Mode aus dem Knast: Kriminell gut

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Über 1600 schwere Jungs sitzen in der Jugendvollzugsanstalt Tegel in Berlin ein. Ihre Jacken, Hosen, Schuhe nähen sich die Häftlinge selbst. Eine Agentur verkauft die Knast-Klamotten jetzt im Internet. Die schlichte Jailwear könnte Kultstatus erreichen.

Haeftlings-Schuhe: Braun-türkiser Turnschuh, der die Konkurrenz blass aussehen lässt

Haeftlings-Schuhe: Braun-türkiser Turnschuh, der die Konkurrenz blass aussehen lässt

Berlin - Turnschuhe gefertigt von Einbrechern, Latzhosen genäht von Luden, Aktentaschen zusammengenietet von Betrügern: Die neue Sommermode aus Berlin ist kriminell gut. Seit 1898 gibt es die Justizvollzugsanstalt in Berlin Tegel, seit einigen Tagen die Machwerke ihrer Insassen im Internet zu kaufen. Unter www.haeftling.de finden sich Hemden, Jacken, Arbeitsschuhe, tausendfach getragen von den Knackis der Hauptstadt und bald wohl auch von hippen Mode-Menschen quer durch die Republik.

Es war im März dieses Jahres, als der Werbefachmann Stephan Bohle in der Zeitung über eine Notiz stolperte: Strafgefangene verkaufen ihre Produkte im Gefängnis-Shop, hieß es da. "Da bin ich gleich mal vorbeigefahren", sagt der Geschäftsführer der Berliner Agentur "Herr Ledesi". Er fand Gartengrills, Holzspielzeug und Tiffany-Lampen, Dinge, die der Knast-Laden in der Berliner Seidelstraße schon seit Jahren verkauft. Und ein Paar schlichter, braun-türkiser Turnschuhe, deren Design jeden Adidas-Schuh blass aussehen lässt. Trendexperte Bohle witterte eine Chance. "Die lassen sich wunderbar verkaufen, wenn man sie nur mit Begriffen wie Trend, Lifestyle, Szene besetzt", dachte er sich.

Drei Monate später ist es jetzt so weit: Beim Durchsuchen des Internets zum Thema Menschenrechte oder Justiz mit Schlagwort Häftling landet man neuerdings beim JVA-Online-Shop. Geordert wird per Klick, genäht auf Bestellung, eine Woche soll es dauern, bis der Kunde sein Paket mit Absender Gefängnis bekommt - garantiert durchleuchtet, damit kein Knacki per Kleidersendung Verbotenes nach draußen schickt. Die ersten Bestellungen sind bereits eingegangen, die Häftlinge beginnen jetzt zu nähen.

Tasche: Das Zeug zum Kultobjekt

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Das Hemd mit Häftlingsstreifen kostet 29 Euro, die robuste Sommerjacke 32 Euro. Die Mode, die auf der Homepage angeboten wird, ist gut und günstig. "Vor allem aber ist sie authentisch, und das weiß unsere Zielgruppe zu schätzen", sagt Stephan Bohle. Da hat er wohl Recht: In einem Sommer, in dem sich Fashionvictims in unbequeme Holzklocks oder - lang lebe der Retro-Look - in Muttis unförmige alte Pullis mit Fledermausärmeln kleiden, verkauft sich, was echt wirkt.

Die Stücke werden nach Original-Schnitten geschneidert, nur bei den Farben haben sich Agentur und Anstalt auf ein erweitertes Angebot geeinigt: So gibt es die Sommerjacken außer in Arbeitsblau auch in modischem Orange und Olivgrün. Und zusätzlich zur Aktentasche, die die Vollzugsbeamten sonst benutzen, wurde eine kleinere Damen-Version entwickelt.

"Haeftling" - am Marken-Namen wäre das Projekt fast gescheitert. "Wir wollten ihn, weil er eingängig ist und ein bisschen provokant", sagt Bohle. Auch Ulrich Fehlau, Geschäftsführer des Bereichs Arbeitswesen in der JVA fand Idee und Namen auf Anhieb gut. "Aber da gab es ein paar Bremser, die sagten, der Name würde die Strafgefangenen, wie sie offiziell heißen, herabwürdigen", sagt er.

Hemden von Häftlingen: "Revolution", "Abwechslung", "Super-Idee"

Hemden von Häftlingen: "Revolution", "Abwechslung", "Super-Idee"

Fehlau konnte die Zweifler überzeugen: In der JVA, mit 1670 Mann die größte Haftanstalt Europas, gibt es 40 Prozent Arbeitslosigkeit, da ist jeder Auftrag von außen willkommen. "Arbeit hebt die Moral, die Männer sind beschäftigt und können sich von der Bezahlung auch mal ein paar Extras leisten", sagt Ulrich Fehlau. Auch bringt die Knast-Kleidung Geld in die Kasse. Ein Teil geht ans ewig klamme Land Berlin, der Rest zurück an die JVA. "Damit richten wir neue Krafträume ein und kaufen neue Bücher für die Bibliothek", sagt Fehlau.

In der Polsterei der JVA beugen sich 15 Männer über halbfertige Sofas, arbeiten alte Bürostühle auf. Christoph hantiert mit dem schwerem, schwarzen Leder, aus denen in vier Stunden Handarbeit die Haeftling-Taschen genäht werden. "Es ist gut, dass der Internet-Verkauf losgeht. Es macht Spaß, etwas herzustellen, was die Kunden bestellen, weil es ihnen gefällt und worauf sie sich bis zur Lieferung freuen", sagt er. Christoph, 45, hat noch 10 Jahre in der JVA vor sich - wegen Mord. Der Kleiderverkauf bringt für ihn ein bisschen Abwechslung - nicht zuletzt, weil dadurch Journalisten zu Besuch kommen.

Herr Fehlau spricht von einer "Revolution", Herr Bohle von einer "Super-Idee". Aber ist es nicht ein bisschen geschmacklos, sich seine Fashion-Assecoires aus dem Knast kommen zu lassen? "Wir achten darauf, dass bei der Fertigung keine Sexualstraftäter eingesetzt werden", sagt Stephan Bohle, dem man abnimmt, dass er mit Haeftling nicht das ganz große Geschäft, sondern vor allem ein schönes Projekt machen möchte. Nur zum Schluss geht dann doch noch der Marketing-Experte mit ihm durch: Wenn der Versand gut läuft, möchte er einen Gefängnis-Laden in Mitte eröffnen. "Den könnte man als Zelle gestalten, auf der Pritsche liegen die Kleider und die Umkleidekabine könnte eine Gitter-Tür sein."

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