Misshandlung in dänischem Kloster Mutter Theresas eiskaltes Regiment

In Jütland soll eine Äbtissin eine 74-jährige Nonne bei klirrender Kälte so lange ausgesperrt haben, bis sie starb. Eine ehemalige Novizin erhebt nun im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE schwerste Vorwürfe gegen Theresa B. Sie führte ihr Kloster offenbar mit eiserner Hand - der Vatikan griff nicht ein.

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Eine Gruppe beseelt lächelnder, "Hallelujah"-singender Nonnen stapft über einen Strand im dänischen Ostjütland. Der Horizont ist wolkenverhangen, die Schleier der Novizinnen flattern im Wind. Dem Trupp voran schreitet eine rotwangige, resolut wirkende Mittvierzigerin mit Brille, die einem Reporter von ihrem Leben im Kloster berichtet.

Drei Dinge habe sie nie gewollt, sagte Theresa B. damals, im August 2005, dem katholischen Sender RKK aus den Niederlanden: "Nur mit Frauen zusammen leben, in einem protestantischen Land und in einem alten Gebäude." Doch genauso kam es: Im Alter von 23 Jahren zog die in Deutschland aufgewachsene Frau ins dänische Grenå, lebte fortan in einem heruntergekommenen Zisterzienserinnen-Kloster mit etwa 20 Ordensschwestern.

Noch immer fühle sie sich dort nicht wirklich wohl, aber dennoch berufen, erklärte die Zisterzienserin, deren Orden traditionsgemäß Wert legt auf ein zurückgezogenes und streng kontemplatives Leben im Gebet. Aber: "Wir sind wie eine große Familie", schwärmte B. über ihre Beziehung zu den Mitschwestern. Sie arbeite mit Leidenschaft daran, "den Willen des Schwächsten in einer Gruppe zu erkennen und ihn nachzuempfinden, um wirklich solidarisch mit allen zu sein".

"Alles sollte so aussehen, als wäre sie im Bett gestorben"

Doch die Gruppendynamik hinter Klostermauern scheint im Rückblick bisweilen hässliche Züge angenommen zu haben. Fünf Jahre nachdem die 40-minütige Dokumentation gedreht wurde, sieht sich die Äbtissin, die einer großen niederländischen Unternehmerdynastie entstammt, mit schwerwiegenden Vorwürfen konfrontiert: Im November des Jahres 1993 soll sie eine pflegebedürftige und senile Mitschwester, die nur mit einem Nachthemd bekleidet war, bei eisiger Kälte auf den Klosterhof verbannt und die Tür vor ihr verschlossen haben - weil die alte Dame angeblich zu viel Krach gemacht und sie beim Morgengebet gestört hatte.

"Eine Weile hämmerte die Nonne verzweifelt an die Tür und schrie, weil sie Panik hatte und ins Warme wollte", erinnert sich Helene Hägglund, 37, die von 1988 bis 2000 im Kloster Sostrup lebte. Niemand habe sich getraut, die alte Frau gegen den Willen der Äbtissin ins Warme zu holen. "Dann wurde es ganz still." Auf dem Weg in die Küche habe sie dann draußen den leblosen Körper der Ordensschwester auf dem Boden liegend gefunden, berichtet sie SPIEGEL ONLINE.

B. habe daraufhin eine weitere Schwester gerufen, zu dritt habe man die Leiche ins Haus gebracht. "Mutter Theresa wies uns an, zu schweigen. Alles sollte so aussehen, als wäre sie im Bett gestorben." Ob die demente Nonne schon vor ihrem Tod unter körperlichen Gebrechen gelitten habe, könne sie nicht sagen, so Hägglund. Es sei Usus im Kloster gewesen, die älteren Schwestern nur in dringenden Notfällen einen Arzt aufsuchen zu lassen.

"Endlich nicht mehr allein und unglaubwürdig"

Die 74-jährige Ordensschwester habe von jeher einen schweren Stand im Kloster gehabt: "Mutter Theresa hat sich schon immer über die alte Frau lustig gemacht, sie schlecht behandelt, eingeschlossen oder an einem Stuhl festgebunden, wenn sie störte oder im Weg war."

