Mode in Berlin: Die Suche nach dem neuen Hype

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Jetzt wird es ernst: Mit dem Rückzug der Streetwear-Plattform "Bread & Butter" ist den Berliner Modemessen das Flaggschiff verloren gegangen. Am Wochenende versuchen es die verbliebenen Schauen erstmals auf eigene Faust - mit teils recht krausen wie charmanten Ideen.

Berlin - Zerlina von dem Bussche ist vor kurzem in ein neues Atelier gezogen: Szenekiez, heller Altbau, Stuck, Kuhfelle auf dem Parkett und der Duft von frischem Milchkaffee. Sie ist der kreative Kopf hinter "Sisi Wasabi", einem der wenigen auch international bekannten Berliner Labels. Man erkennt es an eleganten Schnitten, die mit Trachtenelementen kombiniert werden.

Zum ersten Mal wird die Designerin ihre Kollektion nicht auf einer Berliner Messe ausstellen, sondern im eigenen Showroom. Doch ganz ohne Messen, das ist der Modemacherin klar, geht es auch nicht. Dass das Zugpferd "Bread & Butter" in dieser Saison nur in reichlich abgespeckter Form antreten wird, hat der hiesigen Modeszene die Laune verdorben.

"Die Stimmung ist absolut abwartend", sagt sie bestimmt. "Niemand hier meint: Berlin wird dieses Jahr krachen. Der ganze Frisch-Hype ist weg, und jetzt müssen wir uns als Stadt neu beweisen". Die Frage, die die Mode-Akteure beschäftigt, ist: Etabliert sich Berlin als Modestandort - oder bleibt die Stadt der ewige Newcomer, dem nach ein paar Saisons die Luft ausgeht?

Was mühsam aufgebaut worden war, brach plötzlich weg

Als sich vor vier Jahren die "Bread & Butter" an der Spree ansiedelte, war das ein Startsignal: Davor hätte sich wohl niemand getraut, Berlin als Modestadt zu bezeichnen. Andere Messen gruppierten sich um das Flaggschiff. Dann im vergangenen Herbst der Schock: Die "Bread & Butter" will ihr Hauptgeschäft nur noch in Barcelona abwickeln, hieß es.

"Ganz ehrlich", sagt Tanja Mühlhans, Referentin für Kreativwirtschaft im Berliner Senat, "für alle Modeinteressierten war das natürlich ein Desaster. Im Prinzip sahen alle das, was über Jahre aufgebaut worden war, plötzlich wegbrechen."

Vor wenigen Jahren holte sie für Berlin den Titel "Unesco Stadt des Designs". In Eigenregie und schlaflosen Nächten hatte Tanja Mühlhans die Bewerbungsmappe entworfen, "selbst kopiert" und abgeschickt.

Learning by doing, das war von Anfang an das Motto von Berlin, wenn es um Mode ging. Ein bisschen chaotisch, ein wenig planlos, dabei äußerst charmant. Die Frische des Unverbrauchten zog. "Bread & Butter"-Besucher ließen sich in Scharen mit dem Shuttle-Bus in die Hallen des alten Kabelwerks Spandau karren. Zu Hochzeiten tummelten sich dort 50.000 Besucher - über 15 Mal so viel wie bei der Premiere im Januar 2003.

Doch die Entscheidung, einen zweiten Standort in Barcelona zu etablieren, grub Berlin Stück für Stück das Wasser ab. Während die Schwestermesse in Barcelona Besucherrekorde brach, kamen immer weniger Leute nach Berlin.

Berlin bleibt die kreative Spielwiese

Die Veranstalter haben sich entschieden, Berlin vorerst nicht komplett den Rücken zu kehren. Die Zentrale bleibt hier, und auch der Berliner Bär wird nicht aus dem Messelogo verbannt. Von der ehemals größten Streetwear- und Urban-Plattform bleibt in dieser Saison allerdings kaum etwas übrig.

