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Missbrauchsskandal in der Kirche: Papst sollte "aus der Schusslinie" genommen werden

Der frühere Generalvikar Gruber wurde offenbar gedrängt, die Verantwortung in der Affäre um den pädophilen Priester Peter H. zu übernehmen. Vertraute Grubers schilderten dem SPIEGEL, er solle als Sündenbock für den Papst herhalten. Derweil gerät auch der Aachener Bischof Mussinghoff unter Druck.

Papst Benedikt XVI.: Es ist weiter offen, welche Rolle er bei der Affäre um Peter H. spielte Zur Großansicht
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Papst Benedikt XVI.: Es ist weiter offen, welche Rolle er bei der Affäre um Peter H. spielte

Hamburg - Vertraute des früheren Generalvikars der Erzdiözese München und Freising, Gerhard Gruber, erheben in der Affäre um den pädophilen Priester Peter H. schwere Vorwürfe gegen das Ordinariat. Nach Informationen des SPIEGEL hat die zentrale Behörde des Erzbischofs Gruber offenbar gedrängt, die alleinige Schuld für die Versäumnisse der Kirche zu übernehmen.

Gruber war Anfang der achtziger Jahre Generalvikar des damaligen Erzbischofs Joseph Ratzinger, als Peter H. trotz massiven sexuellen Missbrauchs von Kindern erneut als Seelsorger eingesetzt wurde. Ratzinger, der heutige Papst Benedikt XVI., leitete auch die Sitzung, in der über H.s Aufnahme in München entschieden wurde.

Vertraute Grubers schilderten nun dem SPIEGEL, er stehe unter großem Druck und solle wohl als Sündenbock für den Papst herhalten. Es sei darum gegangen, den Papst "aus der Schusslinie zu nehmen". Als die Affäre Mitte März aufflog, sei er am Telefon eindringlich "gebeten" worden, die volle Verantwortung zu übernehmen, klagte Gruber gegenüber Freunden. In einem Brief an seine Vertrauten schreibt Gruber, er habe eine fertig formulierte Stellungnahme zugefaxt bekommen. Änderungswünsche habe er anmerken können.

Über die Darstellung des Bistums und darüber, dass man ihm "eigenmächtiges Handeln" im Fall H. vorwarf, empfinde er jedoch großen Unmut. Auch der Ausdruck "Eigenmächtigkeit" sei nicht mit ihm abgesprochen worden. Gruber hatte bisher alle Schuld auf sich genommen.

"Der Junge hätte sich als Opfer schon selbst bei uns melden müssen"

Der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche weitete sich unterdessen aus: Die bundesweite "Initiative gegen Gewalt und sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen" fordert gegenüber dem SPIEGEL den Rücktritt des Aachener Bischofs Heinrich Mussinghoff. Sie wirft ihm mangelnde Aufklärung in einem aktuellen Verdachtsfall auf Missbrauch vor. Bereits am 8. Januar hätten die Eltern eines 19-Jährigen den Fall beim Personalchef des Bistums angezeigt. Danach sei nichts mehr geschehen, obwohl die vorgeworfenen Taten noch nicht verjährt seien.

"Weil die Kirche trotz monatelanger Debatte über sexuellen Missbrauch ihren eigenen Versprechungen nicht nachgekommen ist, müssen die dafür Verantwortlichen zurücktreten", sagte der Sprecher der Initiative, Johannes Heibel.

Erst durch die unabhängige nichtkirchliche Initiative ist es zu einer Strafanzeige bei der Krefelder Staatsanwaltschaft gekommen, die die Ermittlungen aufgenommen hat. Der Priester Georg K. soll den jungen Mann schon vom zehnten Lebensjahr an regelmäßig schwer missbraucht haben. Auch andere Kinder im Bistum Aachen sollen betroffen sein.

Geschenke, Alkohol, gemeinsamer Drogenkonsum

Systematisch soll sich der Seelsorger das Vertrauen minderjähriger Jungen erschlichen haben, durch Geschenke, Alkohol und gemeinsamen Drogenkonsum. Als Zwölfjähriger, berichtet das Opfer, "hat Georg K. mich ins Pfarrhaus getragen, ins Bett gelegt. Erst hat er mich, dann sich komplett ausgezogen, sich auf mich gelegt und missbraucht".

Der Computer des Pfarrers sei voller Pornos gewesen. Auch habe K. selbst Videoaufnahmen und Digitalfotos von sexuellen Handlungen gemacht. Das Opfer und seine Familie verstehen nicht, warum bis heute niemand vom Bistum wenigstens zu einem Gespräch mit ihnen gekommen ist. Das Bistum erklärte auf Nachfrage des SPIEGEL, angerufen habe ja nur der Vater. "Der Junge hätte sich als Opfer schon selbst bei uns melden müssen, nicht wir bei ihm." K. streitet die Vorwürfe ab.

