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Möllemanns Todessprung: Videofilmer erwägt rechtliche Schritte gegen "Bild"

Verwirrendes Nachspiel eines rätselhaften Todesfalls. Die "Bild"-Zeitung veröffentlichte ein Amateurvideo, das den tödlichen Fallschirmabsturz Jürgen W. Möllemanns zeigt. Wer spielte dem Blatt die Aufnahmen zu? Der Urheber des Films prüft nach Informationen von SPIEGEL ONLINE rechtliche Schritte.

Hamburg/Marl - "Ich habe dieses Video nicht freigegeben und habe niemandem die Erlaubnis zur Veröffentlichung gegeben", sagte Dave Littlewood vom Verein für Fallschirmsport in Marl SPIEGEL ONLINE. Der Fallschirmspringer filmte am 5. Juni 2003 den Sprung seiner Kameraden und machte so die letzten Aufnahmen von Jürgen W. Möllemann. Der FDP-Politiker starb bei dem Sprung - ob es Selbstmord war, wurde nie zweifelsfrei geklärt.

Jürgen W. Möllemann beim Fallschirmsprung: Notsystem deaktiviert
REUTERS

Jürgen W. Möllemann beim Fallschirmsprung: Notsystem deaktiviert

Wie "Bild", der das Band "vorliegt", heute berichtete, enthielten die Aufnahmen jedoch "klare Hinweise", dass Möllemann sich das Leben nahm. Die Schlüsselszene dafür ist demnach die Reaktion von Möllemanns Fallschirmspringer-Kameraden am Schluss des Videos. Zu sehen ist der Rucksack des Toten mit dem nicht aktivierten Notsystem, das automatisch den Reserve-Fallschirm ausgelöst hätte. Möllemann soll sich nach dem gegenseitigen Check der Fallschirmspringer noch einmal abgesondert haben, angeblich, um ein Glas Wasser zu trinken, und habe dabei das Notsystem unbemerkt deaktiviert.

Wie kam das Blatt an das Video? "Es wurde im Juni 2003 von der Staatsanwaltschaft beschlagnahmt", sagte Amateurfilmer Littlewood zu SPIEGEL ONLINE. "Nach circa vier bis sechs Wochen erhielt ich eine Kopie zurück. Das Original hat die Staatsanwaltschaft behalten."

Wie das Band an die Öffentlichkeit gelangte, wer es der "Bild" zuspielte - er wisse es nicht, sagte Littlewood. "Allen Mitgliedern hier im Verein ist klar, dass ich selbst so etwas nie machen würde." Littlewood kündigte SPIEGEL ONLINE gegenüber an, gegen die Veröffentlichung vorzugehen und prüft nun rechtliche Schritte gegen die "Bild"-Zeitung.

Ein Sprecher des Verlags Axel Springer teilte auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE mit: "Unsere Quelle hat uns vertraglich zugesichert, dass die Rechte an besagtem Video bei ihr liegen und sie darüber verfügen kann."

Die Staatsanwaltschaft Essen gibt an, das Original an den Urheber nach Abschluss des Ermittlungsverfahrens zurückgegeben zu haben. Neue Erkenntnisse gebe es nach der Veröffentlichung des Videos, das 2003 vollständig ausgewertet worden sei, jedoch nicht.

Dave Littlewood behauptet, er habe die Kopie des Originalvideos "an einem sicheren Ort aufbewahrt", nur einmal noch nach Möllemanns Todessprung habe er sich den Film angeschaut. Beging der umstrittene einstige FDP-Chef seiner Einschätzung nach Selbstmord? "Man kann es nicht ausschließen", sagt Littlewood vorsichtig. Er selbst habe Möllemann nicht näher gekannt, da der am 5. Juni zum ersten Mal in Marl gesprungen sei. Die Anspannung Möllemanns sei an jenem Tag jedoch spürbar gewesen. Dies sei von den Anwesenden jedoch zu keinem Zeitpunkt als möglicher Hinweis auf die folgende Tragödie gedeutet worden. "Ich wusste, dass es damals für ihn um die Frage ging, ob seine Immunität aufgehoben würde. Dass jemand unter solchen Umständen sehr ernst wirkt, kam mir natürlich vor."

Er glaube nicht, sagte Littlewood, dass er oder die anderen Fallschirmspringer eine Chance gehabt hätten, Möllemann im Falle einer Selbsttötungsabsicht von seinem Vorhaben abzuhalten.

Bei "YouTube" war bereits kurz nach der Veröffentlichung über die Webseite der "Bild"-Zeitung ein 14 Sekunden langer Ausschnitt des Videos veröffentlicht worden. Der "MoellemannFan", der das Filmchen online gestellt hatte, kündigte in dem Streifen an, die kompletten Aufnahmen zu zeigen, sobald seine Homepage bekannt geworden sei. Die Community reagierte erbost. Der harmloseste Kommentar heute Nachmittag lautete: "Pfui!"

pad/jdl/jjc/dpa

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