Es soll auch zu Übergriffen auf andere Ordensschwestern gekommen sein: "Einmal wurde eine halbseitig gelähmte und schwer retardierte ältere Frau mit eiskaltem Wasser abgeduscht, weil sie sich ihre Haare nicht waschen wollte", so Hägglund. Eine Novizin sei geohrfeigt worden, weil sie nicht gehorchte und ihr laut B. "der Teufel ausgetrieben werden musste". Schläge auf das Gesäß seien an der Tagesordnung gewesen, Hägglund selbst wurde dabei laut eigener Aussage einmal so schwer an der Wirbelsäule verletzt, dass sie ärztlich behandelt werden musste.

Erst viele Jahre später traute sich Hägglund, an die Öffentlichkeit zu gehen. Vor einem Jahr veröffentlichte sie ihre Biografie "Einmal Nonne hin und zurück" und berichtete erstmals vom Leben im Kloster. Eine Journalistin des staatlichen Dänischen Rundfunks wurde auf sie aufmerksam und lud sie zu einem Interview mit einer weiteren Ex-Nonne und zwei Laien aus dem Klosterumfeld ein. Alle bestätigten ihre Berichte: "Ich war endlich nicht mehr allein und unglaubwürdig", so Hägglund.

Vatikan sah keinen Grund zum Eingreifen

Bereits im Jahr 2001 schrieb Hägglund laut eigener Aussage an das Oberhaupt der katholischen Kirche in Dänemark, den katholischen Bischof Czeslaw Kozon, und machte auf die Missstände in Grenå aufmerksam. Auch drei ehemalige Mitschwestern, Laien und Priester hätten sich damals beschwert.

Zwar habe Kozon reagiert und im Vatikan um eine außerordentliche Untersuchung vor Ort ersucht. Rom jedoch entschied, dass es ausreichend sei, wenn sich der Zisterzienserorden selbst um die Sache kümmere.

Der Zeitung "Berlingske Tidende" bestätigte Kozon am Dienstag, er sei über den Vorfall informiert gewesen. Er habe aber nicht die Behörden informiert, hieß es. Der Bischof ließ über seinen Sprecher verlauten, dass er die Einleitung einer polizeilichen Untersuchung begrüße.

Mutmaßliche Straftaten sind verjährt

"Wir wissen nicht, woran die alte Dame wirklich starb", sagt Kriminalkommissar Frits Kjeldsen aus Århus, der in dem Fall ermittelt. Aber es gebe weitere Verdachtsmomente.

Befragen kann der Kommissar Kjeldsen "Mutter Theresa" derzeit nicht, denn die weilt in einer Filiale ihres Ordens in Peru. "Wir glauben fest daran, dass sie wie angekündigt in etwa einer Woche zurückkehren und mit uns sprechen wird", sagte der Ermittler SPIEGEL ONLINE. "Misshandlung mit Todesfolge" könnte die Anklage lauten - allein, die mutmaßliche Tat aus dem Jahr 1993 ist verjährt. Kjeldsen hofft dennoch, etwas Licht ins Dunkel zu bringen, will noch weitere Zeugen zu dem Fall befragen.

Theresa B. ist Vorsteherin der Abtei in Sostrup, aber auch Leiterin des 2004 gegründeten Zisterzienserinnen-Klosters "Herz Jesu" in Düsseldorf sowie zweier weiterer Klöster ihres Ordens in Tschechien und Peru. In Sostrup und Düsseldorf war für SPIEGEL ONLINE niemand für eine Stellungnahme zu erreichen.

Ein Sprecher des Erzbistums Köln sagte SPIEGEL ONLINE, die katholische Kirche in Deutschland habe erst über die Medien von dem Fall erfahren. "Die Zisterzienser sind ein selbständiger Orden", mithin werde das Erzbistum Köln zu dem Fall keine Stellung beziehen.

"Wie in einer Sekte"

"Charismatisch, strahlend und intelligent" sei Mutter Theresa gewesen, aber auch "dominant und fanatisch", erinnert sich Hägglund. B. habe es verstanden, die zum Teil noch minderjährigen Novizinnen sehr geschickt in ihrem Sinne zu manipulieren: "Das war wie in einer Sekte."

Hägglund weiß, dass die von ihr angemahnten mutmaßlichen Straftaten verjährt sind. Ihre größte Hoffnung ist dennoch, dass Theresa B. abgesetzt wird und der Orden endlich erkennt, dass die 50-Jährige als Äbtissin nicht geeignet ist: "Es tut ihr nicht gut, wenn sie zu viel Macht hat."

Bei der Theresa B. hört sich das anders an. In der Dokumentation über das Kloster Sostrup gibt sie als Lebensmotto an: "Regeln sind da, um gebrochen zu werden."



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