Missbrauchsskandal "Die Kirche hat einen Panzer gebildet"

Beten, arbeiten, schweigen: Die katholische Kirche ist wegen ihrer Heimlichtuerei im Umgang mit Missbrauchsfällen massiv unter Druck. Die Täter würden stärker geschützt als die Opfer, bemängeln Kritiker - und hoffen nun, dass sich die Bischöfe eines Besseren besinnen.

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Erzbischof mit Kreuz: Tradition des Vertuschens
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Erzbischof mit Kreuz: Tradition des Vertuschens


Berlin - Die Berliner Theologin und Konflikttrainerin Verena Mosen wirft der deutschen katholischen Kirche vor, sich bislang nicht mit der seit Jahren bestehenden Kritik an ihrem Umgang mit sexuellen Missbrauchsfällen auseinandergesetzt zu haben.

"Es darf nicht länger sein, dass die Kirche ein Sonderrecht beansprucht, wie es sonst niemand in der Gesellschaft hat, nämlich beim Verdacht auf eine Straftat zunächst einmal lediglich eine interne Klärung zu verfolgen - jenseits von Polizei und Justiz", so Mosen. Die seit 2002 gültigen Leitlinien der Bischofskonferenz begünstigen ihrer Ansicht nach noch immer die Tradition des Vertuschens und helfen den Tätern, nicht den Opfern.

Auch Christian Weisner von der kirchenkritischen Initiative "Wir sind Kirche" fordert eine grundlegende Überarbeitung dieser Leitlinien. "Es kann nicht sein, dass in einzelnen Diözesen hohe Geistliche, denen die notwendige Distanz zu möglichen Tatverdächtigen fehlt, immer noch als Ansprechpartner genannt werden."

"Wir sind Kirche" verlange unabhängige Beratungsstellen und halte, solange dies nicht erfolge, weiterhin an dem von ihnen im Jahr 2002 eingerichteten Notruf-Telefon* fest. Wer dort anrufe, werde nicht auf ein innerkirchliches Verfahren vertröstet, sondern auch zur Anzeige ermuntert, hieß es.

Keine Reaktion

Schon ein Jahr nach Erscheinen der bischöflichen Leitlinien erstellte Mosen eine Studie über die Behinderung der Uno-Kinderrechtskonvention durch die Kirche in Deutschland. Diesen Bericht übergab sie an Regierungsstellen und den päpstlichen Vertreter bei der Uno in Genf sowie an die Deutsche Bischofskonferenz.

"Keiner der Empfänger reagierte auf unseren Bericht", sagt Mosen. Nach einem halben Jahr kontaktierte sie den Jesuiten Hans Langendörfer, Sekretär der Bischofskonferenz. Es wurde demnach bestätigt, dass ihr Gutachten vorlag und dass man keinen Kommentar abgeben werde.

"Bis heute hat sich an der Situation, die bereits 2003 in der Studie kritisiert wurde, nichts geändert. Nach deutschem Strafrecht besteht eindeutig eine rechtliche Verpflichtung, Fälle sexuellen Missbrauchs staatlichen Behörden anzuzeigen und Opfern beiseitezustehen, sobald man hiervon erfährt, und nicht erst ein langes innerkirchliches Verfahren in Gang zu setzen", sagt Mosen.

Quelle von Vertuschungsversuchen

Kritik an den Leitlinien teilt auch der Rektor des Berliner Canisius-Kollegs, Pater Klaus Mertes. Wenn Missbrauch gemeldet werde, sagt er, gerieten die Kirchenoberen in einen Loyalitätskonflikt zwischen Opfer und Beschuldigtem. Dies sei eine Quelle von Vertuschungsversuchen. Das praktizierte Leitlinien-Verfahren vermittele den Opfern ein falsches Signal und brächte manche "zum Verstummen".

