Mutmaßlicher Islamist Robert B. Der verlorene Sohn

Robert B. trug lange Gewänder, träumte vom Paradies und nannte sich Abdul Hakiim. Dann wurde er mit seinem Freund in Dover festgenommen, im Gepäck hatten sie Anleitungen zum Bombenbau. Ein Besuch bei Roberts Mutter.

Von , Solingen


Eine Mutter täuscht sich nicht, sagt Marlies B. Eine Mutter spürt, wenn das eigene Kind auf Abwege gerät. Nur deshalb ruft Marlies B. im Oktober 2010 den Staatsschutz an und fragt, ob sie sich um ihren Sohn Sorgen machen müsse.

Ihr Robert ist zu diesem Zeitpunkt nicht mehr der Alte. Er ist zum Islam konvertiert, verzichtet auf Schweinefleisch und Alkohol und marschiert in einem bodenlangen Gewand durch Solingen, auf dem Kopf trägt er wie immer seine gestrickte Wollmütze. Sie selbst habe ihn so nie gesehen, sagt Marlies B. Aber Bekannte sprachen sie an, es war ihr peinlich. Und es machte ihr Angst.

Als sie nichts mehr von ihrem Sohn hört, ihn weder auf dem Handy noch in seiner Wohnung erreicht, holt sie Ende Juli auf der Bank seine Kontoauszüge. Robert hat ihr vor Jahren eine notariell beglaubigte Generalvollmacht ausgestellt. Ein Flug für 447 Euro ist abgebucht worden. "Bei mir schrillten alle Alarmglocken." Marlies B. fährt zum Staatsschutz nach Wuppertal.

"Ihrem Sohn geht es gut", tröstet sie ein Beamter, sie solle noch kurz auf dem Flur Platz nehmen. Marlies B. ahnt Ungutes. Eine Mutter spürt das, sagt sie. Zwei weitere Beamte steigen die Treppe hoch, sie haben soeben Roberts Wohnung durchsucht. "Ihr Sohn sitzt seit dem 15. Juli in London im Gefängnis."

Mit Christian E., ebenfalls ein Konvertit aus Solingen und mehrfach vorbestraft, war er mit der Fähre nach Dover gekommen. Bei der Grenzkontrolle erklärten die beiden, sie hätten ursprünglich geplant, von Brüssel aus nach Ägypten zu fliegen, doch die Tickets seien ihnen zu teuer gewesen, nur darum seien sie nach Großbritannien gefahren.

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Robert B.: "Mutti, ich würde nie einen Menschen umbringen"
Eine hanebüchene Geschichte. Zollbeamte durchsuchten das Gepäck und fanden Handbücher für Dschihadisten, die Bombenbau-Anleitung "How to make a bomb in the kitchen of your mother" sowie den Aufsatz "39 Ways to support Jihad" des radikalen Predigers Anwar al-Awlaki - alles islamistisches Propaganda-Material der Qaida. Die beiden Deutschen kommen nach Belmarsh, ein Hochsicherheitsgefängnis im Süden Londons. Isoliert in einer Einzelzelle.

"Ich befürchte, dass die englische Justiz so hart durchgreift wie bei den jüngsten Krawallen, und das wollen wir verhindern", sagt Roberts Rechtsanwalt Burkhard Benecken. In England drohen seinem Mandanten bis zu zehn Jahre Haft, nach deutschem Recht hat er sich nicht strafbar gemacht. An diesem Dienstag fliegt Benecken mit Roberts Mutter nach London. Für sie ist es der erste Besuch seit der Festnahme ihres Sohnes.

"Hochkriminelles Schwein"

Marlies B. stammt aus der ehemaligen DDR. Seit ihrem 13. Lebensjahr habe sie mit der Stasi zu tun gehabt, sagt sie. Die Bäckerei der Eltern war verwanzt, der Vater floh 1969 in den Westen. Sie selbst wurde auf der Flucht erwischt, saß sieben Wochen in Görlitz in Untersuchungshaft, danach ein Jahr im Gefängnis in Hohenleuben.

Sie war eine der 33.755 politischen Häftlinge, die von der Bundesrepublik freigekauft wurden. Am 13. März 1985 kam sie erst ins Auffanglager nach Gießen, dann nach Unna und schließlich in ein Übergangsheim in Solingen. Hier lernte sie Roberts Vater kennen, einen 15 Jahre älteren, selbständigen Schleifer, bei dem sie lernte. Später heirateten sie.

Marlies B. ist 57 Jahre alt, eine kleine Frau mit durchdringenden, blauen Augen hinter einer Brille, die Haare schwarz gefärbt, der Pony zu kurz. Tiefe Narben zeichnen ihr Gesicht, Erinnerungen an ein trauriges Leben in der DDR. Im Rausch hatte ihr der erste Ehemann, ein "hochkriminelles Schwein, das in allen DDR-Knästen saß", eine volle Sektflasche an den Kopf geknallt. Damals sei sie fast gestorben, sagt Marlies B.

Roberts Vater war, so sagt sie, der erste Mann, der gut zu ihr war. Er starb nach 46 Jahren an der Schleifmaschine an Lungenkrebs, drei Tage vor Roberts 13. Geburtstag. Er hat ihn sehr vermisst.

