Knuddelkult in China: Mein Hut, der hat zwei Ohren

Von , Peking

Dinge mit Ohren sind in Chinas Hauptstadt ein Modetrend. Mädchen tragen Hasenlöffel im Haar und am Handy, bei Männern stehen Ohren von Baseball-Caps und Kapuzenpullis ab. Was steckt hinter dem Knuddel-Schick?

Knuddelkult in China: Katzenöhrchen und Hasenhandys Fotos
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Man sieht sie auf der Straße, in Cafés und Nachtclubs, in der Schlange beim Schlachter und in Büros von Firmen, die von sich sagen würden, sie seien hip: Dinge mit Ohren sind allgegenwärtig in Peking, bei jungen Chinesinnen bis Anfang 30 und immer öfter auch bei ihren männlichen Freunden.

Es gibt sie in pink, im Leoparden-Look, fast immer sind sie mit weichen Stoffen umpuschelt. Sie stehen von Wollmützen und Handys ab, von Haarspangen und Kopfschals, von Baseball-Caps und Kapuzenpullis. Frauen kombinieren Ohren teils mit Fellstiefeln und Fransentäschchen, Männer mit Slacker-Klamotten und neonbunten To-go-Getränken.

Auf Nicht-Asiaten wirkt das befremdlich. In Peking ist das Ohren-Hipstertum fast schon Mainstream. In der Stadt hängen Werbeplakate für die Winterkollektion einer Pariser Modemarke, die das dänische Top-Model Freja Beha Erichsen in Bunny-Optik zeigen: mit Hot Pants - und Häschenohren.

"Today: ridicule. Tomorrow: really cool" - "Heute: Gespött. Morgen richtig cool": Was schon der Hipness-Papst Nathan Barley in der gleichnamigen Serie über Londons Szenegänger sagte, könnte auch für Dinge mit Ohren gelten. Doch was steckt dahinter?

Von Mangas und Prinzessinnen

Die Spurensuche beginnt am bevorzugten Aufenthaltsort von Chinas Jugend: dem Internet. Zwischen Ohrenbildern in Mikroblogs findet sich unter anderem ein Artikel der Asien-Bloggerin Lauren Rae Orsini, die selbst Katzenohrenspangen trägt, auch bei der Arbeit und auf Galaveranstaltungen.

"Ihren Ursprung hat die Modeerscheinung in den japanischen Manga-Comics", erläutert sie. Demnach eifert Chinas Jugend einem japanischen Modetrend nach, während zwischen Tokio und Peking wegen ein paar Felseninseln diplomatische Eiszeit herrscht.

Zumindest modisch ist Japan den Chinesen eine Evolutionsstufe voraus: In Tokio bewerben obskure Tech-Firmen inzwischen schon Plüschohren und Puschelschwänzchen, die sich angeblich durch die Gehirnströme ihrer Träger in verschiedene Richtungen bewegen.

Pekings Szenegänger stehen weniger auf solch technischen Schnickschnack. Durch die Straßen der Stadt fahren pinke Porsches, zuckerwatteförmige Pudel bevölkern die Parks - Puschelohren, so scheint es, sind nur eine von vielen Ausprägungen eines allgegenwärtigen Niedlichkeits-Schicks.

Ultrasüß als Megamarkt

Die Tageszeitung "China Daily" widmete diesem Thema kürzlich einen langen Artikel. Der Titel: Schönheit liegt im Auge des Betrachters. In dem Text kommen Psychologen zu Wort, die hinter der Kultur des Ultrasüßen gleich den Eskapismus einer ganzen Generation vermuten. All die Öhrchen und Pudel seien in Wahrheit ein Schrei nach Liebe, der in einer Welt der strengen Familientraditionen und Sechs-Tage-Arbeitswochen zu oft ungehört verhallt, so lässt sich ihre These wohl zusammenfassen. Auch ein Wort gebe es für den Knuddelstil schon: meng, gesprochen: "mong", zu deutsch: niedlich.

Die Nanluoguxiang, eine lange, enge Straße in Pekings Szeneviertel Gulou, ist das kommerzielle Epizentrum dieses Kults. Alle paar Meter offerieren Boutiquen und Straßenhändler Mützen, Haarspangen, Pullis und Handyhüllen mit Öhrchen, dazu Zuckerwatte und überdimensionale Pandapuppen. Chinas Hipster führen ihre Pudel und Golden Retriever spazieren oder trinken Kaffee mit Schaumbergen in rosa Salons.

Viele, die hier ausgehen, haben Ohren in ihr Outfit integriert. Meng finden sie das allerdings nicht. "Meng sind Frauen, die sich das Gesicht zur Puppe schminken oder Kontaktlinsen tragen, die Pupillen vergrößern; es ist eine ins Unnatürliche übersteigerte Form von Niedlichkeit", sagt Li Molly Ai, die als Marketing-Beauftragte bei der Firma Bestseller arbeitet. "Die Öhrchen-Mode ist eher Ke ai de. Das bedeutet einfach nur süß, im positiven Sinne." Daneben gebe es noch andere Stile, weitere Facetten des Süßen, manche naiv-dumm, manche sexy, aber eben immer süß.

Dinge mit Ohren sind demnach nicht einfach nur niedlich, sie sind Erzeugnisse einer ausdifferenzierten Niedlichkeitskultur mit vielen Ausprägungen und Begriffen - ein plüschiges Paradies für clevere Produktdesigner.

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insgesamt 24 Beiträge
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1. Die Asiaten...
axelkli 25.10.2012
...haben oft ein infantiles Gehabe, wie man dem Hype um die Hello-Kitty- und Manga-Männekes sehen kann. Dieser Ohren-Trend ist mir schon vor 4 Jahren bei meiner China-Taiwan-Korea-Japan-Tour aufgefallen.
2. Lichtjahre
Peter.Lublewski 25.10.2012
Wenn man Lichtjahre von einem Hauch Geschmack entfernt ist, dann trägt man eben Ohren an der Mütze. Jedem das Seine :-)
3.
markus_wienken 25.10.2012
Zitat von sysopDinge mit Ohren sind in Chinas Hauptstadt ein Modetrend. Mädchen tragen Hasenlöffel im Haar und am Handy, bei Männern stehen Ohren von Baseball-Caps und Kapuzenpullis ab. Was steckt hinter dem Knuddel-Chic? Modetrend aus China: Dinge mit Ohren - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/modetrend-aus-china-dinge-mit-ohren-a-862122.html)
Die Braunbären-Cap von Bild 5 hat mein Sohn auch...aber er ist erst 4 Jahre alt... :-)
4.
yournamehere 25.10.2012
Ist eigentlich nichts neues. Schon seit langem gibts dafür in Japan einen eigenen Begriff: Kawaii (http://de.wikipedia.org/wiki/Kawaii)
5.
hansaab 25.10.2012
Die beweglichen Katzenohren gibt es nicht nur in Japan, sondern auch schon hier zu kaufen. Einfach nach necomimi suchen.
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