Mutmaßlicher NSU-Unterstützer Ralf Wohlleben: Kameradenpost aus dem Knast

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Inhaftierter Ralf Wohlleben: "Freiheit für Wolle" Fotos

Für den bevorstehenden NSU-Prozess herrscht höchste Sicherheitsstufe - auch weil die Behörden mit Aufruhr aus der rechtsextremen Szene rechnen. Der Beistand für die Angeklagten ist ungebrochen. Vor allem Ralf Wohlleben steht im Fokus.

Der bekannte Thüringer Neonazi Thomas G. twitterte vergangene Woche: "Die Antifa mobilisiert schon fleißig für den Schauprozess nächste Woche! Noch ein Grund mehr für die Devise: SOLIDARITÄT! Auf nach MÜNCHEN!" Nun wurde die Verhandlung vor dem Oberlandesgericht München (OLG) zwar verschoben, doch es ist weiterhin anzunehmen, dass zum Auftakt am 6. Mai Rechtsextremisten den Weg in die bayerische Landeshauptstadt suchen werden.

Viele Verfahrensbeteiligte sind deshalb in Alarmbereitschaft. Es gibt Rechtsanwälte, die nehmen seit Wochen keine neuen Mandate mehr an, weil sie befürchten, von vermeintlichen Kunden ausspioniert zu werden. Manfred Götzl, der Vorsitzende Richter im NSU-Verfahren, soll seit Wochen aus Sicherheitsgründen die Öffentlichkeit meiden.

Außer Beate Zschäpe müssen sich im NSU-Verfahren auch Neonazis vor Gericht verantworten, die seit Jahrzehnten in der Szene einen Namen haben: André E. aus Sachsen und Ralf Wohlleben aus Thüringen. Wohlleben wird Beihilfe zu sechs Morden vorgeworfen, er soll der Terrorzelle eine Schusswaffe besorgt haben. Er ist der einzige mutmaßliche NSU-Helfer, der seit seiner Inhaftierung im November 2011 in Untersuchungshaft sitzt.

Der Rückhalt seiner Gesinnungsgenossen scheint grenzenlos, so dass seine Haftbedingungen in der Justizvollzugsanstalt (JVA) im thüringischen Tonna im Landkreis Gotha Anfang September 2012 verschärft werden mussten. Inhaftierte Gesinnungsgenossen hatten "Wolle", so sein Spitzname, gefeiert und hofiert. Es soll über Mittelsmänner zum Austausch von Kassibern gekommen sein.

So soll es einen steten Briefwechsel zwischen Wohlleben und Steffen R. gegeben haben, wie die Website Blick nach rechts berichtete. Demnach adressierte Steffen R. seine Schreiben an einen Häftling, der sie bei Hofgängen oder anderen Möglichkeiten Wohlleben zusteckte.

Der geheime Postweg blieb keine Einbahnstraße: Wohlleben soll auf dem gleichen Weg Steffen R. Anweisungen gegeben haben, was aus dem von ihm mitbegründeten "Braunen Haus" in Jena werden soll, das im Rahmen einer großangelegten Razzia im Juni 2012 durchsucht worden war. Im Rahmen dieser Polizeiaktion war Steffen R. kurzzeitig festgenommen worden wegen "Straftatvorbereiten einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat". Er soll gemeinsam mit Marco Z., 34, einen Anschlag geplant haben.

Wohlleben soll Flucht geplant haben

Steffen R., 29, ist Chef des Kaders "Freies Netz Saalfeld", er organisierte Solidaritätsveranstaltungen für den inhaftierten Wohlleben und steht in engem Kontakt mit dessen Ehefrau Jasmin*.

Steffen R., wohnhaft in Saalfeld, kandidierte 2009 bei der Thüringer Landtagswahl für die NPD, er mischt bereits seit seinem 12. Lebensjahr in der Szene mit, gilt als Größe in der Thüringer Neonazi-Szene. Für Juni hat er als Organisator den "12. Thüringentag der Nationalen Jugend" angemeldet. Er rechne mit 300 Teilnehmern, teilte R. der Stadtverwaltung Kahla mit.

Dass Steffen R. seinem Kameraden Wohlleben geheime Nachrichten zukommen ließ, erfuhr die Thüringer Polizei nur durch Zufall. Staatsschützer hatten Steffen R. über Wochen abgehört, wie der MDR in Thüringen am Mittwoch berichtete. In einem dieser Gespräche habe der Abgehörte erwähnt, dass Wohlleben von draußen Botschaften in das Gefängnis zugespielt würden. Sie würden einem Kleinkriminellen gegeben, der ebenfalls in Tonna einsitze. Dieser werde aber nicht so streng bewacht wie Wohlleben.

Über diesen Häftling gelangten die Botschaften dann an den mutmaßlichen NSU-Unterstützer. Laut "Zeit" soll Wohlleben auf diesem Weg auch versucht haben, auf Zeugen und Mitbeschuldigte einzuwirken und sogar einen Fluchtversuch zu organisieren.

Die Thüringer Behörden informierten das Bundeskriminalamt (BKA). Wohlleben wurde daraufhin Anfang Oktober vergangenen Jahres von der JVA Tonna in die JVA Stadelheim in München, einem der größten Gefängnisse Deutschlands, verlegt. Hier sitzt seit März auch Beate Zschäpe in Untersuchungshaft.

Die Idee, inhaftierte Rechtsextremisten über Gefängnismauern hinweg in die Szene zu integrieren, ist alt: Bis 2011 existierte die als verfassungsfeindlich eingestufte und verbotene "Hilfsorganisation für nationale politische Gefangene und deren Angehörige e. V." (HNG). Auch Beate Zschäpe hatte sich engagiert und "politische" Häftlinge der rechten Szene in Gefängnissen besucht.

*Name geändert

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1. optional
aeronaut79 17.04.2013
Wieso sollte der Beistand auch gebrochen sein? Das Urteil wird durch ein Gericht ausgesprochen und nicht durch die Medien.
2. Alle für einen?
Björn Borg 17.04.2013
Zitat von aeronaut79Wieso sollte der Beistand auch gebrochen sein? Das Urteil wird durch ein Gericht ausgesprochen und nicht durch die Medien.
Hätte ja mal sein können, dass sich wenigstens einige Personen in der rechten Szene von eiskalten Mördern angewidert abwenden. Es wird ihrer Stellung in der Gesellschaft hoffentlich nicht bekommen, dass sie es nicht tun.
3. @aeronaut79
luistrenker 17.04.2013
@aeronaut79: Und was soll uns dieser Kommentar sagen?
4.
Wildes Herz 17.04.2013
Zitat von aeronaut79Wieso sollte der Beistand auch gebrochen sein? Das Urteil wird durch ein Gericht ausgesprochen und nicht durch die Medien.
...als ob der Beistand von Nazis davon abhinge, wie ein rechtskräftiges Urteil des bei ihnen so verhassten Staates (Szenejargon: "Systemjustiz" / "Judenrepublik") ausfällt! Oder meinen Sie etwa ernsthaft, der Beistand wird weniger, wenn er verurteilt wird...?!
5. Wo ist die...
Tungay 17.04.2013
...Straftat? Rechte reden miteinander, wenn ich mich nicht irre ist das ein Menschenrecht. Ausnahme ist die Vorbereitung oder Verdunkelung einer Straftat, aber auch dann nur temporär. Kann es sein, dass die einzige Straftat die Unterdrückung der Kommunikation ist?
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