Der aktuelle Flyer verspricht Konzerte und Ausstellungen mit Event-Charakter und warnt: "Das hier ist keine Messe". Die Location, das ehemalige Turbinenkraftwerk, hat Ruinencharakter. Dort sollen sich am Wochenende dreißig Modeunternehmen, darunter Levi's, Adidas oder aem.kei, kreativ austoben. "BBBKraftwerk" heißt die neue Plattform, oder ausformuliert "Bread & Butter Berlin at Kraftwerk". Auf der Einladung zu einer Party im Rahmen der Veranstaltung werben die Macher blumig mit der "Präsentation eines textilen Musik-Action-Lieblingsprojektes" - was auch immer genau sie damit meinen.

"Vielleicht war einfach die Zeit für eine neue Geschichte da", meint Sprecherin Danielle de Bie im schicken "Bread & Butter"-Headquarter in Berlin-Mitte. "Image und Philosophie von Mode interessiert ja nicht nur Fachleute", meint sie. "Celebrities, Opinion Leader, Multiplikatoren in dem Sinne wollen davon ja auch was mitbekommen." Und so sollen am Tag Fachbesucher, am Abend das heimische und angereiste Szenepublikum bespaßt werden.

Die verbliebenen Messen machen erst einmal weiter wie gehabt. Beste Chancen, die Lücke des alten Zugpferds zu füllen, hat die Edelmesse "Premium". Sie geht inzwischen mit 700 Ausstellern an den Start und konzentriert sich auf gehobene Segmente. Ihr ehrgeiziges Ziel: mehr Glamour nach Berlin zu holen. Im neuen Bereich "Red Carpet Looks" sollen Händler "den Look der Stars und die Relevanz ihrer Styles erfahren".

"Völlig falsche Eitelkeit"

Derweil hoffen auch die Kleinen, dass es weitergeht. Zum Beispiel die experimentierfreudige "Ideal", die zum dritten Mal junge, avantgardistische Mode im Café Moskau präsentiert. Veranstalterin Sumi Ha, selbst Besitzerin einer Boutique, hofft, dass die Stadt eine klare Linie finden wird. Bei all der liebenswerten Leichtigkeit gehe es eben auch darum, einen kräftigen Standort zu begründen.

"In Berlin fehlt eine richtige Fashion Week, die von einer neutralen Organisation veranstaltet wird", kritisiert sie. Anders als in London, Paris oder Mailand gibt es keinen Dachverband, der einheitliche Termine herausgibt oder einen gemeinsamen Internetauftritt arrangiert.

Ein Durcheinander, das einige Neuzugänge die Existenz kostete: Mehrere Kleinmessen gingen ein ("B-in-Berlin", "5th Floor", "Euro Fashion Week"). Immerhin teilen sich die übrigen Modemessen "Premium", "Ideal" und "Spirit of Fashion" in dieser Saison erstmals einen gemeinsamen Shuttle-Bus.

Ein guter Ansatz, meint Zerlina von dem Bussche. Denn zu diesem Zeitpunkt hat der Modestandort Berlin nur dann eine Chance, wenn alle an einem Strang ziehen, glaubt die Designerin. "Es ist völlig falsche Eitelkeit zu glauben, dass man von den Messen nicht abhängig wäre." Schließlich haben die Veranstalter Marketing und Presse im Rücken, zudem eine riesige Kundenkartei. "Wir Labels können letztlich nur das Publikum, was in der Stadt ist, zu uns holen".

Und Tanja Mühlhans vom Berliner Senat erinnert daran, dass ein kräftiger Messestandort auch einer gesunden Grundlage bedarf. "Wir müssen die Rahmenbedingungen so verbessern, dass hier 20 bis 30 Unternehmen im Modebereich wachsen können", formuliert sie das langfristige Ziel. Am kommenden Wochenende müssen die Modemessen Berlins zunächst beweisen, dass sie auch ohne Aushängeschild funktionieren.

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