Konstantin Wecker sagte einmal, er habe im Gefängnis Momente erlebt, in denen er glücklich wie nie gewesen sei. Der Liedermacher, der die Schule abbrach, früh von zu Hause ausriss, in den siebziger Jahren gegen die bürgerliche Moral ansang, ist zur Ruhe gekommen.
Als Konstantin Wecker das Ende des Satzes hört, protestiert er, als habe man ihn beleidigt: Er singt weiterhin bei Kundgebungen, tritt ein für Gerechtigkeit, Solidarität, soziales Handeln. Trotzdem ist er stiller geworden, reflektierter. "Es war wie ein Panzer, der einen vermeintlich schützt, hinter dem einen aber nichts mehr wirklich berührt", schrieb er über die Jahre, in denen er kokainsüchtig war. Und was kann es Schlimmeres geben für einen Künstler, als dass ihn nichts berührt?
Wecker hat zu sich gefunden, eine wichtige Rolle spielte dabei der Zen-Meister Bernard Glassman: Immer wieder beantwortet Wecker an ihn gerichtete Fragen mit Antworten, die Glassman ihm gab. Er erzählt, wie der Mentor ihn Demut lehrte.
SPIEGEL ONLINE: Herr Wecker, sind Sie ein demütiger Mensch?
Wecker: Werner Schneyder war mal bei mir, vor 20 Jahren. Wir haben kräftig Wein getrunken und kamen ein wenig in Streit. Ich sagte zu ihm: Du hast keine Ahnung von Demut, worauf Werner sagte, wenn einer demütig sei, dann er und nicht ich. Es schaukelte sich hoch bis wir uns gegenüber standen und anschrien: "Ich bin demütiger, nein ich bin demütiger." Unglaublich eitel. Wir haben uns totgelacht.
SPIEGEL ONLINE: Würden Sie sich heute, nüchtern, als demütigen Menschen bezeichnen?
Wecker: In vielen Dingen ja. Man ist demütig, wenn man weiß, dass man eine Begabung hat aber nicht weiß, woher sie kommt. Sie also ein Geschenk ist, das man sich nicht erarbeiten kann. Wenn ich mich ans Klavier setze und mir fällt eine Melodie nach der anderen ein, werde ich automatisch demütig, denn ich weiß, das ist nicht mein Verdienst.
SPIEGEL ONLINE: Schließt das Stolz aus?
Wecker: Man kann auf einen Roman stolz sein, den man erarbeitet hat. Aber eben nicht, dass man das Talent dazu hat. Und Demut betrifft ja nicht nur die guten Dinge: Bernie Glassman, ein Zen-Meister, mit dem ich eng befreundet bin, hat mir gesagt, dass man alles, was einem im Leben geschieht, als ein Geschenk auffassen sollte. Auch das Leidvolle. Das halte ich für richtig.
SPIEGEL ONLINE: Eine solch passive Lebenseinstellung erwartet man nicht von einem, der als Aufrührer gilt.
Wecker: Es ist gefährlich, wenn man gegenüber Mächtigen oder gegenüber der Deutschen Bank demütig ist, da braucht man ein gesundes Selbstbewusstsein. Im Mittelalter hat der Bischof auch verlangt, dass man ihm gegenüber demütig ist. Heute wissen wir, dass es ein machterhaltender Trick der Institution Kirche war.
SPIEGEL ONLINE: Der Demütige kann kein Rebell sein.
Wecker: Ich bin schon der Meinung, dass man gerade als Rebell wissen sollte, dass in vielen Bereichen des Lebens Demut angebracht ist. Man kann gegenüber dem Leben demütig sein, das kann einen anspornen, gerechter zu werden.
SPIEGEL ONLINE: Und als Künstler? Da passt doch eine demütige, passive Lebenseinstellung auch nicht so recht.
Wecker: Gottfried Benn hat einmal geschrieben: "Dumm sein und Arbeit haben, das ist Glück." Der Satz hat mich lange beschäftigt, denn er ist nicht zynisch gemeint, da sprach eine große Sehnsucht aus ihm. Doch ich bin zum Ergebnis gekommen, dass diese Art der Zufriedenheit, der Passivität, nicht erstrebenswert ist. Um es mit Thomas Mann zu sagen: "Ein Spießer ist jemand, der seine Unzulänglichkeit erkennt und sich darin wohlfühlt." Das kann man als Künstler tatsächlich nicht. Für mich sind Wut und Empörung notwendige Voraussetzungen, um Kunst zu machen. Das schließt nicht aus, zugleich demütig zu sein.
