Moiks "Spaghetti-Fresser" Zünftiger Chauvinismus im Staats-TV

Als im vergangenen Jahr ein italienischer Staatssekretär die Deutschen als "einförmige, blonde Supernationalisten" titulierte, sagte Kanzler Schröder sogar seinen Italien-Urlaub ab. Jetzt rastet der ARD-Volksmusiker Karl Moik aus. SPIEGEL ONLINE dokumentiert den Fauxpas.

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Karl Moik: "Und was machst du?"
DDP

Karl Moik: "Und was machst du?"

Wien/München - Italiens Staatssekretär für Tourismus, Stefano Stefani, hatte Familie Schröder den Sommerurlaub gründlich versalzen. "Die Deutschen", so schrieb er im vergangenen Juli in der Parteizeitung der Lega Nord, seien "einförmige, blonde Supernationalisten", die alljährlich "lärmend über unsere Strände herfallen". Als Stefani dann seine Worte nicht zurücknehmen wollte, entschied der deutsche Kanzler, seinen Urlaub nicht an der Adria, sondern an der Leine zu verbringen.

Nun droht neuer Unfrieden zwischen Bella Italia und Deutschland: In der Eurovisions-Schunkelsendung "Musikantenstadl", ausgestrahlt im Ersten Deutschen Fernsehen, beschimpfte Moderator Karl Moik die Italiener. Gerade noch hatte sein Gast Patrick Lindner aus voller Brust die Schönheit des Mittelmeerlandes gelobt: "O Sole Mio, ..., Italien ist so schön...", schmetterte er. Doch obwohl der schmissige Text dem ergrauten Publikum offensichtlich gut gefiel und es beschwingt im Rhythmus klatschte, holte sich der Schlagersänger nach seinem Auftritt einen deftigen Anpfiff ab: "Patrick Lindner! Ich muss dich rügen!", wetterte der gelernte Werkzeugmacher Moik. "Ich lade dich ein nach Wien, ins frühlingshafte Wien. Und was machst du? Du singst von den Spaghetti-Fressern."

Patrick Lindner: Einen Gruß nach Italien
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Patrick Lindner: Einen Gruß nach Italien

Lindner, mit leicht angesäuerter Miene, versuchte schnell die Peinlichkeit abzuschwächen: Wahrscheinlich schaue ganz Italien bei der Sendung zu, sagte er - und schickte schnell "Grüße" über die Alpen. Er denke doch, so Lindner, dass auch die Wiener ab und zu "ins schöne Italien" fahren würden. Doch der Österreicher Moik legte noch einen drauf: "Hah! Bloß weil jetzt hier drei Leute klatschen."

In einer Live-Show könne so etwas schon mal passieren, entschuldigte sich der 65-Jährige inzwischen per "Bild"-Zeitung. Doch schon schallte das Echo von jenseits der Alpen zurück: "Was dieser erbärmliche Fernsehmann gesagt hat, ist eine Beleidigung aller Italiener", sagte der Vizepräsident der Außenpolitischen Kommission in Italien, Umberto Ranieri. Und Italiens Europa-Minister Rocco Buttiglione wird in der "Bild" zitiert: "Herr Moik scheint nicht zu wissen, dass Italien eine Kulturnation ist. Vielleicht sollte er mal Goethe lesen, der beschreibt das Lebensgefühl der Spaghetti essenden Italiener." Darauf Moik: "Natürlich war das ein Fehler." Er möge die Italiener genauso gern wie die Österreicher und die Deutschen.

Beim Bayerischen Rundfunk, der mit dem ORF für die Sendung verantwortlich ist, gibt man sich mit der Entschuldigung zufrieden. "Das kann in einer Live-Sendung schon mal passieren", sagte der BR-Sprecher Rudi Küffner gegenüber SPIEGEL ONLINE. "Natürlich war das eine Flapsigkeit und nicht in Ordnung", so Küffner. Moik habe sich ja noch in der Sendung für die Äußerung entschuldigt. "So bedauerlich das sein mag, er hat es bestimmt nicht so gemeint." Während der Sendung habe es zwei Zuschaueranrufe gegeben, die sich allerdings nicht auf die Spaghetti-Äußerung bezogen hätten. "Fragen nach Konsequenzen stellen sich nicht. Für uns ist die Sache damit erledigt."

Für Moik war es die erste Moderation nach seiner schweren Erkrankung gewesen. Der 65-Jährige hatte beim Kölner Rosenmontagsumzug einen Herzinfarkt erlitten, bei einer Notoperation wurden ihm drei Bypässe gelegt. Erst eine Woche vor der Sendung hatte der früher kugelrunde Moderator von den Ärzten grünes Licht erhalten. Dass er - inzwischen 14 Kilogramm leichter - wieder vor den Kameras stehen dürfe, habe er auch seinem "Optimismus zu verdanken, der mich immer ausgezeichnet hat".

Spekulationen, er werde seine Moderation abgeben, hatte Moik kürzlich zurückgewiesen. Sein Vertrag laufe bis Ende 2005. "In etwa einem Jahr werde ich entscheiden, ob es weiter geht." Dafür gebe es drei Kriterien: "Das Publikum muss mich weiter wollen. Ich muss weiter Spaß daran haben und gesund bleiben." Zumindest das erste Kriterium wurde am Samstag erfüllt: Mit der Oldie-Sendung erzielte die ARD einen Überraschungserfolg gegen ZDF-Moderator Thomas Gottschalk, der regelmäßig für die Mainzer die Quoten rettet. 6,54 Millionen Zuschauer (Marktanteil: 22,9 Prozent) wackelten zu den schmissigen Melodien mit dem Kopf.

Gottschalks "50 Jahre Rock"-Spektakel brachte es nach Angaben der Medienagentur KC Communikations lediglich auf 5,67 Millionen Zuschauer (Marktanteil: 20,1 Prozent). Moiks Befürchtungen erwiesen sich somit als gegenstandslos. Während das ZDF seit zwei Wochen die Werbetrommel für Gottschalk rühre, so hatte Moik gepöbelt, "hat die ARD noch keinen einzigen Trailer zu meiner Show gesendet. Dort schläft man den Schlaf des Gerechten."



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