TV-Dokumentation über Pädophilie: Wenn Mütter missbrauchen

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Die Mutter von Udo Gann hat sich jahrelang an ihm vergangen, bis zu dreimal am Tag. Dass auch Frauen Kinder sexuell missbrauchen, ist noch immer ein Tabu. Eine TV-Dokumentation gewährt Einblick - und schildert neben der Sicht zweier Opfer auch die einer Täterin.

Radio Bremen

Udo Gann kann das Gefühl jederzeit abrufen. Seine Mutter nähert sich ihm, fasst ihn an und verlangt dann, dass er sie berührt. Sie gibt Anweisungen und Kommandos. Danach lässt sie ihn wissen, ob er ihre perversen Sehnsüchte erfüllt hat. Wenn nicht, muss er ihre Befehle wieder und wieder ausführen, enttäuscht er sie erneut, setzt es Prügel.

Udo Gann ist bis in die Pubertät von seiner Mutter missbraucht worden. Viele Jahre lang wusste er nicht, ob das, was die Mutter mit ihm machte, richtig oder falsch ist. Für Udo Gann gab es keinen Unterschied zwischen Liebe, Zuwendung und Sexualität, die Übergriffe waren Teil seines Alltags. Bis zu dreimal am Tag degradierte die Frau ihren Sohn zum Sexualobjekt.

Mit dem Begriff Pädophilie verbindet man in erster Linie männliche Täter, die unter einer sexuellen Präferenzstörung leiden. Über diese Neigung bei Frauen gibt es keine gesicherten Erkenntnisse. Dass sich Frauen an Kindern vergehen, ist selten Thema. Die Autoren Alexander Tieg und Florian Weiner haben sich für Radio Bremen diesem Tabu genähert. Entstanden ist ein Film, der neben Experten zwei Opfer wie Udo Gann und einen weiteren Mann, aber auch eine Täterin zu Wort kommen lässt.

Die Frau ist 33 Jahre alt, sagt, sie sei pädophil und in ihrer Sexualität auf Kinder fixiert. Sie habe eine eineinhalb Jahre währende Beziehung mit einem Jungen gehabt, zeitgleich sei sie auch mit einem erwachsenen Mann liiert gewesen. Den Betroffenen sei dies klar gewesen. "Es ist leichter, sich als Mörderin oder was weiß ich was noch zu bekennen. Unsere Gesellschaft ist naiv und intolerant. Doch noch mehr als dies ist sie verlogen und am allermeisten uninformiert", teilt sie den TV-Journalisten per E-Mail mit. Nur deshalb sei es so schwierig, mit pädophilen Frauen wie ihr in Kontakt zu kommen.

300.000 Opfer pro Jahr

Im Jahr 2010 verzeichnete das Bundeskriminalamt knapp 13.000 Missbrauchsfälle. Laut Film wurde jedes elfte Mädchen Opfer von sexuellen Missbrauch, bei den Jungen sind es etwa drei Prozent. Doch die Dunkelziffer ist weitaus höher, Experten gehen von 300.000 betroffenen Minderjährigen aus.

Gerade sexuelle Übergriffe in Familien werden selten aufgedeckt, besonders wenn die Täter Frauen sind. Strafverteidiger Sascha Böttner sagt im Film, die Opfer, die Frauen anzeigen und auf eine Tatverfolgung drängen, leiden unter dem Schritt. Sich zu offenbaren und womöglich die eigene Mutter anzuklagen, setze ihnen immens zu. "Teilweise sind sie betroffener als bei Taten mit Männern."

Selten finden Fälle in die Öffentlichkeit wie der einer 45-Jährigen aus Berlin, die sich fünf Jahre lang an ihrer Tochter verging. Der Missbrauch begann, als das Mädchen sieben Jahre alt war. Die ausgebildete Erzieherin wurde zu einer Bewährungsstrafe von zwei Jahren verurteilt.

Für Hilferufe fehlt oft der Mut

Udo Gann wird von seiner Mutter missbraucht, bis er 16 Jahre alt ist. Sie zwingt ihn, dabei Kondome zu benutzen. Von einem auf den anderen Tag hört sie auf mit den Übergriffen. Udo Gann weiß bis heute nicht warum. Seine Mutter lebt inzwischen in einem Pflegeheim, leidet an Demenz. Udo Gann verarbeitet das Erlebte, indem er sich in einem Selbsthilfeforum für männliche Opfer sexuellen Missbrauchs einsetzt.

Auch Christian, der in Wahrheit einen anderen Namen trägt, kommt im Film zu Wort. Seine Mutter missbraucht ihn von kleinauf, bis er pubertiert, manchmal mehrmals am Tag. Er fühlt sich als multiple Persönlichkeit: Für die Mutter muss er Ehemann, Sohn, Freund, Geliebter sein.

Zeit seines Lebens hat er den Impuls, aufzuschreien. Doch auch er schweigt, verdrängt das Erlebte. Das Verhalten ist typisch für Missbrauchsopfer, sie dissoziieren, spalten die brutalen Übergriffe ab, verbannen sie aus ihrem Bewusstsein.

Erst mit Mitte 30 stellt sich Christian seiner Erfahrung. Beziehungen zu Frauen waren immer wieder zerbrochen, wenn die unterdrückten Kindheitserlebnisse in ihm hochkamen.

Die Täterinnen scheinen sich - ebenso wie männliche Täter - nicht bewusst, inwieweit sie das Leben ihrer Opfer zerstören. Sie sei "weder sexuell frustriert, noch unausgelastet" gewesen, auch habe es keinen "unbändigen Drang" in ihr gegeben, ein Kind zu missbrauchen, schreibt die Frau den Filmemachern Tieg und Weiner. "Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass ich auch Lust hatte." Sie selbst habe als Kind sexuellen Kontakt zu Erwachsenen gehabt. Es habe ihr nicht geschadet.

Sex mit Kindern könne sie mit ihrem Gewissen vereinbaren, teilt sie mit. "Ich halte es für Humbug sondergleichen, dass die Sexualisierung von Kindern zu Dysfunktionalitäten führt." Kinder könnten durchaus ihren freien Willen äußern. Auch mit einem neunjährigen Mädchen will die pädophil veranlagte Frau sexuellen Kontakt gehabt haben. Die Eltern des Mädchens seien damit einverstanden gewesen. Sie empfänden ähnlich wie sie.

"Von der Mutter missbraucht", Montag, 22 Uhr, NDR

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