Zollitsch will sich um den Fall Walter Mixa kümmern

Derweil hat der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, angekündigt, er werde sich persönlich um die Aufklärung im Fall Walter Mixa bemühen. Ehemalige Heimkinder des Kinder- und Jugendhilfezentrums Schrobenhausen werfen Mixa vor, er habe sie in seiner Zeit als Dorfpfarrer geschlagen. Der Augsburger Bischof hatte am Freitag erstmals eingeräumt, er habe Kinder möglicherweise geohrfeigt.

Am Rande der Auftaktveranstaltung zur "Woche für das Leben" kündigte Zollitsch am Samstag ein weiteres Gespräch mit Mixa an.

bim

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 307 Beiträge
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1. Dominosteine purzeln
genugistgenug 17.04.2010
Ide Dominosteine purzeln noch nicht, wackeln aber schon, jetzt sind in der breiten Öffentlichkeit 2 neue Namen aufgetaucht, nachdem sich Mixa langsam wieder zu erinnern scheint. Aus 1 mach 2, dann 4, dann 8,..... dann steht der Untergang in der Tür. Und es dürften noch mehr werden. Denn diese unsägliche Arroganz oder doch nur Dummheit Das Bistum erklärte auf Nachfrage des SPIEGEL, angerufen habe ja nur der Vater. "Der Junge hätte sich als Opfer schon selbst bei uns melden müssen, nicht wir bei ihm." Zitatende dürfte noch reiche Ernte tragen. Oder wieso redet das Bistum nicht mit dem Vater? Das Kind soll selbst zu der Täterorganisation gehen und sich ein weiteres Mal mißbrauchen lassen? Einfühlungsvermögen scheint nicht zu fehlen, daß gibt es eindeutig nicht, von Mitgefühl ganz zu schweigen. Kleiner Tipp an Zolitsch: Am Rande der Auftaktveranstaltung zur "Woche für das Leben" kündigte Zollitsch am Samstag ein weiteres Gespräch mit Mixa an. Ankündigungen bringen nichts - Ergebnisse müssen her. Aber da hören die Tauben besser zu.
2. Tja,
Nämbercher, 17.04.2010
Zitat von sysopDer frühere Generalvikar Gruber wurde offenbar gedrängt, die Verantwortung in der Affäre um den pädophilen Priester Peter H. zu übernehmen. Vertraute Grubers schilderten dem SPIEGEL, er solle als Sündenbock für den Papst herhalten. Derweil gerät auch der Aachener Bischof Mussinghoff unter Druck. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,689580,00.html
..alles andere hätte mich jetzt doch sehr gewundert.
3. konsequent
spononwolf 17.04.2010
Ratzinger kam also offensichtlich schon mit "Leichen im Keller" im Vatikan an. Da ist seine "Geheimhaltungsdirektive" als Chef der Glaubenskongregation nur konsequente Vertuschung (auch eigener Verfehlungen). Was sich mir allerdings immer noch nicht erschließt, ist die irrige Annahme der katholischen Kirche, daß die Vertuschungsstrategie auf Dauer funktionieren könnte. Die alten Herren im Vatikan müssen das wirklich geglaubt haben (und tun es wohl immer noch), sonst ist ihr jetziges irrationales Verhalten einfach nicht zu erklären.
4. Mein Name ist Hase .......
Naturhuf 17.04.2010
Das hört sich doch mehr und mehr wie die Aussagen der Banker vor dem Ausschuss in the USA....gravierende Erinnerungslücken und Manipulierung der Fakten. Mal sehen, wie sich die katholische Kirche noch weiter in Lügen verwickeln wird. Da kann doch wirklich keiner mehr noch irgendwelches Vertrauen zu dieser Institution haben, es sei denn, man belügt sich selbst.
5. Der Täter macht dem Opfer Vorschriften
WernerS 17.04.2010
""""angerufen habe ja nur der Vater. "Der Junge hätte sich als Opfer schon selbst bei uns melden müssen, nicht wir bei ihm.""""" Widerwärtige Arroganz - die haben bis heute noch nicht begriffen was für ein gottloser verkommener Haufen sie sind. Aber es scheint ja noch immer genug Politiker zu geben, die diesen Haufen decken. Die mit dem C sind doch sonst immer unter den ersten, wenn es unmoralische Zustände zu beklagen gibt.
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Fotos Michael Kappeler/ DDP, Bulls/ Barcroft Media

