Männermode Der Sporno, der Henry und der Yummy

Der Mann der Stunde ist der Spornosexuelle, der mit gestähltem Körper prahlt statt mit Klamotten. Doch Männer bleiben eine lukrative Mode-Zielgruppe, wie der Henry und der Yummy zeigen. Wer die beiden sind? Erfahren Sie hier.

Chris Rinke

Von Wlada Kolosowa


Vor ein paar Wochen begrub der Journalist Mark Simpson den "metrosexuellen" Mann, einen Begriff, den er selbst vor 20 Jahren prägte. Der trendfühlige Typ Mann, der viel Geld für Mode und Kosmetik ausgibt, sei tot. Simpson hat nun eine neue Wortschöpfung für den Herren, auf die sich alle Medien stürzten. Er spricht vom "Spornosexuellen" - ein Mix aus Sport und Porno. Diese Sorte Mann will nicht mehr für seine Garderobe begehrt werden, sondern für seinen Körper, den er im Fitnessstudio stählt und in sozialen Netzwerken ausstellt.

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Heft 28/2014
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Doch in der Mode- und Luxusindustrie gilt der shoppinghungrige Mann mehr und mehr als eine Zielgruppe mit viel Potenzial. Anstatt vom Sporno spricht man in der Branche lieber vom Yummy (Young Urban Male) und Henry (High Earner, Not Rich Yet). Laut der "New York Times" wächst der Luxusmarkt für Männer schneller, als der für Frauen. Prada plant, 50 neue Männerboutiquen in den nächsten drei Jahren zu eröffnen. In Großbritannien sollen Männer 2012 mehr für teure Schuhe ausgegeben haben als Frauen. Und in Deutschland ist, laut Angaben des Kosmetikverbandes VKE, in 2013 der Duftmarkt für Männer im mittel- und hochpreisigen Segment dreimal so viel gewachsen wie der für Frauen.

Männermode auf der Fashion Week

Passend dazu wurde am Dienstag die Fashion Week in Berlin zum ersten Mal von einem Männermoden-Designer eröffnet. Der Schweizer Julian Zigerli zeigte Hosen und Oberteile mit auffälligen Prints und Farbverläufen, außerdem durchsichtige Mäntel direkt auf der nackten Haut. "Es ist eine gute Zeit, Männermode zu machen", sagt Zigerli. Die Designer trauten sich mehr, die Kollektionen seien "vielfältiger geworden".

Im Erika Hess Eisstadion in Wedding, wo in diesem Sommer der Großteil der Schauen stattfindet, stand der Dienstag im Zeichen der Menswear: Außer Zigerli präsentierten Männermoden-Designer wie Ivanman, Dyn und Brachmann ihre Kollektionen. Auch Kilian Kerner, der für beide Geschlechter designt, hatte viel für die Herren zu bieten.

In London gibt es seit 2012 eine eigene Männermoden-Woche. Auch in Paris und Mailand werden jeweils im Juni und Januar spezielle Tage der Menswear gewidmet. Davon ist man in Berlin immer noch weit entfernt. Aber auch hier tut sich was: "Menswear wird mittlerweile viel stärker im Rahmen der Fashion Week unterstützt", sagt Designer Ivan Mandzukic von Ivanman. Er präsentierte am Dienstag minimalistische Entwürfe - darunter auch ein Hemd mit Rückenausschnitt. Mandzukic scheut sich nicht davor, die Herren in Zartrosa oder kräftiges Blau zu kleiden: "Die Männer trauen sich viel mehr als früher", sagt er.

Und das gilt nicht nur für Designermode, sondern auch für die Alltagsjeans. Bei Mustang, dem ältesten Jeanshersteller Europas, seien die modischen Ansprüche gewachsen, erzählt der Produktverantwortliche Hans-Bernd Cartsburg auf der Berliner Modemesse Bread and Butter. "Vor zehn Jahren gab es bei uns nur zwei Passformen. Jetzt gibt es zehn", sagt er. Außerdem müssten mehr Farben, Waschungen und sogar Verzierungen her. Die Jeans muss jetzt die Individualität des Mannes unterstreichen - und ihn schön machen: "Fast alle Kunden wollen schmale, junge Optik." Der Wunsch gut auszusehen, sei bei den Männern in den vergangenen Jahren gewachsen: "Sie bekommen das vorgelebt, zum Beispiel von Cristiano Ronaldo."

