Moussaoui-Urteil "Er hat es verdient, im Gefängnis zu verrotten"

Eingesperrt in eine Zelle, ohne Kontakt zur Außenwelt – so soll Zacarias Moussaoui den Rest seines Lebens verbringen. Das Urteil im US-Terrorprozess zu den Anschlägen vom 11. September wurde von vielen Angehörigen der Opfer begrüßt. New Yorks Ex-Bürgermeister zeigte sich enttäuscht.


Alexandria/New York - "Ich war enttäuscht, als ich das Urteil gehört habe", sagte der ehemalige Bürgermeister von New York, Rudolph Giuliani. Er bedauere, dass der Angeklagte Zacarias Moussaoui nicht zum Tode verurteilt wurde. Allerdings räumte er ein, dass das Urteil ihn mit Stolz auf das amerikanische Rechtssystem erfülle. Auch US-Präsident George W. Bush sagte, Moussaoui habe einen "fairen Prozess" erhalten. Dieser sei damit abgeschlossen, nicht jedoch der "Kampf gegen den Terror".

Zacarias Moussaoui bei der Urteilsverkündung: Kein Kontakt zur Außenwelt 
DPA

Zacarias Moussaoui bei der Urteilsverkündung: Kein Kontakt zur Außenwelt 

Angehörige von Opfern der Anschläge reagierten mit gemischten Gefühlen auf das Jury-Votum: "Ich bin froh, dass dies der letzte Tag ist, an dem Moussaoui in den Schlagzeilen auftaucht", erklärte Carrie Lemack, deren Mutter bei den Anschlägen in einer der entführten Passagiermaschinen ums Leben kam. "Er hat es verdient, im Gefängnis zu verrotten", erklärte sie. "Ich bin froh, dass er nun kein Märtyrer wird", sagte eine weitere Angehörige eines Opfers.

Andere Verwandte dagegen äußerten ihre Enttäuschung über das Urteil: "Ich fühle mich von dem Land im Stich gelassen", erklärte Patricia Reilly, deren Schwester in einem der Flugzeuge starb. "In diesem Land kann man 3000 Leute umbringen und dafür nicht mit dem Leben bezahlen", sagte sie.

Die Mutter von Moussaoui, Aicha el-Wafi, erzählte einem französischen Radiosender gestern, sie fühle sich "tot" nach dem Urteil. "Ich fühle nichts, weil mein Sohn zu Unrecht verurteilt wurde. Das ist das schlimmste, was einer Mutter passieren kann."

Die Geschworenen hatten gestern ihr Urteil verkündet: lebenslange Haft für den Angeklagten - eine Entlassung ist nicht möglich. Als Moussaoui den Gerichtssaal kurz nach der Urteilsverkündung verließ, rief er den Anwesenden zu: "Amerika, du hast verloren." Dabei klatschte er in die Hände.

Eine letzte Gelegenheit zu einer öffentlichen Erklärung soll Moussaoui am heutigen Donnerstag erhalten: Dann wird die Vorsitzende Richterin Leonie Brinkema mit der offiziellen Verlesung des Strafmaßes den Prozess abschließen. Danach soll er in ein Gefängnis im US-Staat Colorado gebracht werden. Die Haftbedingungen sehen vor, dass Moussaoui keinerlei Kontakt zur Außenwelt erhalten soll.

Mit dem Urteil ist der 37-jährige Franzose der Todesstrafe, wie von der Staatsanwaltschaft gefordert, entronnen. In einem früheren Votum hatte die Jury erklärt, dass eine Verurteilung zum Tode im Fall Moussaoui prinzipiell möglich sei. Für eine solche Entscheidung wäre ein einstimmiger Beschluss nötig gewesen.

Gerichtssprecher Edward Adams wollte sich nicht dazu äußern, mit welcher Stimmenverteilung die neun Männer und drei Frauen ihren Beschluss über das Strafmaß trafen. Aber: Drei der Geschworenen seien der Ansicht gewesen, dass Moussaoui kaum Kenntnisse über die Anschläge vom 11. September hatte. Drei beschrieben seine Rolle als gering, falls er überhaupt eine gehabt haben sollte.

Der in Marokko geborene Moussaoui war einen Monat vor den Anschlägen in New York und Washington festgenommen worden. Er hat gestanden, sich an einer Verschwörung der Terrororganisation al-Qaida für eine Flugzeugentführung beteiligt zu haben. Seine Schuld stand damit schon vor den Beratungen der Geschworenen fest.

Für besonderen Aufruhr während seines Prozesses hatte Moussaoui am 27. März mit einer überraschenden Aussage gesorgt: Er selbst, so behauptete er, sollte an den Anschlägen mitwirken. Seine Aufgabe sei es gewesen, ein Flugzeug ins Weiße Haus zu steuern, das hätte er getan, wäre er nicht vorher festgenommen worden. Für Moussaouis Verteidiger war diese Aussage ein herber Rückschlag. Sie hatten sich im Laufe des Prozesses verstärkt bemüht, ihren Mandanten als geistig verwirrt erscheinen zu lassen.

str/fok/AP/AFP



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