Private Seenotretter im Mittelmeer "Was wollen Sie tun - die Leute ertrinken lassen?"

Was tun gegen das Flüchtlingselend vor Nordafrika? Zwei reiche Malteser steckten geschätzte zwei Millionen Euro in eine private Rettungsmission. Im Interview erklärt ihr Geschäftsführer, warum sie jetzt selbst auf Hilfe angewiesen sind.

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Von Rainer Leurs


Die Mission ist teuer, aufwendig - und doch als Idee so naheliegend, dass man sich fragt, warum bislang noch kein anderer darauf gekommen ist: Aus persönlicher Betroffenheit starteten Christopher und Regina Catrambone eine private Rettungsmission für Flüchtlinge auf dem Mittelmeer. Einen Fischtrawler rüstete das maltesische Unternehmerpaar aus eigener Tasche zur Hilfsstation für Schiffbrüchige aus (MOAS, Migrant Offshore Aid Station).

Zwei Monate lang kreuzte die rund 40 Meter lange "Phoenix 1" im Mittelmeer, um Flüchtlingen in Seenot zu helfen. Nach eigenen Angaben war MOAS in dieser Zeit an der Rettung von rund 3000 Menschen beteiligt. Ende Oktober endete die erste Phase der Mission, die der maltesische Ex-Militär Martin Xuereb als Direktor leitet.

SPIEGEL ONLINE: Herr Xuereb, die "Phoenix 1" war 60 Tage lang im Rettungseinsatz, jetzt liegt sie im Hafen. Warum geht es nicht weiter?

Xuereb: Das war so geplant. Als es losging, standen die Gründer von MOAS vor der Wahl: Entweder erst Spenden sammeln und danach mit dem Projekt beginnen - oder das Schiff auf eigene Kosten ausrüsten und damit eine Inspiration für andere sein. Die Catrambones haben sich für die zweite Option entschieden. Wir haben jetzt einen Spendenaufruf gestartet, damit wir im nächsten Jahr weiterarbeiten können.

SPIEGEL ONLINE: Wie muss man sich die Einsätze der "Phoenix 1" vorstellen?

Xuereb: Wir arbeiten eng mit dem Koordinationszentrum zur Seenotrettung in Rom zusammen und halten uns bereit für Hilfseinsätze. In den 60 Tagen haben wir etwa hundert Anfragen von dieser Leitstelle bekommen. Manchmal sichten wir aber auch selber Flüchtlingsboote. Wir informieren dann die Behörden, gehen längsseits und leisten Hilfe - zum Beispiel, indem wir Rettungswesten verteilen. Danach bleiben wir entweder in der Nähe, bis ein Schiff der Marine kommt, oder wir holen die Flüchtlinge auf die "Phoenix 1" und bringen sie in Sicherheit. Von den rund 3000 Menschen, an deren Rettung wir beteiligt waren, hatten wir etwa die Hälfte bei uns an Bord.

SPIEGEL ONLINE: Wieviele Menschen kann die "Phoenix 1" aufnehmen?

Xuereb: Bei einer Rettungsmission ist das eine relative Frage. Was wollen Sie denn machen, wenn nicht alle aufs Schiff passen - die Leute ertrinken lassen? Um Ihnen einen Eindruck zu vermitteln: Bei einem der letzten Einsätze haben wir 331 Flüchtlinge aufgenommen und nach Sizilien gebracht. Viel mehr Leute passen nicht aufs Schiff.

Ehemaliges Fischereischiff "Phoenix 1" beim Auslaufen in Valletta (Malta): "Bestimmt hätten sie sich auch ein Häuschen in Chamonix kaufen können"
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Ehemaliges Fischereischiff "Phoenix 1" beim Auslaufen in Valletta (Malta): "Bestimmt hätten sie sich auch ein Häuschen in Chamonix kaufen können"

40 Meter lang ist die "Phoenix 1", die Catrambones kauften den ehemaligen Fischtrawler im US-Bundesstaat Virginia. Nach der Überführung rüsteten sie das Schiff auf Malta mit modernster Technik aus. So wurde am Heck ein Landeplatz für zwei Helikopterdrohnen eingerichtet. Beide Maschinen haben Nachtsicht- und Wärmebildkameras, ihre Reichweite liegt bei rund hundert Kilometern. Zwei Schlauchboote hat die "Phoenix 1" dabei, außerdem ein komplett eingerichtetes Bordkrankenhaus. 19 Mann bilden die Besatzung dieses privaten Seenotrettungskreuzers, darunter sechs bis sieben Seeleute, zwei Rettungsexperten, Sicherheitspersonal, ein Arzt und ein Sanitäter. Laut Xuereb begleitete das Eignerpaar die Mission auf See, während er selbst die Geschäfte an Land führte.

SPIEGEL ONLINE: Was sind die Catrambones für Leute? Warum machen die das?

Xuereb: Sie sind einfach zwei Menschen, die die finanziellen Mittel für so ein Projekt haben. Bestimmt hätten sie auch in irgendeine Firma investieren oder sich ein Häuschen in Chamonix kaufen können. Stattdessen haben sie gezeigt, dass eine private Rettungsmission für Flüchtlinge auf dem Mittelmeer möglich ist.

Nach MOAS-Angaben ist Christopher Catrambone US-Amerikaner und stammt ursprünglich aus New Orleans. Er baute das Unternehmen Tangiers auf, einen Versicherungs- und Gesundheitsdienstleister für Krisen- und Unruhegebiete. Seine Frau Regina ist Italienerin. Zur Frage, wie viel Geld das Paar in MOAS investiert hat, will sich Xuereb nicht äußern - in einem BBC-Bericht ist von zwei Millionen Euro die Rede.

