Modemetropole Berlin Hipper Style von der Stange

Berlin gilt als neuer Stern an Europas Modehimmel. Das soll auch die aktuelle "Berlin Fashion Week" beweisen. Anders als andere Modemetropolen kommt die deutsche Hauptstadt dabei ohne viel Glamour aus – und wartet mit begabten Jungdesignern auf.


Berlin - Lennart Jondral kann seinen Erfolg manchmal nicht fassen. Vor knapp zwei Jahren gründete der Werbefachmann mit Freunden die "berlinerklamotten" - eine Vermarktungsplattform für unbekannte Jungdesigner. "Wir wussten, hier gibt es viele Talente - nur findet die kein Mensch", erinnert er sich. Inzwischen gehört die Plattform zum Pflichtprogramm der internationalen Einkäufer. Wer sich einen Überblick über die Hauptstadt-Trends verschaffen will, geht zu "berlinerklamotten", wo derzeit rund 120 Nachwuchsdesigner vermarktet werden.



So verwunderlich ist der Aufschwung der Designerplattform dieses Mal nicht. Denn Berlin hat seit kurzem in Sachen Mode ein Wörtchen mitzureden. Seit heute steht die Stadt wieder ganz im Zeichen der Schönen und der Schauen. Zum ersten Mal wird der halbjährlich stattfindende Modezirkus allerdings werbewirksam als "Berlin Fashion Week" vermarktet.

Bis Dienstag finden parallel vier internationale Modemessen statt: Die "Bread & Butter Berlin", die "Premium Berlin" die "B-IN-Berlin" und die "5th Floor". Präsentiert werden die neuesten Trends von Streetwear bis Luxus-Couture bei der Damen-, Herren- und Kindermode. Rund 30.000 Fachbesucher aus aller Welt werden erwartet. Berlin als Modestadt ist aber auch mehr als ein Standort für schicke Messen. Neben den Messen gibt es viele kleine Veranstaltungen für alle Modeinteressierten. So laden unzählige Nachwuchsdesigner in den kommenden Tagen in private Showrooms, zu privaten Modenschauen oder Partys ein.

Kein Versace oder Gucci - sondern Jungdesigner

Berlin, da sind sich Fachleute einig, hat sich jüngst nicht nur als deutsche, sondern als europäische Modemetropole etabliert. Viele behaupten sogar, die Stadt spiele bereits in der gleichen Liga wie Paris, London oder Mailand. Der Grund für so viel Huldigung ist das riesige Kreativpotential. "Versaces und Guccis finden Sie hier weniger, dafür eine Menge vielversprechender Jungdesigner", sagt Danielle De Bie, Sprecherin der "Bread & Butter". Schätzungen zufolge arbeiten allein rund 600 Modedesigner an der Spree. Zudem gibt es Tausende Architekten, Musiker, Künstler und andere Kreative, die ständig neue Ideen und Trends produzieren.

Das macht Berlin auch kommerziell interessant. Während traditionelle Fashionmetropolen seit Jahren etwa bei Prêt-à-porter-Schauen rückläufige Besucherzahlen verzeichnen, stößt die deutsche Hauptstadt auf ungebrochenes Interesse der internationalen Modescouts und Modeeinkäufer - also derjenigen, die für großen Ketten, Kaufhäuser und Boutiquen weltweit tragbare Trends ordern. Paris, London und Mailand stehen für Luxusfummel, den - abgesehen von Oscar-Preisträgerinnen - kaum jemand anziehen kann. Berlin steht für den hippen Style von der Stange, den jeder tragen möchte.

"Mode ist mehr als Haute Couture", erklärt De Bie und verweist auf globale Labels wie G-Star oder Adidas. Diese begeben sich - schon des Images wegen - gerne in den Dunstkreis von weniger bekannten, dafür angesagten Jungdesignern.

