Mordfall Metzler Anwalt bezeichnet Polizisten als Verbrecher

Am Mittwoch wird im Mordfall Jakob von Metzler Anklage erhoben. Am Tag zuvor forderte der Anwalt des mutmaßlichen Täters die Suspendierung von fünf Frankfurter Polizeibeamten: Sie hätten sich der Aussageerpressung schuldig gemacht.


Magnus G. wurde kurz nach dem Verschwinden von Jakob festgenommen
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Magnus G. wurde kurz nach dem Verschwinden von Jakob festgenommen

Frankfurt/Main - Mit seiner Forderung reagierte Anwalt Ulrich Endres auf die am Montag bekannt gewordenen Vorwürfe gegen den stellvertretenden Polizeichef von Frankfurt, Wolfgang Daschner. Dieser soll Vernehmungsbeamte angewiesen haben, dem mutmaßlichen Mörder Jakobs, Magnus G., mit körperlicher Gewalt zu drohen, falls dieser nicht den Aufenthaltsort des Elfjährigen verrate.

Bereits die Drohung mit Gewalt sei ein Verbrechen, betonte Endres. "Dieses Verbrechen ist auch nicht durch einen irgendwie gearteten Notstand gerechtfertigt." Der Anwalt forderte die Suspendierung des ganzen Vernehmungsteams. "Hier sind alle Grenzen des Rechtsstaats überschritten worden." Aussage-Erpressung sei nach Paragraf 343 Strafgesetzbuch strafbar. Die Staatsanwaltschaft ermittelt bislang nur gegen Daschner und einen weiteren Polizisten.

Daschner soll angeordnet haben, den mutmaßlichen Mörder notfalls zu foltern und ihm dies vorher anzudrohen, um den Aufenthaltsort des entführten Jakobs herauszufinden. Nach der Drohung mit physischer Gewalt eines "eigens dafür ausgebildeten Spezialisten", der bereits im Anflug sei, hatte er schließlich den späteren Leichenfundort in einem kleinen osthessischen Teich genannt. Vorher hatte er die Beamten mehrfach in die Irre geschickt. Endres zufolge ist dem Mann auch mit der Vergewaltigung durch Mitgefangene bedroht worden. Ein Beamter habe Magnus G. gedroht, er werde zu ihm "zwei große Neger" in die Zelle sperren. Sein mandant habe nach eigenen Worten große Angst bekommen.

Der Bund Deutscher Kriminalbeamter nahm den Polizei-Vize in Schutz. Es sei schließlich nicht darum gegangen, ein Geständnis zu erlangen, sondern den Aufenthaltsort des Jungen herauszubekommen und ihm möglicherweise in letzter Minute das Leben zu retten. Daschners Entscheidung sei sowohl vom Strafrecht als auch vom Polizeirecht gedeckt.

Für den Strafprozess spielten die Vorwürfe gegen die Polizisten allerdings keine Rolle, meinte Verteidiger Endres. "Den Prozess kann das in seinem Ablauf nicht behindern." Im Respekt vor dem Opfer und seiner Familie habe man bewusst einer richterlichen Nachvernehmung zugestimmt, in der der Verdächtige die Tat erneut zugegeben hatte. "Wir wollen keinen Indizien-Prozess." Die Staatsanwaltschaft will ihre Anklageschrift am Mittwoch vorstellen. Wegen der klaren Sachlage könnte es zu einem schnellen und kurzen Prozess kommen.

In der Untersuchungshaft hat sich der mutmaßliche Mörder auf sein erstes Staatsexamen vorbereitet. Das hessische Justizministerium bestätigte, dass der 27-Jährige am Mittwoch im Frankfurter Oberlandesgericht seine mündliche Prüfung ablegen will. Die schriftliche Prüfung hatte er bereits vor der Tat bestanden. Im Falle einer Verurteilung sei er aber für den Staatsdienst unwürdig. Der Anwaltsberuf könnte ihm nach einem bestandenen Examen hingegen wahrscheinlich nicht auf ewig verwehrt werden, hieß es bei der Frankfurter Rechtsanwaltskammer.



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