Missbrauchsvorwürfe "Ulrike Meinhof hatte Angst um ihre Kinder"

Missbrauchte Klaus Rainer Röhl, Ex-Ehemann von Ulrike Meinhof, eines seiner Kinder? Seine Tochter Anja Röhl erhebt im "Stern" schwere Vorwürfe gegen ihn - er bestreitet sie. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erläutert Meinhof-Biografin Jutta Ditfurth den Kampf der RAF-Mitbegründerin um ihre Kinder.

Max Ehlert / DER SPIEGEL

SPIEGEL ONLINE: Frau Ditfurth, Sie haben 2007 die Biografie "Ulrike Meinhof" vorgelegt, ein mitfühlendes Porträt der RAF-Mitbegründerin. Sind Sie bei Ihrer Recherche auf die Geschichte gestoßen, die Anja Röhl jetzt im "Stern" erzählt - wonach sie angeblich von ihrem Vater als Kind missbraucht wurde?

Jutta Ditfurth: Ja, ich wusste seit Jahren davon. Heute gibt es endlich eine breite öffentliche Diskussion.

SPIEGEL ONLINE: Werfen Anja Röhls Aussagen, wenn sie denn der Wahrheit entsprächen - was Klaus Rainer Röhl bestreitet - ein anderes Licht auch auf die Figur Ulrike Meinhof?

Ditfurth: Ulrike Meinhof verließ Röhl im Februar 1968 vor allem aus politischen Gründen, aber auch, weil sie erleben musste, wie er seine Töchter sexualisierte und ihnen wehtat. Eines seiner Babys fand er schon auf dem Wickeltisch "erotisch". Ulrike Meinhof arbeitete seit 1965 an Reportagen über Heimkinder. Sexueller Missbrauch war damals ein absolutes Tabuthema, aber sie verstand, erst recht nachdem sie Anjas Geschichte erfahren hatte, worauf das hinauslief. Sie hatte Angst um ihre Kinder.

SPIEGEL ONLINE: Anja Röhl sagt heute, sie habe großes Vertrauen zu Ulrike Meinhof gehabt und in einem Brief an sie den Missbrauch angedeutet.

Ditfurth: Ja, Anja Röhl liebte Ulrike Meinhof, ihre Stiefmutter, weil die der erste Mensch war, der sie als Kind wirklich ernst nahm.

SPIEGEL ONLINE: Der "Stern" zitiert aus Röhls Zeitschrift "Sprit", wo es unter anderem heißt: "Kinder sind rein. Kinder kennen noch keinen Sex. So lautet ein Tabu, an dem niemand zu rütteln wagt. Ein gefährliches Tabu: Jedes Jahr bringt es Hunderte von Männern ins Gefängnis oder um ihre Existenz. Sie gelten als Sittenstrolche und sind doch selber nur Opfer. Opfer einer halb berechnenden, halb naiven Kindersexualität, die keiner wahrhaben will."

Ditfurth: Da ging es nicht um freie, selbstbestimmte Sexualität, sondern um von Erwachsenen ausbeutbare kindliche Sexualität. Da wurden zehnjährige Mädchen regelrecht angeprangert, weil sie angeblich ihre Väter aggressiv verführten.

SPIEGEL ONLINE: Als Ulrike Meinhof in den Untergrund ging, entbrannte ein Sorgerechtsstreit um die Zwillingstöchter des Ehepaares Meinhof/Röhl. Meinhof wollte, dass ihre Kinder zu ihrer Schwester Wienke kommen. Sie schrieb ihrem Anwalt, sie habe sich "nicht trotz der Kinder scheiden lassen, sondern um sie zu schützen".

Ditfurth: Meinhof hatte seit der Scheidung 1968 das uneingeschränkte Sorgerecht. Bevor sie sich an der Befreiung Andreas Baaders aus der Haft beteiligte, verfügte sie, dass ihre Kinder bei ihrer Schwester leben sollten, bis sie sich wieder um sie kümmern konnte. Dann bekam Röhl innerhalb von 24 Stunden an einem Pfingstsamstag ein vorläufiges Sorgerecht, weil Interpol nach den Kindern fahnden wollte. Während große Medien glaubten, Ulrike Meinhof sei schon in einem palästinensischen Ausbildungslager, lief sie in Wirklichkeit nur mit Sonnenbrille und Kopftuch verkleidet zu ihren Anwälten in Berlin, um zu verhindern, dass ihr Mann die beiden Mädchen in die Hände bekam.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Anwälte haben das Thema "sexueller Missbrauch" aber damals im Sorgerechtsstreit nicht angeführt.

