Mutmaßlicher Selbstmord in Polizeizelle Asylbewerber war gefesselt

Der Tod eines Asylbewerbers in einer Polizeizelle in Dessau beschäftigt die Ermittler in Sachsen-Anhalt. Nachdem zunächst vermutet wurde, der 21-Jährige aus Sierra Leone habe sich selbst angezündet, sind jetzt Zweifel aufgekommen: Der Mann soll einem Zeitungsbericht zufolge gefesselt gewesen sein.


Dessau - Unmittelbar nach dem Vorfall vom 7. Januar waren die Dessauer Behörden offiziell noch von einem Suizid ausgegangen. Der in Gewahrsam genommene Oury Jalloh habe sich selbst in der Polizeizelle angezündet, hieß es damals. An dieser Version gibt es jedoch inzwischen ernst zu nehmende Zweifel. Laut Informationen der "Mitteldeutschen Zeitung", soll der 21-Jährige während des Brandes an ausgestreckten Händen und Beinen fest angebunden gewesen sein. Überdies seien bei der Obduktion der Leiche des Mannes Brüche an beiden Handgelenken festgestellt worden.

"Der Mann war fixiert", bestätigte ein Sprecher der Ermittlungsbehörde jetzt den Zeitungsbericht. Wie der Westafrikaner trotz gefesselter Hände und Füße mit einem Feuerzeug die Matratze in seiner Arrestzelle anzünden konnte, sei unklar. Jan Wätzold von der "Mitteldeutschen Zeitung" sagte SPIEGEL ONLINE, die Leiche des Asylbewerbers sei in ausgestrecktem Zustand gefunden worden. Dies könne ein Hinweis darauf sein, dass der Afrikaner - wie zu Beginn der Ermittlungen vermutet - mit Handschellen an seine Pritsche gefesselt worden war. Nach Wätzolds Informationen war die Wechselsprechanlage zwischen Zelle und Revierbereich bei Ausbruch des Feuers ausgeschaltet. Laut einem Gutachten der Staatsanwaltschaft Dessau, das Anfang kommender Woche veröffentlicht werden soll, habe der Rauchmelder allerdings einwandfrei funktioniert.

Der Innenausschuss des Landtages hat mittlerweile rasche Aufklärung gefordert. Der PDS-Angeordnete Matthias Gärtner forderte, die Öffentlichkeit müsse umgehend darüber informiert werden, was tatsächlich vorgefallen sei. Jede weitere Verzögerung wäre ein Nährboden für Spekulationen und Vermutungen, an denen keinem gelegen sein könne.

Der Asylbewerber aus Afrika befand sich den Angaben zufolge in Gewahrsam, weil er mehrere Frauen belästigt und Widerstand gegen die alarmierten Polizeibeamten geleistet haben soll. Das Feuer sei aus ungeklärter Ursache ausgebrochen, hieß es zunächst. Ein Beamter habe versucht, die Flammen zu löschen, sei aber nicht mehr in die Zelle gelangt. Wegen der starken Rauchentwicklung sei für den Mann jede Hilfe zu spät gekommen. Bei den folgenden Untersuchungen entdeckten die Spezialisten des Landeskriminalamtes Magdeburg die Reste eines Feuerzeuges. Kurz nach dem Brand in der Zelle hatte die Polizei zwei Dienst habende Beamte vorübergehend versetzt.

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