Modisches Wettrüsten

Ach ja, Cristiano Ronaldo. Jener Schönling, den Mark Simpson zum Ober-Sporno ernannte. Schließlich sieht man den Fußballspieler öfter mal mit freiem Oberkörper. Doch selbst Ronaldos nackter Waschbrettbauch wird benutzt, um Männer anzuziehen - in Socken und Schlüpfer. Zusammen mit dem Dänischen Unternehmen JBS brachte Ronaldo die Unterwäsche-Linie CR7 heraus. Eine Boxershorts, auf dessen Verpackung er sich halb nackt räkelt, kostet um die 40 Euro. "Es gibt immer mehr Kunden, die gern so viel für eine Unterhose bezahlen", sagt Björn Lammert von JBS. "Dabei wussten Männer früher oft nicht einmal, was ihre Größe ist."

Beim Männermoden-Blog "Dandy Diary" hat sich die Anzahl der Seitenaufrufe in den vergangenen zwei Jahren verdoppelt. Und die Leser kämen nicht mehr nur aus Hamburg und Berlin, sagt der Blogger David Roth, sondern auch aus der tiefsten Provinz. "Es ist ein Wettrüsten: Wer das schönste Federkleid hat, kriegt die Frau", erklärt er das gestiegene Interesse am Äußeren. "In Zeiten von Gleichberechtigung ist auch der Mann ein Sexobjekt. Die Herren wollen begehrt werden." Und diese Aussage ist wiederum ganz im simpsonschen Sinne.

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insgesamt 9 Beiträge
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DiversEquality2008 11.07.2014
1. Wann kommen Sexisten wie "Dandy Diary" endlich im 21. Jahrhundert an?
Für Herrn Roth vom "Dandy Diary"-Blog gibt es also nur heterosexuelle Männer (und Frauen), die noch dazu seinem sexistischen Weltbild folgen. Und eine solche Ignoranz wird hier allen Ernstes als "trendsetting" im 21. Jahrhundert verkauft? Nach einer aktuellen sexualwissenschaftlichen Studie unter jungen Frauen in Ostdeutschland betrachten sich dort über 40% nicht als ausschließlich heterosexuell. Die empirischen Erkenntnisse von Alfred Kinsey werden da eindrucksvoll bestätigt. Weshalb wird dieses Recht auf Selbstbestimmung gerade im massenmedial inszenierten Raum, zu dem die Modeindustrie mit ihrer weiterhin massiv sexistischen Kleiderordnung ja wesentlich beiträgt, nicht auch Männern zugestanden? Rational ist das nicht zu erklären, sondern nur aus einer tief verwurzelten, gesellschaftlich produzierten Phobie gegenüber männlicher Homosexualität.
D_v_T 11.07.2014
2.
CR7? Gerade den würde ich ja nun als letzten verbliebenen Metrosexuellen bezeichnen. Die rauen bärtigen Italiener dieser WM z.B. entsprechen viel eher dem aktuellen Trend. Und Beckham, der damalige Prototyp des Metros lief mindestens ebenso oft mit freiem Oberkörper herum. Das sind alles Leistungssportler, die sind in der Regel muskulös.
Pixopax 11.07.2014
3. Super!
Bleibt zu hoffen, dass die Modemacher endlich einmal den laaangweiligen warmen Standardherrenanzug zu Grabe tragen. Wir wollen endlich Luft bekommen! Anzüge tragen wir seit dreihundert Jahren als Uniform, es wird Zeit, dass das endlich verschwindet.
derigel3000 11.07.2014
4.
*Schnarch* Immer wieder diese Trends... Meiner Meinung nach zeigt sich ein stilbewusster Mann vor allem dadurch aus, dass er eben nicht jedem Mode- und Fitnesstrend hinterherhechelt, sondern einen zeitlosen Style pflegt, der letztes Jahr noch ebenso zeitgemäß aussieht wie in 2015. Alles andere sind in meinen Augen Fashion Victims.
lc2010 11.07.2014
5. affig
Hemden aus feinem Zwirn, ein gut sitzender Anzug und im Alltag gerne auch leger aber mit Stil... Aber ganz sicher lasse ich mich nicht zum Affen machen, indem ich irgendeinem Trend hinterher laufe oder mir einen vermeintlich hippen Fummel überwerfe!
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