Dreizehn Jahre unter Nomaden "Als wir unsere Pferde gegen Wölfe verteidigten, wurden wir Gefährten"

Gut dreizehn Jahre verbrachte Hamid Sardar mit mongolischen Nomaden. Seine Fotos zeigen eine innige Verbindung zur Natur, die urbane Gesellschaften längst verloren haben.

Hamid Sardar-Afkhami

Ein Interview von Lisa Srikiow


SPIEGEL ONLINE: Was ist so faszinierend an Nomaden in der Mongolei?

Hamid Sardar: Schon seit meiner Kindheit fühle ich mich zu ihnen hingezogen. Ich bin in Iran aufgewachsen, nahe der Grenze zur ehemaligen Sowjetunion. Ich erinnere mich an die Reiter der Kalmücken, ein westmongolisches Volk. Sie ritten über die Grenze und erzählten mir von ihren Mythen und Legenden, von Drachen und Pferden. Nach der iranischen Revolution musste meine Familie das Land verlassen, aber ich träumte weiter von den Nomaden. Als ich mich an der Universität für Tibetisch, Nepalesisch und Mongolisch einschrieb, war das wohl auch ein Versuch, an diesen unterbrochenen Kindheitstraum anzuknüpfen.

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Mongolische Nomaden: Präsenz der Natur

SPIEGEL ONLINE: Sie kehrten als Wissenschaftler zurück in die Region. Wie wurden Sie zum Fotografen?

Sardar: Fotografiert habe ich schon immer, meine erste Kamera bekam ich im Alter von neun Jahren. Während meiner Studienzeit in Harvard belegte ich Filmkurse bei dem Anthropologen und Filmemacher Robert Gardner. Meine Arbeit als Wissenschaftler und Fotograf habe ich nie getrennt. Während meiner Expeditionen nach Asien habe ich schnell gemerkt, dass Textstudien nie ausreichen würden, um den Reichtum dieser Kultur zu erfassen. Für mich hatte alles immer auch eine visuelle Dimension, das ging Hand in Hand.

SPIEGEL ONLINE: Und was wollen Sie mit Ihren Fotos ausdrücken?

Sardar: Meine Bilder haben auch eine akademische Aussagekraft. Als Wissenschaftler hat mich beispielsweise schon immer die spirituelle Beziehung zwischen Nomaden, Natur und Tier beschäftigt. Deshalb fotografiere ich die Nomaden vor allem mit ihren Greifvögeln oder Rentieren - diese Tiere haben eine besondere Bedeutung für sie, sie gelten als Beschützer oder Totem des Stammes.

SPIEGEL ONLINE: Die Kultur der Nomaden verändert sich, wie lange wird es sie noch geben?

Sardar: Tatsächlich verlassen immer mehr junge Nomaden ihre Familien, um in die Stadt zu gehen und dort Arbeit zu finden. Sie suchen das neue, komfortable Leben mit Fernsehen, warmen Wohnungen und Autos. Diese Dinge sind mittlerweile wichtige Statussymbole. Aber es werden immer Tiere in der Mongolei leben, und damit immer auch Menschen, die sie hüten. Nur die Umstände ändern sich: Vor zehn Jahren trieben die Nomaden ihre Herden mit Pferden zusammen. Heute nutzen sie dazu Motorräder. Kontinuität und Risse gehören zum Leben dazu.

SPIEGEL ONLINE: Was kann man von dem Lebensstil der Nomaden lernen?

Sardar: Wir leben in einer virtuellen Welt und haben die Verbindung zur Natur verloren. Ist man der Natur und ihren Launen ausgeliefert, wird man einfach ehrlicher und direkter. Davon ist das Überleben in der Wildnis abhängig. Diese unmittelbare Präsenz der Natur fehlt mir in urbanen Gesellschaften.

SPIEGEL ONLINE: War es schwierig, Zugang zu diesem Volk zu bekommen?

Sardar: Die Nomaden können ziemlich verschlossen und stoisch sein. Mit der amerikanischen Offenheit kommen sie beispielsweise gar nicht klar. Aber besitzt man einmal ihr Vertrauen, ähnelt diese Beziehung einer Blutsbrüderschaft. Dass ich ihre Sprache spreche, machte vieles einfacher. Aber das allein reichte noch nicht. Erst wenn man mit ihnen reist und gemeinsam Hindernisse überwindet, kommt man ihnen wirklich nahe. Einmal verirrten wir uns während eines Sturms im Gebirge, ein anderes Mal mussten wir unsere Pferde gegen Wölfe verteidigen - da wurden wir richtige Gefährten. Und es ging übrigens nicht nur darum, dass ich ihr Leben dokumentierte - ich wurde selbst Teil ihrer Geschichten.

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SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie?