Ihr Engagement führen die Catrambones unter anderem auf den Lampedusa-Besuch von Papst Franziskus im Jahr 2013 zurück. Dorthin war das Kirchenoberhaupt gereist, um auf das Schicksal der Flüchtlinge aus Nordafrika aufmerksam zu machen. "Er forderte dazu auf, ihnen gegenüber nicht gleichgültig zu sein", zitiert NBC News Regina Catrambone. "Und danach haben wir gehandelt."

SPIEGEL ONLINE: Sie selbst waren lange Chef der maltesischen Streitkräfte. Warum arbeiten Sie jetzt für MOAS?

Xuereb: Zunächst einmal, weil ich an das Projekt glaube. Es gibt aber auch einen ganz persönlichen Hintergrund. In meiner Funktion für die Armee war ich regelmäßig an Rettungsmissionen beteiligt. Ich habe ertrunkene Kinder in Leichensäcken gesehen, Babys, die mit dem Gesicht nach unten im Meer trieben. Unsere Gesellschaft darf nicht zulassen, dass solche Dinge geschehen.

Zur Person
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    Martin Xuereb - ausgesprochen: "Schui-reck" - wurde unter anderem an der Royal Military Academy in Großbritannien ausgebildet. Von 2010 bis 2013 war er Chef der maltesischen Streitkräfte im Rang eines Brigadiers. Als Direktor leitet der 46-Jährige heute das operative Geschäft der privaten Rettungsmission MOAS.
SPIEGEL ONLINE: Aber ist das nicht in erster Linie Aufgabe der Politik?

Xuereb: Jeder Bürger steht in der Verantwortung, nach seinen Möglichkeiten zu helfen. Bestimmt müssen politische Lösungen gefunden werden, gerade in den Herkunftsländern der Flüchtlinge. Aber solange es diese Lösungen nicht gibt, ertrinken regelmäßig Menschen. Und einen Tod auf See hat niemand verdient.

Bis Anfang Oktober wagten rund 165.000 Flüchtlinge die Überfahrt von Nordafrika nach Europa - nie zuvor waren es mehr. Die Zahl derjenigen, die auf dieser Reise 2014 ums Leben kamen, schätzt das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) auf 3343. Allein von Juli bis September soll es 2755 Tote gegeben haben.

Weiter verschärfen dürfte sich die Situation, wenn die Seenotrettungsmission "Mare Nostrum" demnächst ausläuft. Im Oktober 2013 hatte Italien das Programm gestartet, als Reaktion auf den Untergang eines Flüchtlingsschiffs vor Lampedusa mit 390 Toten. Mehr als 150.000 Menschen konnte die Marine seither retten. Jetzt soll "Mare Nostrum" nach und nach von dem deutlich billigeren "Triton"-Programm abgelöst werden: Statt vor der nordafrikanischen Küste aktiv nach Menschen in Seenot zu suchen, beschränkt sich dieser Einsatz zur Grenzsicherung auf das Seegebiet der EU.

SPIEGEL ONLINE: Was erwarten Sie für die Zeit nach dem Ende von "Mare Nostrum"?

Xuereb: Was immer danach kommt: Es muss sichergestellt werden, dass keine Menschen mehr ertrinken. Die Verantwortung dafür liegt bei jedem einzelnen auf See; Staaten und Regierungen müssen die Bemühungen koordinieren. Es geht immerhin um das Leben von Menschen, nicht um Container oder um Frachtkisten. Für unser Projekt gilt, dass wir jetzt in die Zukunft schauen. MOAS ist in den letzten Wochen erfolgreich gestartet - damit es weitergeht, sind wir auf Hilfe angewiesen.

SPIEGEL ONLINE: Wieviel Geld werden Sie brauchen, damit die "Phoenix 1" wieder in See stechen kann?

Xuereb: Wir kalkulieren mit etwa 450.000 US-Dollar pro Monat. Alles hängt jetzt davon ab, wie viele Spenden zusammenkommen. Ob es die Leute für wert halten, für die Rettung von Menschenleben zu bezahlen.

Wenn Sie für das Hilfsprojekt von Regina und Christopher Catrambone spenden wollen, können Sie das auf der MOAS-Webseite tun. Dort finden Sie auch weitere Informationen über die Stiftung.

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insgesamt 94 Beiträge
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Seite 1
denkdochmalmit 11.11.2014
1. Nein!
Nicht ertrinken lassen, aber sofort wieder dahin zurückbringen wo das Boot hergekommen ist! Das wird sich sehr schnell rumsprechen, dass die Kohle für den Schlepper rausgeworfenes Geld ist !!
jan07 11.11.2014
2.
Ich habe nichts dagegen, diese Leute zu retten. Ich bin aber entschieden dagegen, sie in Europa aufzunehmen. Sie gehören nach Afrika zurückgeschickt, denn sie bringen sich ganz bewusst in Lebensgefahr, erpressen damit die Zielländer. Denen gehört meine Sympathie nicht, sondern den vielen anderen, die in Afrika Not leiden. Denen müssen wir helfen, in Afrika. Nur so ist das Problem zu lösen. Wenn wir alle aufnehmen wollen, die fluchtbereit sind, werden wir von vielen Millionen Afrikanern überflutet. Dann gehen wir nur mit unter - und damit ist Afrika ganz bestimmt nicht geholfen.
fisschfreund 11.11.2014
3.
Aus persönlicher Betroffenheit.... Und weil man das Geld dafür bestimmt prima absetzen kann....
ein-berliner 11.11.2014
4. Toll
Schlepper spielen und sich danach nicht mehr kümmern.
otto_iii 11.11.2014
5. 524
Zitat von ein-berlinerSchlepper spielen und sich danach nicht mehr kümmern.
Die Frage stellt sich in der Tat: Warum bringen die die Leute nach Sizilien und nicht nach Malta?
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