"Die Stadt ist Inspirationsquelle"

Warum Berlin so attraktiv für den kreativen Nachwuchs ist? "Die Stadt ist eine Inspirationsquelle - allein schon wegen ihrer Geschichte", sagt Karola Schöwe, Projektleiterin der Damenmodemesse "5th Floor". "Berlinerklamotten"-Chef Jondral berichtet zudem, dass die jungen Kreativen auch die Arbeitbedingungen an der Spree schätzen: "Eine Wohnung plus Atelier kann man sich in London oder Paris kaum leisten. Hier dagegen schon."

Paradoxerweise wird Berlin in der deutschen Öffentlichkeit kaum als neuer Modestern Europas wahrgenommen. "Traditionelle Metropolen wie Paris und Mailand haben Berlin dagegen ständig auf dem Schirm", weiß De Bie. Die "Bread & Butter"-Sprecherin meint vor allem die internationalen Einkäufer, die ihren Fokus auf die deutsche Hauptstadt richten. Auch Schöwe von der "5th Floor" bestätigt: "Das Verständnis für Berlin ist international größer als national. Im Ausland ist Berlin die Nummer eins in Europa."

Freilich sind nicht alle von der neuen Modemetropole überzeugt. So versucht mitunter die modische Luxusfraktion Berlins Rolle im Modebusiness herunter zu spielen. Als prominenter Kritiker setzte sich Karl Lagerfeld vor gut einem Jahr in Szene: "Ich kenne nur Leute, die weggehen aus der Stadt", nörgelte der Stardesigner.

Zudem wird den Messemachern vorgeworfen, nicht an einem Strang zu ziehen. Immer wieder gebe es Schwierigkeiten, sich auf gemeinsame Termine zu einigen, moniert die Lokalpresse. Die zersplitterte Fashion Week verschreckt deshalb manchen Handelsreisenden in Sachen Mode.

Auch die geringe Kaufkraft Berlins könnte sich als Problem erweisen. Zwar lassen sich exklusive Boutiquen am Kurfürstendamm, an der Friedrichstraße oder im Szene-Bezirk Friedrichshain nieder. Oft verdienen die Geschäfte in München oder Düsseldorf aber immer noch mehr Geld. In Berlin sorgen hauptsächlich Touristen für gute Umsätze. Die Einheimischen selbst machen dagegen mit dem viel gerühmten "Berlin Style" von sich reden. Von dem heißt es, er unterwerfe sich keinem Modediktat. Zugleich gilt er aber als Synonym für die preiswerte Mischung aus trendigen Stücken von der Stange und Second-Hand-Teilen.

Glamour kommt vielleicht später

Vom sporadischen Berlin-Bashing lässt sich die Szene allerdings nicht verunsichern. "Berlinerklamotten"-Gründer Jondral ist von der Nachhaltigkeit der neuen Modemetropole überzeugt. Noch in den ersten Jahren nach dem Mauerfall seien West- und Ostberlin "eine Spielwiese" gewesen. Inzwischen habe sich die Anziehungskraft der Stadt zum festen Fundament entwickelt. "Es ist keine Luftblase, dazu passiert hier einfach zuviel. Es wird sehr professionell gearbeitet. Das wird sich so schnell nicht ändern", sagt der Marketingexperte.

Schöwe von der "5th Floor" verweist darauf, dass vor allem große kommerzielle Labels wie Levi's, Tommy Hilfinger und Hugo Boss - aber auch junge Trendmarken wie Filippa K aus Schweden oder Phard aus Italien sogenannte Flagship Stores - also großflächige Vorzeigeshops - in Berlin eröffnen. "Es kommen wöchentlich neue dazu."

Ihre Kollegin De Bie von der "Bread & Butter" fügt hinzu: "Vor zwei, drei Jahren konnte sich hier noch niemand Modeschauen vorstellen". Künftig würden auch Luxus-Designer für Glamour in Berlin sorgen. "Das wird sich alles entwickeln."



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.