Sardar: Wenn die Nomaden abends am Feuer zusammensitzen, erzählen sie sich Geschichten - nicht nur Mythen und Legenden, sie sprechen auch von ebendiesen gemeinsamen Erlebnissen, von bestandenen Abenteuern. Als ich Teil dieser Erinnerungskultur wurde, wusste ich, dass es nun eine echte Verbindung zwischen uns gibt. Das ist mehr wert als jede Auszeichnung, als jeder Preis.

Das Interview führte Lisa Srikiow für das Fotoportal Seen.by.



insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
nadennmallos 15.02.2017
1. Sehr schöne Aufnahmen ...
... die wirklich erzählen. Toll!
rauchendes_gnu 15.02.2017
2. Ein Thema voller Wehmut...
... denn die Lebensräume für Nomaden werden immer enger und gleichzeitig steigt die Zahl derer unter ihnen, die sich mit dem einfachen, naturnahen Leben nicht mehr zufriedengeben. Zu dem Thema gibt es ein wunderbares, wenn auch sehr trauriges Buch von Jiang Rong, Der Zorn der Wölfe. Ein chinesischer Student muß während der Kulturrevolution in den 60ern in die Innere Mongolei, um das Leben der Viehzüchter kennenzulernen. Leider existiert die Welt, wie sie in diesem Roman beschrieben ist, gar nicht mehr. Trotzdem oder gerade deshalb eine wichtige, aufrüttelnde Botschaft der Notwendigkeit, mit der Natur verbunden zu bleiben, wenn die Menschheit nicht nur ein kurzes Gastspiel auf Erden bieten möchte.
abc. 15.02.2017
3. eine innige Verbindung zur Natur, die urbane Gesellschaften längst verloren haben
Typische Romantisierung zivilisationsmüder Wohlstandsbürger. Diese innige Verbindung zur Natur besteht in der Realität vor allem aus Schweiß, Blut und Exkrementen. Es ist nicht ohne Grund vom ewigen Kreislauf aus Leben und Tod, fressen und gefressen werden die Rede. Selbst in unserer völlig zersiedelten Gegend kommen immer noch Menschen zu Tode, wenn sie sich (oft genug völlig unvorbereitet) zu innig mit der Natur verbinden, sei es auf dem Meer, unter Tage oder im Gebirge. Umso reeller wird diese Bedrohung, wenn man sich in wirkliche Wildnis begibt - oder gar dort lebt. Die Menschen dort brauchen keine Extremsportarten, die haben genug Nervenkitzel und Abenteuer alleine damit, ihren Alltag zu bestreiten und ihr Überleben zu sichern. Von daher ist diese innige Verbindung zur Natur, die der urbane Homo Oeconomicus betrauert, bloß für diejenigen erstrebenswert, die diese Natur nicht wirklich kennen. Wer dagegen die Wahl zwischen einem Nomadenzelt im Winter (mit Dung als Brennstoff und Raureif auf der Bettdecke) und einer beheizbaren Wohnung mit Bad und Klopapier hat, wird sich i.d.R. für letzteres entscheiden (zumindest im Winter).
clochard185 15.02.2017
4. Zum weinen schön...
diese Aufnahmen. Jedes Bild ein Gemälde. Sadar ist beneidenswert, dass er sich in dieser Welt aufhalten darf. Wie trostlos ist doch unsere zivilisierte Welt. Was kann es besseres geben als mit Gottes Schöpfung in Einklang zu leben. Natürlich ist dieses leben auch hart, aber man ist dem Wesentlichen näher als die übersättigten Menschen in den Städten. Die jungen Mongolen in den Städten werden bald feststellen was sie verloren haben.
_gimli_ 15.02.2017
5.
Zitat von clochard185diese Aufnahmen. Jedes Bild ein Gemälde. Sadar ist beneidenswert, dass er sich in dieser Welt aufhalten darf. Wie trostlos ist doch unsere zivilisierte Welt. Was kann es besseres geben als mit Gottes Schöpfung in Einklang zu leben. Natürlich ist dieses leben auch hart, aber man ist dem Wesentlichen näher als die übersättigten Menschen in den Städten. Die jungen Mongolen in den Städten werden bald feststellen was sie verloren haben.
Ich habe in den 90ern u.a. mit 5 mongolischen Kommilitonen, die alle samt Kinder von Nomadenfamilien waren, zusammen studiert. Jeder von ihnen hat sich ins Studium reingekniet, um nie wieder mit "dem Schöpfung im Einklang leben" zu müssen. Alle 5 sind in Deutschland geblieben und besuchen ihre Eltern und Geschwister (falls die noch als Nomaden leben) gern für ein paar Wochen, freuen sich dann aber immer wieder auf die Rückkehr in die Zivilisation. Wer sich mal mit diesen Leuten unterhält, so über Dinge wie Wölfe, medizinische Versorgung (z.B. bei Schlangenbissen), Hygiene etc., sieht das Ganze vielleicht in einem etwas anderen Licht als Romantiker.
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