Die Praxis der Deutschen Bischofskonferenz im Umgang mit sexuellem Kindesmissbrauch stehe zudem "nicht im Einklang mit deutschem Recht", kritisiert Theologin Mosen. Es finde ein langer Prozess innerhalb der römisch-katholischen Kirche statt, ehe der Kontakt zu den Strafverfolgungsbehörden aufgenommen werde, "falls dies überhaupt geschieht".

Die Kirche sei durch ihre eigenen Richtlinien gehalten, kanonisches Recht und das Gesetz des Heiligen Stuhls zur Verschwiegenheit von 2001 zu befolgen. "Dieses kirchliche Recht führt aus, dass die Glaubenskongregation die absolute Autorität über die Untersuchungen und Beschlüsse hinsichtlich von Beschuldigungen wegen sexuellen Missbrauchs an Kindern in der Kirche innehat."

Warum zögerte die Kirche?

Im Fall der Canisius-Schüler zeige sich, dass dies problematisch sei. Bereits 1981 wurden die Vorfälle dem Jesuitenorden angezeigt, 1991 informierte der Täter selbst den Vatikan. Die Berliner Theologin fragt sich: "Warum werden diese strafrechtlich relevanten Gewaltakte erst 2010 öffentlich gemacht und Ermittlungen eingeleitet?" Die Kirche müsse doch sofort mit Regierungsbeamten und staatlichen Ermittlungsbehörden zusammenarbeiten. "Und auch das Einschalten der Medien kann dazu beitragen, dass sich weitere Opfer melden."

Die Initiative "Kirche von unten" fordert jetzt, endlich sämtliche Fälle sexuellen Missbrauchs zu veröffentlichen - was selbst unter Wahrung der Privatsphäre von Opfern und Tätern möglich sei.

In Kirchengemeinden, bei Ministranten und Ministrantinnen sowie in kirchlichen Schulen, so eine weitere Forderung, müsse die Prävention sexuell krimineller Handlungen thematisiert werden. "Da muss jetzt wirklich was passieren", klagt Mosen. Sie hofft, dass die katholischen Bischöfe auf ihrer bevorstehenden Frühjahrskonferenz über den Umgang mit sexuellem Missbrauch in der Kirche reden - und von der bestehenden Praxis abkehren werden.

"Massiver Schutz der Täter"

Die Versuche mancher Kirchenoberen, den jüngsten Missbrauchskandal in der Kirche wieder einmal kleinzureden, bringt auch Sigrid Grabmeier, vom kirchenkritischen Netzwerk "Wir sind Kirche" auf.

"Nirgends ist der Schutz der Täter so massiv wie in den kirchlichen Hierarchien, weil immer wieder die heilige Kirche zuerst geschützt wird", zürnt Grabmeier. Sie kenne zwar einige Kirchenmänner, die sagten, da müsse man endlich ran. "Doch die Kirche insgesamt hat so etwas wie einen Panzer gebildet, der die Verbrecher und ihre Verbrechen schützt. So lange das so bleibt, so lange kann eine echte Aufarbeitung und Fürsorge für die Opfer nicht stattfinden."

Es gibt nach ihrer Kenntnis noch zu viele Kleriker, "die sich in der Hierarchie geborgen fühlen", die es sich leicht machten mit dem Hinweis, Missbrauch gebe es auch anderswo in der Gesellschaft. "Niemand will der Nestbeschmutzer sein, darum schweigt man lieber weiter." Und selbst die Opfer, hat sie festgestellt, hätten oft noch ein Restvertrauen zur Kirche, weshalb sie oft nicht als erstes zur Polizei gingen.

Dramatische Entwicklung

Am kommenden Donnerstag hat am Regensburger Stadttheater zufällig ein lang vorbereitetes Theaterstück seine Premiere, dass die Problematik sexuellen Missbrauchs in der Kirche zum Thema hat. Es ist das Stück "Die Beichte" nach einer Vorlage, die der Autor Felix Mitterer schon 2003 geschrieben hat. Grabmeier hat sich die Generalprobe angesehen.