Ditfurth: Nein. Aus den Dokumenten geht hervor, dass die Anwälte ihr glaubten, aber befürchteten, dass die Gerichte 1970 noch kein Ohr für dieses Thema hatten. Es hätte der Eindruck entstehen können, sie sei die rachsüchtige Ehefrau, die ihren Mann anschwärzt. Sie beschlossen, sich diese Informationen für den Notfall und für die letzte Instanz aufzuheben. Dann bekam Meinhof am 10. Juli von einem Gericht das Sorgerecht zurück, weil ihre Entscheidung, dass die Kinder bei ihrer Schwester in geordneten liebevollen familiären Verhältnisse aufwuchsen, für gut befunden wurde, obwohl jeder wusste, dass sie im Untergrund und im Nahen Osten war. Röhl stimmte erst zu, widersprach dann wieder, ein ewiges Zickzack. Er selbst wollte die Kinder ganz lange nicht haben. Das belegen die Sorgerechtsakten. Vor der letzten Gerichtsentscheidung entdeckte er die große Bühne für eine neue Selbstinszenierung: der tragische von einer verbrecherischen Gattin verlassene Mann, dessen Kinder von der RAF verschleppt worden waren ...

SPIEGEL ONLINE: Der spätere SPIEGEL-Chefredakteur Stefan Aust, der mit Röhl und Meinhof befreundet war, schildert in seinem Buch über die RAF, "Der Baader-Meinhof-Komplex", wie er selbst die Zwillinge aus Italien zurückholte. Die Kinder waren damals von Verbindungsleuten Meinhofs nach Sizilien gebracht worden. Aust übergab sie anschließend Röhl.

Ditfurth: Man kann sich wundern, dass Aust Röhls einschlägige Texte und Äußerungen nicht gekannt haben soll. Aber vielleicht weiß Stefan Aust viel weniger, als man denkt.

SPIEGEL ONLINE: Wie reagierte Meinhof auf die Nachricht, dass die Mädchen zum Vater zurückgebracht worden waren?

Ditfurth: Ulrike Meinhof kam kurz nach Aust in Sizilien an und brach zusammen, weil die Kinder nun genau dort waren, wo sie nicht sein sollten: beim Vater. Dass sie sie in ein Kinderheim nach Jordanien bringen wollte, ist eine Legende. Jeder wusste, Jordanien steht vor einem Bürgerkrieg. Sie hatte bei den Kindern in Sizilien sein wollen und war davon ausgegangen, dass das Gericht auch in der letzten Instanz entscheiden würde, dass die Kinder zur Schwester kommen. Darauf wollte sie warten. Falls das schief ging, wollte sie nachdenken, ob sie das Angebot der DDR annehmen wollte, mit ihren Kindern dort zu leben. Aber jetzt waren Fakten geschaffen worden.

SPIEGEL ONLINE: Der Umstand, dass Ulrike Meinhof ihre Beziehung zu ihren Kindern letztlich ihrem Kampf für die RAF opferte, hat das Bild, das man sich von ihr macht, immer mitgeprägt. Muss man dieses Bild nun revidieren?

Ditfurth: Ihre Briefe über die Kinder sind Liebesbriefe, vom ersten Moment an bis zuletzt. Meinhof hatte sich immer nach Kindern gesehnt, und Röhl war der Mann dazu. Das Lebensmodell "alleinerziehende politische aktive Mutter mit Kind" gab es damals nicht. Viele Menschen treffen Entscheidungen, die dann zu anderen Entscheidungen im Widerspruch stehen. Natürlich machte es ihre Entscheidung für die RAF und für den bewaffneten Kampf unmöglich, selbst für ihre Kinder zu sorgen.

SPIEGEL ONLINE: Ulrike Meinhof hatte Röhl 1961 geheiratet - allerdings mit Auflage. Sie soll damals gesagt haben, "Gut, wir heiraten, aber nur für zehn Jahre". Enge Freunde und "konkret"-Mitarbeiter blieben der Hochzeit damals fern.

Ditfurth: Einer kritzelte sogar auf die Hochzeitseinladung: "Ich kann mir nicht helfen. Ich bin entsetzt" und schickte sie an Meinhof zurück. Röhl schrieb später selbst, dass man auf dem Hochzeitsbild "die kleine Skepsis" in Ulrikes Gesicht habe sehen können.

