Attentate in Südfrankreich: Polizei belagert Haus von Verdächtigem in Toulouse

Aus Toulouse berichtet

Frankreichs Polizei hat nach der Mordserie in Toulouse am frühen Morgen mehrere Einsätze gegen Verdächtige gestartet. Ein 24-Jähriger hat sich in seiner Wohnung verschanzt. Es kam zum Schusswechsel. Der Mann beruft sich auf al-Qaida und will seine Taten begangen haben, um palästinensische Kinder zu rächen.

Es ist nicht weit vom Bahnhof Toulouse zu dem Haus, in dem sich der derzeit meistgesuchte Mann Frankreichs verschanzt haben soll. Das Viertel Côte Pavée liegt auf einem kleinen Hügel. Es ist keine reiche Gegend, die Häuser sind klein und etwas heruntergekommen.

Am frühen Morgen ist hier normalerweise nichts los. Die Pendler sind noch nicht unterwegs, nur der Bäcker hat schon geöffnet. Doch an diesem Mittwochmorgen ist das anders. Immer wieder kommen Autos mit Blaulicht angebraust. Feuerwehr und Krankenwagen stehen in Bereitschaft. Polizisten haben die Straßen abgesperrt, ein Durchkommen ist unmöglich.

Hundert Meter vor dem Haus in der Rue du Sergent Vigne Nummer 13-19, wo sich der mutmaßliche Serienmörder, der die Region um Toulouse in den vergangenen Tagen in Angst und Schrecken versetzte hatte, im ersten Stock verschanzt hat, dominieren Sicherheitskräfte die Szenerie. Die meisten Anwohner haben von dem Polizeieinsatz, der in der Nacht begann, nichts mitbekommen. "Ich habe nichts gehört", sagt Patrick Carpentier. Der 56-Jährige wohnt zwei Nebenstraßen weiter. Er ist erstaunt, dass sich der Killer gerade hier verschanzt haben soll. "Ich wohne seit 12 Jahren hier. Das ist ein ruhiges Viertel ohne Probleme, hier geht es fast zu wie in einem Dorf."

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Razzien in Südfrankreich: Polizeiaktion in der Nacht
Carpentier ist erleichtert: "Es ist gut, dass sie ihn gekriegt haben. Wir hatten Angst, dass da noch was passiert." Eine junge Frau kann es kaum fassen, was hier gerade passiert. "Das ist ja bei mir um die Ecke", sagt die 27-jährige Erzieherin Camille. "Das ist ein bunt gemischtes Viertel, hier leben Leute aller Art."

"Er behauptet, ein Mudschahidin zu sein"

Der französischen Innenminister Claude Guéant sagte, der Verdächtige habe angekündigt, sich am Nachmittag zu ergeben. Der Mann habe eine Waffe aus dem Fenster geworfen und einem Polizisten anschließend seine Absichten erklärt, sagte Guéant dem TV-Nachrichtensender BFM. "Er hat aber weitere Waffen, darunter eine Kalaschnikow, eine Uzi und diverse Feuerwaffen", so Guéant.

Gegen 3 Uhr hatte die Eliteeinheit RAID der französische Polizei mit mehreren Aktionen gegen Verdächtige und Unterstützernetzwerke in der südfranzösischen Stadt begonnen. Ein 24-jähriger Mann verschanzte sich während der Operation in seiner Wohnung in der Nähe des Bahnhofs. Er habe der Polizei gesagt, er habe seine Taten begangen, um palästinensische Kinder zu rächen, so Guéant, der selbst am Einsatzort war.

Der Verdächtige soll einige Zeit in Pakistan und Afghanistan zugebracht haben. Er habe erklärt, dass er zum Terrornetzwerk al-Qaida gehöre, er habe auch die französische Armee angreifen wollen. Der Verdächtige habe Verbindungen zu Salafisten- und Dschihadisten-Gruppen. "Er behauptet, ein Mudschahidin zu sein und zu al-Qaida zu gehören", sagte Guéant.