Der Inhalt: Ein Mann kommt mit einem Kind zur Beichte und will dem Priester gestehen, dass er es missbraucht. Dabei stellt er fest, dass er den Geistlichen aus der Vergangenheit kennt, denn der Mann Gottes hat einst ihn missbraucht. Ausgangspunkt für ein langes Gespräch und eine dramatische Entwicklung.

Das Regensburger Ordinariat wurde bisher nur von der Ausstatterin einbezogen, zur Kostümberatung. Der Bischof und seine leitenden Geistlichen sind eingeladen, sich das Stück jetzt anzuschauen. Auf ihre Reaktion ist Grabmeier gespannt.

* Telefon 0180-3000862 oder Mail an zypresse@wir-sind-kirche.de

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 43 Beiträge
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Seite 1
Markus Heid, 09.02.2010
1. Rechtsstaatlichkeit
Zitat von sysopBeten, arbeiten, schweigen: Die katholische Kirche ist wegen ihrer Heimlichtuerei im Umgang mit Missbrauchsfällen massiv unter Druck. Die Täter würden stärker geschützt als die Opfer, bemängeln Kritiker - und hoffen nun, dass sich die Bischöfe eines Besseren besinnen. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,676764,00.html
Ich dachte immer in einen Rechtstaat wie Deutschland wäre das Verschweigen einer Straftat und die Bildung einer kriminellen Vereinigung ein Gesetzesbruch
Joam 09.02.2010
2. Sas ausgehebelte Strafrecht!
Zitat von sysopBeten, arbeiten, schweigen: Die katholische Kirche ist wegen ihrer Heimlichtuerei im Umgang mit Missbrauchsfällen massiv unter Druck. Die Täter würden stärker geschützt als die Opfer, bemängeln Kritiker - und hoffen nun, dass sich die Bischöfe eines Besseren besinnen. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,676764,00.html
Der Eigentliche Skandal ist das ausgehebelte Strafrecht! Kann sowas Grundgesetzkonform sein?
paul46 09.02.2010
3. Omerta
Klare Worte, aber fehlende Konsequenzen - Pädophilie-Skandale in der katholischen Kirche Konsequent müsste für den Papst doch sein, die Bischöfe und Kardinäle, die über viele Jahre Mitwisser ( teilweise auch Mittäter) waren, nicht nur ihres Amtes zu entheben, sondern diese auch einer weltlichen Gerichtsbarkeit zuzuführen und damit auch einen juristisch abgesicherten Strafzuführungsprozess nach den Grundsätzen der zivilen Strafprozessordnung in die Wege zu leiten. Sowohl zur stillschweigenden Duldung als auch zur aktiven pädophilen Täterschaft sollte sich der Papst zu einer eindeutigen und unmissverständlichen Vorgehensweise durchringen. Vielleicht fiele dem Bischof von Rom eine unzweideutige Art des Vorgehens leichter, wenn er sich an Mt. 18,6 erinnerte : „Wer einem von diesen Kleinen, die an mich glauben, zum Bösen verführt, für den wäre es besser, wenn er mit einem Mühlstein um den Hals im tiefen Meer versenkt würde.“ Man kann dem Opfer-Verband Snap (Survivors Network of those Abused by Priests) nur zustimmen, wenn dieser unmittelbar nach der Rede des Papstes in Washington feststellte, dass die Kirche nach wie vor mit dem Pädophilie-Skandal innerhalb des Klerus (vor allem auch auf der Ebene der Bischöfe und Kardinäle) nicht adäquat umgehe und dass die Krise keineswegs vorüber sei, denn noch immer hintergingen „hunderte Bischöfe willentlich und wiederholt" Gemeindemitglieder, würden gegenüber der Polizei schweigen und Kinder weiter Risiken aussetzen. In