SPIEGEL ONLINE: Braucht es die Erfahrung des Scheiterns, um demütig zu werden?
Wecker: In meinem Leben gab es ein öffentliches Scheitern, das jeder kennt. Es gab aber weit mehr Momente, in denen ich mich falsch verhalten oder entschieden habe.
SPIEGEL ONLINE: Welche waren das zum Beispiel?
Wecker: Das möchte ich gerne außen vor lassen. Ich bin auf sie erst gestoßen, als ich mich ein halbes Jahr lang mit meinen autobiografischen Notizen für das Buch "Die Kunst des Scheiterns" beschäftigt habe. Diese Einsicht ist sicherlich Voraussetzung dafür, demütig zu sein.
SPIEGEL ONLINE: Wie ist es mit Ruhm? War er für Sie nicht auch ein Grund, sich auf die Bühne zu stellen?
Wecker: Ruhm macht nicht glücklich. Er befriedigt die Eitelkeit, aber er kommt von außen. Ich habe neulich lange mit Freunden über Whitney Houston gesprochen: Die hatte viereinhalb Oktaven drauf, ein Gottesgeschenk, praktisch unfassbar. Warum scheitern gerade solche Menschen immer am Leben?
SPIEGEL ONLINE: Haben Sie eine Antwort darauf? Ihnen ging es selbst schlecht: Sie nahmen jahrelang Drogen und landeten im Gefängnis.
Wecker: Ich bin ein Fan des Tenors Jussi Björling. Der soll sich auch zu Tode gesoffen haben. In meiner schlimmsten Zeit habe ich mit einem Freund Björling gehört und gesagt: Dieser Idiot, mit einer solchen Stimme säuft man sich doch nicht zu Tode! Da schaute mich mein Freund groß an und ich wusste, dass ich genauso über mich sprechen kann. Es fällt einem aber nicht ein, man spricht über andere.
SPIEGEL ONLINE: Weil Sie keine Einsicht hatten?
Wecker: Ja. Ganz ähnlich war es mit meinen Liedern, als ich meine Bühnenkarriere begann: Das Interessante war ja in dieser Zeit, dass ich Texte geschrieben habe, die mir weit voraus waren, sie waren klüger als ich. Ich war ein Mann, dessen Verhalten völlig im Gegensatz stand zu den poetischen Liebesliedern, die er geschrieben hat. Viele haben damals zu mir gesagt: Du und deine Lieder, ihr passt nicht zusammen. Das hat mich geärgert, aber es hat gestimmt. Aber gelogen habe ich mit meinen Liedern nie. Gelogen habe ich mit meiner Lebensweise.
SPIEGEL ONLINE: Die zwei Charaktere des Konstantin Wecker: Der handelnde und der dichtende?
Wecker: Was ich schreibe kommt aus dem Innersten heraus. Das lasse ich nur raus. Und darin sind Dinge enthalten, die ich von mir noch nicht weiß und noch nicht ausführen kann.
SPIEGEL ONLINE: Manch alter Text klingt heute auf ganz andere Art prophetisch: Sie sangen schon 1977 "Auf den Dächern hockt ein satter Gott und predigt von Genügsamkeit". Über 30 Jahre später forderte der Europa-Chef von Goldman Sachs, Alexander Dibelius, die Investmentbranche brauche "mehr kollektive Demut". Spüren Sie eher Genugtuung oder Verzweiflung?
Wecker: Es war absehbar. Noch vor 15 Jahren ist man unglaublich verlacht worden, wenn man es gewagt hat, die neoliberale Ideologie in Frage zu stellen. Jetzt ist es anders, man wird ernst genommen. Insofern empfinde ich schon Genugtuung. Es mischt sich jedoch ein Gefühl von Ohnmacht darunter. Meine Aufgabe ist es als Künstler, Mut zu machen. Und der steckt ja auch in Demut.
Das Interview führte Birger Menke
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