Offenbar habe er keine Geiseln, berichtet die Nachrichtenagentur AFP. Bei dem Polizeieinsatz sei heftig geschossen worden, berichtete der Minister. Zwei Polizisten sollen bei dem Schusswechsel verletzt worden sein, allerdings nicht schwer. Während des noch laufenden Einsatzes der Polizei-Eliteeinheit waren sechs oder sieben Schüsse zu hören, wie ein Reporter der AFP berichtete.

Der Bruder des Mannes wurde nach Guéants Angaben ebenfalls festgenommen. Die Mutter des 24-Jährigen habe sich geweigert, Kontakt mit ihrem Sohn aufzunehmen. Er war bereits nach den Morden an drei Soldaten ins Visier der Fahnder geraten. Eine "sehr wertvolle" Information habe nun die Ermittlungen ein wichtiges Stück vorangebracht, hieß es aus Polizeikreisen.

Opfer werden in Israel beigesetzt

Sicherheitskräfte mit schusssicheren Westen und Helmen riegelten das Wohngebiet ab, das nicht sehr weit von der jüdischen Schule entfernt ist, vor der ein Unbekannter am Montagmorgen einen Lehrer und drei Kinder erschossen hatte. Die Ermittlungen laufen seither auf Hochtouren. Am Donnerstag zuvor hatte in Montauban, 50 Kilometer von Toulouse entfernt, offenbar derselbe Täter zwei Fallschirmjäger erschossen. Bei einem ersten Angriff am 11. März hatte ein Mann in Toulouse einen Fallschirmjäger in Zivil getötet. Der Unbekannte trug immer einen Motorradhelm und blieb deshalb unerkannt. Er hat Ermittlern zufolge immer dieselbe Waffe benutzt.

Angeblich sind die Ermittler dem Verdächtigen nach ersten Erkenntnissen durchs Internet auf die Spur gekommen. Das erste Opfer war mit seinem mutmaßlichen Mörder über eine Internet-Verkaufs-Plattform in Kontakt getreten, berichtete der TV-Nachrichtensender BFM unter Berufung auf Polizeikreise. Das Opfer hatte sein Motorrad verkaufen wollen und die geringe Kilometerleistung mit längeren beruflichen Auslandseinsätzen als Soldat erklärt. Der Täter hatte mit ihm per Mail einen Treffpunkt vereinbart. Die von Polizeiermittlern identifizierte IP-Adresse gehörte zu einem Computer, der dem Bruder des Tatverdächtigen gehört. Zudem soll ein Yamaha-Händler demnach berichtet haben, dass ein Kunde sich ein paar Tage zuvor informiert habe, wie man den Chip für die Satelliten-Verfolgung des Motorrollers deaktivieren könne. Der Täter war mit einem Motorroller dieser Marke unterwegs.

Schüler und Lehrer in ganz Frankreich hatten am Dienstag mit einer Schweigeminute der Opfer des Anschlags in Toulouse gedacht. Staatspräsident Nicolas Sarkozy versprach beim Besuch einer Schule, der Täter werde ausfindig gemacht. Zuvor hatte er für die Region um Toulouse die höchste Terrorwarnstufe ausgerufen. Hunderte Polizisten beteiligten sich an der Fahndung nach dem Täter.

Die französische Justiz stuft die Mordserie als Terrorakt ein. Der Täter habe seine Opfer mit Kopfschüssen getötet, sagte der zuständige Pariser Staatsanwalt François Molins am Dienstag. Er verwies darauf, dass in allen Fällen auch dieselbe Waffe - ein Colt 45 vom Kaliber 11,43 Millimeter - verwendet worden sei. Beim Fluchtfahrzeug, einem Motorroller, sei aber noch nicht ganz sicher, ob er kurz vor den Taten gestohlen worden sei.

Inzwischen traf die Maschine mit den vier Opfern des Angriffs vom Montag in Israel ein, wo die Toten beigesetzt werden sollen. Das Flugzeug der Gesellschaft El Al landete am frühen Morgen in Tel Aviv, wie ein AFP-Fotograf berichtete. An Bord war neben rund 50 Angehörigen auch Frankreichs Außenminister Alain Juppé. Die Opfer sollten am Morgen in Jerusalem beigesetzt werden.