Heft 16/2010:
Im Krieg

Deutsche Soldaten über das Töten und Sterben in Afghanistan

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Merkel zum Missbrauch
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"Ein verabscheuungswürdiges Verbrechen"
"Ich glaube, wir sind uns alle einig: Sexueller Missbrauch an Kindern und an Schutzbefohlenen ist ein verabscheuungswürdiges Verbrechen. Und es gibt nur eine Möglichkeit, dass unsere Gesellschaft mit diesen Fällen klar kommt, und das heißt Wahrheit und Klarheit über alles, was passiert ist. Ich glaube, jedem ist bewusst, dass die Menschen, die so etwas erlebt haben, dass deren Leben einfach anders verläuft, als wenn sie das in jungen Jahren nicht erlebt hätten. Das begleitet sie ein ganzes Leben. Und völlige Wiedergutmachung wird und kann es nicht geben.

Ich sage auch: Es hat jetzt keinen Sinn, auch wenn uns die ersten Fälle aus dem katholischen Bereich zu Ohren gekommen sind, es hat keinen Sinn, es auf eine Gruppe zu beschränken. Es ist etwas, was sich in vielen Bereichen der Gesellschaft ereignet hat, und es ist vor allen Dingen auch etwas, was sich heute teilweise in anderer Form, aber mit gleichen Folgen, weiter ereignet. Deshalb bin ich froh, dass die drei Ministerinnen, Frau Leutheusser-Schnarrenberger, Kristina Schröder und Annette Schavan, gemeinsam ein Gesprächsforum bilden mit den Betroffenen, mit denen, aus denen auch diese Fälle bekanntwerden, und dass man sowohl in die Vergangenheit als auch in die Zukunft blickt.

Aber lassen Sie uns die Sache nicht zu einfach machen. Man muss über Verjährung sprechen, man kann über Entschädigung sprechen, aber insgesamt kommt es darauf an, und das ist eine Bewährungsprobe für unsere ganze Gesellschaft, dass Menschen, die so etwas erfahren haben, sich in dieser Gesellschaft wieder anerkannt, aufgehoben fühlen und wenigstens das Stück Wiedergutmachung bekommen, was man im Nachhinein noch schaffen kann."

Beratungstellen
Polizei
Auf der Seite polizei-beratung.de finden Sie durch Eingabe von Postleitzahl oder Wohnort Polizeiberatungsstellen in Ihrer Nähe.
Nummer gegen Kummer
Wenn Kinder und Jugendliche nicht wissen, an wen sie sich wenden können, hilft eine Telefon-Hotline weiter, die in ganz Deutschland zu erreichen ist - und zwar kostenlos, selbst mit leerer Handy-Karte. Die "Nummer gegen Kummer" lautet 0800-111 0 333. Im Jahr 2008 haben dort rund 3000 Kinder und Jugendliche angerufen, um über sexuellen Missbrauch zu sprechen. Mit den Leuten an der Hotline kann man auch über andere Probleme reden, etwa wenn man Stress mit den Eltern hat.
N.I.N.A. e.V.
Nationale Infoline, Netzwerk und Anlaufstelle zu sexueller Gewalt an Mädchen und Jungen (N.I.N.A.)
Hotline: 01805/123465 (montags 9 bis 13 Uhr, dienstags und donnerstags 13 bis 17 Uhr; Anrufe kosten im Festnetz 14 Cent pro Minute)
Steenbeker Weg 151, 24106 Kiel
http://www.nina-info.de/
Zornrot e.V.
Die Beratungsstelle unterstützt Mädchen und Jungen, Frauen und Männer, die direkt oder indirekt von sexualisierter Gewalt betroffen sind.
Hotline: 040/7217363 (montags bis freitags, 10 bis 12 Uhr, freitags auch 16 bis 17 Uhr)
Vierlandenstraße 38, 21029 Hamburg
http://www.zornrot.de/
Katholische Kirche
Bundesweite Telefon-Hotline „Hilfe für Opfer sexuellen Missbrauchs“
Telefon: 0800 120 1000 (kostenfrei), Di, Mi, Do von 13 bis 20.30 Uhr, www.hilfe-missbrauch.de
Odenwaldschule
Die Odenwaldschule hat als externe Ansprechpartnerin die Rechtsanwältin Claudia Burgsmüller beauftragt.
Telefon: 0611/373258
Spiegelgasse 9, 65183 Wiesbaden
http://www.kanzlei-burgsmueller.de/

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