Grünzeug

Gartenblog "Grünzeug" Verfluchte Schinderei

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Jemand hat Ihnen erzählt, Gartenarbeit sei pure Entspannung, gehe leicht von der Hand, biete nichts als Frieden in Erhabenheit? Sie müssen jetzt ganz tapfer sein - das ist nicht mal die halbe Wahrheit.

Idyll im Grünen - dahinter steckt ziemlich viel Knochenarbeit
P. Dreyer

Idyll im Grünen - dahinter steckt ziemlich viel Knochenarbeit

Im März ging's ja endlich, endlich wieder los: Frühling - raus in den Garten!

Es ist keine Übertreibung: Seitdem ich meinen Garten habe, bin ich ein glücklicherer Mensch. Der Garten ist mein Traum, meine friedliche Insel, mein Stolz. Aber, seien wir ehrlich - ein großer Garten, das ist nichts für Weicheier.

Denn Ihr Garten braucht Sie. Wenn Sie Gartenbesitzer werden, dann gucken Sie nicht nur den Blümchen beim Wachsen zu. Sie werden hacken, jäten, schneiden, sägen, umgraben, ausgraben, eingraben. Und ihn gegen Blattläuse, Nacktschnecken, Grauschimmel, Wühlmäuse und Waschbären verteidigen.

Ein Eckchen im Staudengarten Anfang April: Es gibt viel zu tun
P. Dreyer

Ein Eckchen im Staudengarten Anfang April: Es gibt viel zu tun

Sie können Ihren Garten auch gern en naturelle genießen, einfach alles wuchern lassen - wenn Sie es schaffen, nach zwei Jahren mit der Machete noch ein winziges Plätzchen für Ihren Gartenstuhl freizuhacken, dann beglückwünsche ich Sie.

Einen Garten, den man gestalten möchte, muss man bearbeiten, sonst wächst er einem buchstäblich über den Kopf.

Ich bin Pendlerin. Habe einen Job in der Stadt, fahre an vielen Wochenenden raus aufs Land, in meinen Garten. 6000 Quadratmeter, wovon ein Gutteil verpachtet ist an den Nachbarn, als Reitplatz und Weide für seine Pferde. Der Rest sind Staudengarten, Blumenbeete, Rosenrabatten und - Rasen. Der wird schon nicht viel Arbeit machen, dachte ich vor ein paar Jahren, als ich das Grundstück übernahm.

Denkste.

"Ihr Boden ist sauer", sagte mir ein Fachmann, dem ich klagte, der Rasen sei ständig vermoost und sehe kränklich aus. "Er ist sauer?", fragte ich zurück, "hat ihn denn jemand geärgert?".

Mein Rasen im April: Das Schlachtfeld
P. Dreyer

Mein Rasen im April: Das Schlachtfeld

Was man als Garten-Greenhorn nicht so alles lernen muss: "Saurer Boden" bedeutet, der ph-Wert in der Erde ist sehr niedrig. Einige Moosarten mögen das und wachsen darauf wie auf Hefe.

Außerdem stehen auf meinem Grundstück Bäume, und wo Bäume auf Rasen stehen, da ist Moos.

Und wenn Sie jetzt sagen (wie ich zu Beginn meines Hobbygärtnerinnen-Daseins), "Och, Moos, why not, ist doch hübsch grün", dann werden Sie eines Besseren spätestens belehrt, wenn Sie versuchen, einen Rasenmäher über diesen fetten weichen Teppich zu schieben, um die paar Grashalme, die sich noch durchkämpfen konnten, zu kürzen.

Die Früchte von vier Tagen Vertikutiererei: Ein Haufen Moos
P. Dreyer

Die Früchte von vier Tagen Vertikutiererei: Ein Haufen Moos

Also muss das Moos raus: Erst streut man Eisensulfat - die Frage des richtigen Zeitpunkts ist Stoff für Glaubenskriege, ich mache das Anfang April und time es so, dass ich eine Woche später vertikutieren kann. Das Eisensulfat tötet das Moss ab und verwandelt das erste frühlingszarte Grün auf Ihrem Rasen in eine schwarzbraune Zombielandschaft. Dann mäht man das Gras raspelkurz, anschließend wird mit einem Vertikutierer (der scharfe Klingen hat, die in den Boden schneiden) das Moos aus der Erde geholt. Sie glauben nicht, wie viel Sie davon aus einem Quadratmeter Rasen rauskämmen können, geschweige denn aus einigen Hundert. Also rausharken, zusammenhäufeln, in die Schubkarre schaufeln, zum Kompost fahren, rausharken, zusammenhäufeln, in die Schubkarre schaufeln, und so weiter und so fort.

Dann bringen Sie Stickstoff aus und vielleicht ein wenig neue Grassaat, hoffen auf Regen und warten auf ein Wunder.

In diesem Frühjahr habe ich vier Tage gebraucht, um alles zu entmoosen.

In diesen Phasen harter körperlicher Arbeit empfinde ich eine intensive Hassliebe für meinen Garten. Die Maloche ist anstrengend, schweißtreibend und lässt Muskeln schmerzen, von denen Sie trotz Fitnessstudio-Workouts nie ahnten, dass Sie sie haben.

Das Eckchen im Staudengarten: So sieht's in wenigen Wochen wieder aus
P. Dreyer

Das Eckchen im Staudengarten: So sieht's in wenigen Wochen wieder aus

Aber wenn die ersten warmen Frühlingswinde Ihre Haut streicheln, die Sonne Ihren Nacken küsst und Ihnen die Vögel, von denen Sie im Winter kaum einen Mucks gehört haben, einen Songcontest trillern - und dann stehen Sie auf Ihrer eigenen Scholle, und haben mit Ihrer Hände Arbeit ein kleines Fleckchen Paradies hergezaubert - das ist pures Glück, ich schwör's.

Das Wunder, von dem ich eben schrieb? Das ist ja das Schöne: Im Garten geschieht's.



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