Mit Material von dpa, AFP und Reuters

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1. Üblicher Verdächtiger?
Ontologix II 21.03.2012
Zitat von sysopBei den Ermittlungen zu den Todesschüssen in Südfrankreich scheint es einen ersten Ermittlungserfolg zu geben. Eine Spezialeinheit der Polizei hat nach Agenturberichten einen Verdächtigen in seinem Haus gestellt. Der 24-Jährige hat sich verschanzt und erklärt, er stehe dem Terrornetzwerk al-Qaida nahe. Attentate in Frankreich: Polizei stellt Verdächtigen in Toulouse - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Panorama (http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,822666,00.html)
Die Morde an Soldaten nordafrikanischer Herkunft lassen sich durch eine Al-Quaida-Mitgliedschaft kaum erklären.
2.
Fischkopp-Cop 21.03.2012
Zitat von sysopBei den Ermittlungen zu den Todesschüssen in Südfrankreich scheint es einen ersten Ermittlungserfolg zu geben. Eine Spezialeinheit der Polizei hat nach Agenturberichten einen Verdächtigen in seinem Haus gestellt. Der 24-Jährige hat sich verschanzt und erklärt, er stehe dem Terrornetzwerk al-Qaida nahe. Attentate in Frankreich: Polizei stellt Verdächtigen in Toulouse - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Panorama (http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,822666,00.html)
Tjaja, nachdem einige Menschen reflexartig aus einem verengten ideologischen Blickwinkel heraus ganz en vogue rechte Terror-Szenarien entwarfen, scheint mal wieder Ockhams Skalpell gnadenlos zugeschlagen zu haben. Nicht, dass dies die Taten an sich schlechter oder besser machen würde oder Anlass zu Triumphgeheul böte...
3. Endlich
mullah_omar 21.03.2012
Zitat von sysopBei den Ermittlungen zu den Todesschüssen in Südfrankreich scheint es einen ersten Ermittlungserfolg zu geben. Eine Spezialeinheit der Polizei hat nach Agenturberichten einen Verdächtigen in seinem Haus gestellt. Der 24-Jährige hat sich verschanzt und erklärt, er stehe dem Terrornetzwerk al-Qaida nahe. Attentate in Frankreich: Polizei stellt Verdächtigen in Toulouse - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Panorama (http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,822666,00.html)
Haben wir nicht alle sehnsuechtig drauf gewartet das endlich Al-Qaida ins Spiel kommt? Endlich. Danke gute Welt
4. Das ist der Beginn einer wundervollen Freundschaft
tailspin 21.03.2012
Zitat von sysopBei den Ermittlungen zu den Todesschüssen in Südfrankreich scheint es einen ersten Ermittlungserfolg zu geben. Eine Spezialeinheit der Polizei hat nach Agenturberichten einen Verdächtigen in seinem Haus gestellt. Der 24-Jährige hat sich verschanzt und erklärt, er stehe dem Terrornetzwerk al-Qaida nahe. Attentate in Frankreich: Polizei stellt Verdächtigen in Toulouse - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Panorama (http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,822666,00.html)
Noch ist nichts bewiesen. Schnelle Schuldzuweisungen haben im Dunstkreis der franzoesischen Kultur Tradition: Captain Louis Renault (Casablanca): "Verhaften Sie die ueblichen Verdaechtigen."
5. ...
Oshogun 21.03.2012
Zitat von sysopBei den Ermittlungen zu den Todesschüssen in Südfrankreich scheint es einen ersten Ermittlungserfolg zu geben. Eine Spezialeinheit der Polizei hat nach Agenturberichten einen Verdächtigen in seinem Haus gestellt. Der 24-Jährige hat sich verschanzt und erklärt, er stehe dem Terrornetzwerk al-Qaida nahe. Attentate in Frankreich: Polizei stellt Verdächtigen in Toulouse - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Panorama (http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,822666,00.html)
Das sieht irgendwie zu einfach aus. Ich kann mir nicht vorstellen das es sich hier wirklich um den Täter handelt, es spricht hier einfach zu viel für die Tat von Rechtsradikalen.
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Anschläge in Südfrankreich: Schüsse vom Motorroller