Missglückte Straßenkunst 16 Betonfußbälle und jede Menge Ärger

Kunst oder schlechter Scherz? Seit zwei Männer in Berlin sich schmerzhaft die Füße verletzten beim Versuch, einen Betonball wegzubolzen, ist eine hitzige Debatte um die "hundsgemeinen Fußbälle" entbrannt. Die Künstler, die die Bälle auslegten, fühlen sich böse missverstanden.

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Hamburg - Eigentlich operiert die Künstlergruppe "Mediengruppe LM/LN" lieber im Verborgenen. Die Mitglieder platzieren Objekte an öffentlichen Orten und verschwinden wieder, ohne Kommentar. Straßenkunst nennen sie das. Gedanken sollen sich die Betrachter selbst machen, wenn sie mögen. Oder auch nicht, ganz nach Belieben. Die jüngste Aktion der Gruppe allerdings ging gründlich schief.

Passend zur Fußball-WM hatten sich die Künstler ihren Beitrag ausgedacht: 16 mit Beton gefüllte Lederfußbälle brachten sie mit Ketten an verschiedenen Orten in Berlin an. Mal an Wände gehängt, mal auf dem Boden. In unmittelbarer Nähe sprühten sie mit rosa Farbe den Satz auf: Can U Kick It? Eine Frage, sagen die Künstler. Eine Aufforderung, fanden zwei Berliner. Die beiden jungen Männer bolzten mit Schwung gegen die Bälle - und hielten sich danach mit schmerzverzerrten Gesichtern die Füße.

Jemand habe offenbar einen schlechten Scherz versucht, war die gängige Interpretation der Kunstaktion. Als "hundsgemeine Fußbälle" bezeichnete der "Berliner Kurier" die zehn Kilo schweren Objekte. "Kunst nennen die das dreist", wetterte das Blatt. Und die halbe Republik fragte sich: Wer kommt auf solche Ideen?

Die Polizei machte sich unter Einbeziehung des Staatsschutzes auf die Suche und wurde schließlich im Berliner Stadtteil Friedrichshain fündig. Die Fahnder nahmen gestern zwei 26 und 29 Jahre alte Mitglieder der Gruppe vorübergehend fest. Nun droht ein juristisches Nachspiel. Auf die beiden Künstler kommt ein Verfahren wegen gefährlicher und fahrlässiger Körperverletzung sowie wegen gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr zu.

Nach der Festnahme gab sich die Künstlergruppe auch in der Öffentlichkeit zu erkennen. "Wir wollten das Massenphänomen Fußball darstellen", sagte eine Sprecherin der Gruppe SPIEGEL ONLINE, "in Beton gegossen". Warum Beton? Warum nicht Sand? Das sei im Nachhinein schwer zu beantworten, sagte die Sprecherin. Sie seien gar nicht auf den Gedanken gekommen, dass jemand die Bälle nicht eindeutig als Kunst hätte identifizieren können. Viele der Bälle seien auch gar nicht auf dem Boden, sondern "nicht tretbar" an Wänden angebracht gewesen. Als Gefahrenquelle oder Falle seien die Fußbälle nicht gedacht gewesen.

Über die Schelte in der Öffentlichkeit und die vielen negativen Reaktionen sei die Gruppe "regelrecht erschrocken" gewesen. "Als wir erfahren haben, dass sich Leute verletzt haben, sind wir sofort losgefahren und haben die Bälle wieder eingesammelt", sagte sie. "Es tut uns leid, dass Menschen dabei zu Schaden gekommen sind." Um sich zu erklären, habe sich die Gruppe dann als Urheber geoutet. "Wir sind Fußballfans, keine 'Fußballhasser mit fiesen Ideen'", heißt es in einer Erklärung, die die Künstler herausgegeben haben.

Es habe übrigens, berichtet die Sprecherin der Gruppe, auch positive Reaktionen auf die Betonbälle gegeben. Kinder hätten mit den Kugeln gespielt, Passanten hätten geschmunzelt, und einige habe man sogar dabei beobachtet, wie sie die Kunstobjekte "als begehrte Fan-Trophäe" mitgenommen hätten. Letztlich, glaubt die Künstlerin, bleibe die Frage: "Kann man die Dinge auch anders sehen?"



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