott ist darf man missbrauchen und beschmutzen. Jeder Mensch hat die Würde eines Gottes tief in sich: Unser ewiges und heiliges Selbst.
3. es gibt keinen Failsafe Button
black wolf, 18.02.2010
Bizarr, wie bei offensichtlich weltweit systememergenten Verbrechen noch immer jede noch so abstruse Ausflucht gesucht wird um wegzuschauen. Und dann wird auch noch die Notwendigkeit von Zwangsmaßnahmen wegdiskutiert. Es ist geradezu pervers, wie sich manche zur Naivität zwingen, um noch ein Körnchen Gutes im Bösen zu finden, um noch den Boden des Fasses abzukratzen wo sich vielleicht noch ein Grund finden könnte, dieser verbrechensorganisation nicht den Rücken zu kehren. Um sich nicht ehrlich die Frage stellen zu müssen, ob die ganze Idee vom kosmisch absolut Moralischen eine ganz und gar irdische Erfindung ist.
4. Rechsstaat oder Kirchenstaat?
halbwahrheit 18.02.2010
Man muss sich bei diesen jahrelangen Verschleierungstaktiken und dem behandeln der Täter als Opfer fragen wie sich die Katholische Kirche bzw. der Jesuiten-Orden gegenüber den deutschen Gesetzen verhält. Warum schützt die Kirche Kinderschänder, schickt sie in andere Einrichtungen, damit sie das Leid weiter verbreiten können. Ich kenne die Katholische Kirche nicht und weiß nicht wie die innere Struktur und der Zusammenhalt ist. Aber hätte man die betreffenden Personen nicht aus der Kirche ausschließen müssen und sie mit allen vorhandenen Beweisen dem Rechtsstaat übergeben sollen? Oder gibt es innerhalb der Katholischen Kirche/dem Jesuiten-Orden auch eine Parallelgesellschaft, die sich nicht an alle Regeln des Staates hält - wie es häufig praktizierenden Moslems vorgehalten wird. Schade, dass es in der Bibel keinen Absatz zu Kindesmisshandlung gibt, dann könnten die Kirchenoberen angemessen reagieren – aber anscheinend ist der Papst nicht in der Lage von religiösen Gedanken auf gesunden Menschenverstand umzuschalten.
5. kath Kirche
Limbus 18.02.2010
Ich frage mich so langsam, was noch passieren muss, bis man der Katholischen Kirche verbietet Schulen zu betreiben?
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