Robert, der schon als Kind kaum Anschluss findet, gehänselt und über den Schulhof gejagt wird, ist ein Außenseiter. Nach der neunten Klasse verlässt er die Schule. 2005, als er 17 Jahre alt ist, geht er mit der Einwilligung seiner Mutter zur Bundeswehr, will sich verpflichten und meldet sich freiwillig für Afghanistan. Er träumt davon, im Panzer zu fahren. Doch zunächst landet er in der Schreibstube. Als ihm der Dienst zu langweilig wird, verbreitet er rechtsradikale Parolen im Internet, über sein Bett hängt er ein Hitler-Bild. Er muss die Bundeswehr verlassen.

Er holt seinen Realschulabschluss nach, im Sommer 2010 schließt er seine Lehre als Fachlagerist ab. Doch er wird nicht übernommen. Längst hat Robert andere Pläne.

"Nicht so extrem"

Im Januar 2009 ist er zum Islam konvertiert. Beiläufig erzählt er es der Mutter beim Mittagessen. Wer ihn dazu ermunterte, die Mutter weiß es nicht. Sie sei "in Lauerstellung" gegangen, sagt sie. Doch Robert habe die lockigen Haare ganz kurz getragen, sich weder einen Bart wachsen noch sonst etwas anmerken lassen. "Er kam mir nicht so extrem vor", sagt sie. Bemerkungen, sie solle sich in ihrer Religion "umorientieren", ein Kopftuch oder gar eine Burka zu Hause tragen, tut sie als dummes Geschwätz ab. Sie ahnt nicht, dass er sich bereits Abdul Hakiim nennt.

Im Oktober bricht er mit anderen Muslimen nach Alexandria auf. "Ich will Arabisch lernen, um meinen Glauben leben zu können", sagt er. Die Mutter alarmiert den Staatsschutz. Beamte statten Robert einen Besuch ab. Bis heute weiß er nicht, dass seine Mutter dahinter steckt, wie sie sagt. Man behalte ihn im Visier, beruhigen sie die Beamten. Wegen der Unruhen wird er am 1. Februar 2011 mit einer Sondermaschine aus Ägypten geflogen.

Am Telefon kündigt er sich bei seiner Mutter an. Marlies B. kocht Spaghetti Bolognese - mit Rindfleisch, nach islamischen Riten geschlachtet von einem speziellen Metzger aus Solingen. Das hat ihr der Sohn aufgetragen. Zwei Nächte schläft er bei ihr in der Wohnung mit dem roten Ledersofa, den roten Vorhängen und der rot-weiß gestreiften Tapete. Dann zieht er aus, lebt von Hartz IV.

Er gibt vor, in der kleinen Bude zu leben, die er sich gesucht und für die die Mutter ausrangierte Möbel von Freunden organisiert hat. Tatsächlich wohnt er in der Moschee in einem Hinterhof an der Konrad-Adenauer-Straße, übernachtet auch dort. "Diese Menschen dort sind die einzigen, die ins Paradies kommen", sagt er der Mutter. Dieser Satz ist ein Schock für sie. Ausgerechnet ihr Robert, den sie nicht taufen ließ, damit er sich als Erwachsener selbst entscheiden könne, an wen er glauben will. Jetzt hat er sich entschieden, die Mutter ist entsetzt.

Robert geht auf Distanz. Wenn ihn seine Mutter ins Kreuzverhör nimmt, lügt er sie an. "Vielleicht wollte er mich auch nicht ängstigen." Sie klingt verzweifelt und macht sich Vorwürfe.

"Mutti, mach dir keine Sorgen"

Robert steht jeden Tag um 5.30 Uhr auf, um zu beten, so erzählt er es der Mutter. Er gaukelt ihr vor, einen Job zu suchen. Bei ihr kommt er nur noch vorbei, um seine Post zu holen. Manchmal lässt er Bemerkungen fallen wie: "Die Frauen von heute sind Flittchen." Manchmal lässt er Heftchen der Salafisten in arabischer und deutscher Schrift unter der Tischdecke liegen. "Nicht jeder Salafist ist ein Terrorist, aber fast alle Terroristen, die wir kennen, hatten Kontakt zu Salafisten oder sind Salafisten", sagt der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Heinz Fromm.

Den Mut, die Mutter von seinen Absichten zu überzeugen, hat Robert nicht. Spricht sie ihn auf seinen Lebenswandel an, sagt er: "Mutti, du musst dir keine Sorgen machen. Ich würde nie einen Menschen umbringen." Sie trägt die Flyer zum Papiercontainer.

Heute weiß sie, dass er vor seiner Reise nach Dover in Köln und Bonn war, dort Moscheen besuchte. Dass er zu einer Veranstaltung von Pierre Vogel nach Hamburg flog und dass der Wanderprediger mit Marktschreier-Qualitäten für ihren Robert ein Idol war.

"Es gibt auch Hinweise, dass Robert B. von Ibrahim Abou Nagie beeinflusst wurde. Er ist der Chef der Bewegung 'Die wahre Religion', der unter radikalen Muslimen bestens bekannt ist", sagt Benecken, Roberts Anwalt. "Wenn das stimmt, war mein Mandant fremdbestimmt."

Marlies B.s Kampfeswille ist ungebrochen. "Die Stasi hat mich nicht geschafft, die Salafisten werden mich nicht schaffen!" Wenn Robert wieder bei ihr ist, will sie ihm keine Vorwürfe machen. Vielleicht habe er bei den Islamisten nur eine zweite Familie gesucht. Im Gefängnis allerdings habe Robert als erstes nach seiner "Mutti" gefragt.



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