der der Zeitung VECERNJI LIST aus Zagreb lese ich : „Einen Schlussstrich unter den Skandal wird man jedoch erst dann ziehen können, wenn auch die Bischöfe bestraft werden, die solche Vergehen verheimlicht oder sogar gedeckt haben". Am 27. März 1995 erhob im Nachrichtenmagazin „profil“ (Ausgabe 13/95) ein ehemaliger Schüler Groërs schwere Vorwürfe wegen seinerzeitigen sexuellen Missbrauchs von Jugendlichen gegen den Kardinal. Dieser hüllte sich darauf in Schweigen, trat jedoch als Vorsitzender der Bischofskonferenz am 6. April 1995 zurück. Der Vatikan reagierte „diplomatisch“: Groër wurde am 13. April 1995 Christoph Schönborn als Koadjutor-Erzbischof mit dem Recht auf Nachfolge beigestellt und mit Wirkung per 14. September 1995 sein schon am 13. Oktober 1994 vor der „Affäre Groër“ aus Altersgründen eingebrachtes Rücktrittsgesuch angenommen. Groer hat bis zu seinem Tode im Jahre 2003 weder einen Gerichtssaal von Innen gesehen – geschweige ein richterliches Urteil gehört Meine Fragen an den Papst : Welcher Bischof/Kardinal sitzt wo wegen einer Pädophilie-Anklage im Gefängnis? In welchem Gefängnis haben die verstorbenen (und zivilgerichtlich nie verurteilten) Bischöfe (z.B. die irischen Bischöfe John Charles McQuaid, Dermot Ryan, Kevin McNamara)eingesessen? Warum wurden diese zivilgerichtlich nie verurteilt? In welchem Gefängnis sitzt der noch lebende irische Bischof Desmond Connell oder der Pöltener Bischof Krenn? Warum sind sie bisher zivilgerichtlich nicht verurteilt worden? Ebenfalls würde mich sehr interessieren, in welchem Gefängnis die nordamerikanischen Bischöfe/Kardinäle sitzen, die ebenfalls sich der Pädophilie schuldig gemacht haben? Paul Haverkamp, Lingen
yato, 09.02.2010
4. Die "hassenden Christen"
...sind vor allem durch ihre Sexualfeindlichkeit auf einem grundfalschem Weg. Wenn man bedenkt, dass es ja eigentlich darum ging die Liebe als soziale Realität einzuführen, kann man nach diesem tausendjährigen fulminanten Scheitern nur noch lachen. Der Staat sollte sich endlich vollständig von dieser Firma abkoppeln und aufhören dazu behilflich zu sein die Kirchensteuer einzutreiben. Wer zusätzlich noch die Geschichte der Kirche kennt, der kann kaum verstehen dass so vielen Leuten auch heute noch nicht die Augen geöffnet sind: Die Kirche vermochte nicht Karlheinz Deschner juristisch zu verbieten in einer ganzen Serie von 10 Büchern "Kriminalgeschichte des Christentums" zu behaupten, dass die Kirche DIE GRÖSSTE VERBRECHERORGANISATION ALLER ZEITEN ist, da Deschners Bücher dies detailiert und unbestreitbar untermauern! siehe: http://www.amazon.de/s/ref=nb_ss_b?__mk_de_DE=%C5M%C5Z%D5%D1&url=search-alias%3Dstripbooks&field-keywords=deschner%2C+karlheinz&x=22&y=21
Klo, 09.02.2010
5.
Zitat von sysopBeten, arbeiten, schweigen: Die katholische Kirche ist wegen ihrer Heimlichtuerei im Umgang mit Missbrauchsfällen massiv unter Druck. Die Täter würden stärker geschützt als die Opfer, bemängeln Kritiker - und hoffen nun, dass sich die Bischöfe eines Besseren besinnen. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,676764,00.html
Die Kirche sollte lieber ein Füllhorn bilden, anstatt einen Panzer. Und daraus sollte sie die geschändeten Opfer voll entschädigen. Das Klo.
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