SPIEGEL ONLINE: Dem "Stern" gegenüber führt Röhl unter anderem die "hocherotische Beziehung", die er mit Meinhof geführt habe, als Beleg an, dass die Missbrauchsvorwürfe seiner Tochter Anja nicht der Wahrheit entsprechen.

Ditfurth: Das ist natürlich grundsätzlich Blödsinn, denn ein Mann kann pädophil sein und mit erwachsenen Frauen vögeln. Außerdem war diese Ehe aus Ulrike Meinhofs Sicht schon Jahre vor der Scheidung gescheitert.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, Meinhof hat sich in der Endphase ihres Lebens, in Stammheim, als Versagerin gefühlt, was die Beziehung zu ihren Töchtern betraf?

Ditfurth: Meinhof schrieb damals an eine Verwandte: "Ich kann nur hoffen, dass meine Kinder mir das mal fürchterlich vorwerfen, dass Röhl ihr (Vater) ist … dass ich nicht eher mit ihnen von Hamburg weggegangen bin. Dass ich es nachher nicht geschafft habe, zu verhindern, dass er sie gekriegt hat, haben sie mir nicht vorzuwerfen. … dass ich um sie gekämpft habe, ich-weiß-nicht-wie, ist doch wohl klar".

Das Interview führte Julia Jüttner



insgesamt 448 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
kdshp 20.08.2009
1.
Zitat von sysopÜberraschende Wende im Fall Siegfried Buback: Die ehemalige RAF-Terroristin Verena Becker könnte doch am Mord des Generalbundesanwalt beteiligt gewesen sein. Die Aufklärung der RAF-Morde - eine unendliche Geschichte?
Hallo, kommt mir so vor als wenn man das gar nicht will und so immer vor der roten gefahr warnen kann.
BillBrook 20.08.2009
2.
Zitat von sysopÜberraschende Wende im Fall Siegfried Buback: Die ehemalige RAF-Terroristin Verena Becker könnte doch am Mord des Generalbundesanwalt beteiligt gewesen sein. Die Aufklärung der RAF-Morde - eine unendliche Geschichte?
Überraschend ist daran jetzt genau was?
kdshp 20.08.2009
3.
Zitat von BillBrookÜberraschend ist daran jetzt genau was?
Damalige Bekennerschreiben sollen ihre DNA-Spuren enthalten, die Bundesanwaltschaft ließ nun ihre Wohnung durchsuchen. An den damaligen Bekennerschreiben der Terrorgruppe wurden DNA-Spuren entdeckt, die von ihr stammen. Hallo, aus dem artikel. Mich überrascht das man das erst jetzt macht angeblich. Bei einer der größten fälle in D bezogen auf terror und ermittlung kommt man jetzt erst drauf mal ne DNA zu vergleichen oder auf den schreiben nach selbigen zu suchen ?! Das stinkt und komisch das das kurz vor den wahlen kommt. Ich warne hier vor einem RECHTSRUTSCH erster güte !
Meistersaenger 20.08.2009
4.
Zitat von sysopÜberraschende Wende im Fall Siegfried Buback: Die ehemalige RAF-Terroristin Verena Becker könnte doch am Mord des Generalbundesanwalt beteiligt gewesen sein. Die Aufklärung der RAF-Morde - eine unendliche Geschichte?
Da kann man nur hoffen, dass auch das Bekennerschreiben zum Mord an Alfred Herrhausen so untersucht wird. Da wird ja immer noch gegen Unbekannt ermittelt.
Eutighofer 20.08.2009
5.
Zitat von kdshpDamalige Bekennerschreiben sollen ihre DNA-Spuren enthalten, die Bundesanwaltschaft ließ nun ihre Wohnung durchsuchen. An den damaligen Bekennerschreiben der Terrorgruppe wurden DNA-Spuren entdeckt, die von ihr stammen. Hallo, aus dem artikel. Mich überrascht das man das erst jetzt macht angeblich. Bei einer der größten fälle in D bezogen auf terror und ermittlung kommt man jetzt erst drauf mal ne DNA zu vergleichen oder auf den schreiben nach selbigen zu suchen ?! Das stinkt und komisch das das kurz vor den wahlen kommt. Ich warne hier vor einem RECHTSRUTSCH erster güte !
Bitte nicht gleich die große Verschwörung wittern. Es gibt verschiedene Verfahren der DNA-Analyse, schlecht erhaltene, bruchstückhafte DNA ist schwierig zu analysieren, neue Verfahren dazu gibt es erst in letzter Zeit.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.