In gesunkenem Schiff überlebt Okenes blaues Wunder

Plötzlich bewegt sich eine Hand im Wasser: Filmaufnahmen zeigen die spektakuläre Rettung eines Schiffskochs, der zuvor drei Tage lang im Wrack eines gesunkenen Schleppers ausgeharrt hatte. Überlebt hatte er dank einer Luftblase in 30 Metern Tiefe.

AP/ DCN Diving

Von Rainer Leurs


Lagos/Hamburg - Als virales Video geht sie um die Welt, die Rettung des Schiffskochs Harrison Odjegba Okene. Merkwürdig verzerrt klingt die Stimme des Bergungstauchers, der sich auf der Suche nach Todesopfern durch den Rumpf des gesunkenen Schleppers "Jascon 4" arbeitet. Da taucht im milchig-trüben Atlantikwasser plötzlich eine Hand auf - und packt nach den Fingern des erschrockenen Tauchers. "Er lebt! Er lebt!", schreit jemand im Kontrollraum.

Drei Tage lang hatte der Nigerianer Okene zuvor unbemerkt ausgeharrt, in 30 Metern Tiefe an Bord seines versunkenen Schiffes. Am Meeresgrund überlebte er, weil sich im Wrack eine Luftblase gebildet hatte. Es war eine Rettung, so unwahrscheinlich, dass heute viele von einem Wunder sprechen.

Ereignet hatte sich das Schiffsunglück bereits Ende Mai. Bei einem Einsatz vor der Küste Nigerias war die "Jascon 4" plötzlich gekentert und gesunken. Elf Besatzungsmitglieder starben - nur Okene konnte sich in eine Kabine retten, in der ein letzter Vorrat Atemluft gefangen war. Bekleidet nur mit einer Unterhose, betete er nach eigenen Angaben um ein Wunder.

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Rettung aus gesunkenem Schlepper: "Er lebt! Er lebt!"
Tage später wurden Taucher der Bergungsfirma DCN Diving zu dem Wrack geschickt. Vier Tote hatten sie bereits aus dem Schlepper gezogen, als auf dem Monitor im Kontrollraum Okenes Hand auftauchte - und allen Beteiligten einen enormen Schrecken einjagte, wie Tony Walker sagt, der Projektmanager der Firma. Von DCN Diving stammt auch das Video, das die Rettungsaktion in voller Länge zeigt; erst sechs Monate nach dem Vorfall veröffentlichte das Unternehmen das Material.

"Den Blutdruck möchte ich nicht haben"

Einer, der die Filmaufnahmen gesehen hat, ist Bernhard Messer, Geschäftsführer der Bergungsfirma Opus Marine in Hamburg. "Hammerhart" sei die Geschichte des Nigerianers, sagt er - und richtet sein Mitgefühl auch an den Taucher, nach dessen Hand der Schiffskoch gegriffen hatte: "Den Blutdruck möchte ich nicht haben!"

Theoretisch hoffe man bei Schiffsunglücken immer auf eine Luftblase, in der Menschen überlebt haben könnten, sagt der Bergungsexperte. "Aber es ist sehr unwahrscheinlich." Bemerkenswert an Okenes Fall sei vor allem die große Wassertiefe, in der der Nigerianer eingeschlossen war. Messer zufolge ist es das erste Mal, dass es bei einem solchen Unglück einen Überlebenden gibt.

Zugute kam dem Schiffskoch dabei womöglich das schnelle Durchkentern des Schleppers, der kopfüber in den Fluten des Atlantik versank. Die Wahrscheinlichkeit für eine Luftblase sei höher, wenn das Kentern zügig vonstatten gehe, sagt Messer. "Sie können das mal mit einem Zahnputzbecher in der Badewanne versuchen", empfiehlt er. "Je schneller Sie den Becher stürzen, desto eher bleibt Luft darin."

In Okenes Fall wurde diese allerdings enorm komprimiert: In 30 Metern Tiefe habe die Atemluft durch den Druck des umliegenden Wassers nur noch ein Achtel ihres normalen Volumens, sagt Messer. Überleben könne man damit trotzdem - kritisch sei eher die Wassertemperatur. Okene, der in Boxershorts auf seine Retter wartete, hätte demnach in Nord- oder Ostsee schlechte Chancen gehabt. "Drei Tage überleben Sie nicht in kaltem Wasser", sagt Messer.

Mit Material von AP

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insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
roflxd 04.12.2013
1.
Der Mann wartete auf seinen Tod... eine absolute Horrorvorstellung. Ein Wunder, dass er nicht durchgedreht ist.
ratio_legis 04.12.2013
2. Unbelievable
Zitat von sysopDCN DivingPlötzlich bewegt sich eine Hand im Wasser: Filmaufnahmen zeigen die spektakuläre Rettung eines Schiffskochs, der zuvor drei Tage lang im Wrack eines gesunkenen Schleppers ausgeharrt hatte. Überlebt hatte er dank einer Luftblase in 30 Metern Tiefe. http://www.spiegel.de/panorama/nach-schiffsunglueck-koch-ueberlebt-drei-tage-am-meeresgrund-a-937111.html
Das ist doch mal eine gute Nachricht. Hätte er sich eher herausgewagt, wäre er vielleicht ein Opfer von Haien geworden. Außerdem: ist es weniger aussichtsreich auf offener See, 20 Km von der Küste entfernt auf Hilfe zu warten. 30 Meter aufzutauchen kann man vielleicht schaffen, auch ist die Gefahr der Taucherkrankheit bei dieser Marke gerade noch überschaubar, aber genau das wußte er ja nicht, wie tief es an der Stelle des Unglücks ist. Dieser Mann hat alles richtig gemacht, und er hat verdammt viel Glück gehabt. Bewegend !
Whitejack 04.12.2013
3.
Zitat von sysopDCN DivingPlötzlich bewegt sich eine Hand im Wasser: Filmaufnahmen zeigen die spektakuläre Rettung eines Schiffskochs, der zuvor drei Tage lang im Wrack eines gesunkenen Schleppers ausgeharrt hatte. Überlebt hatte er dank einer Luftblase in 30 Metern Tiefe. http://www.spiegel.de/panorama/nach-schiffsunglueck-koch-ueberlebt-drei-tage-am-meeresgrund-a-937111.html
Das grenzt in der Tat schon an ein Wunder, dass jemand so etwas überleben kann. Hätte nicht gedacht, dass es überhaupt theoretisch möglich ist; der erwähnte Zahnputzbecher muss ja innerhalb von Sekundenbruchteilen gedreht werden, damit das klappt. Eine Sache allerdings verwundert mich gerade: 30 Meter Wassertiefe entspricht etwa 3 bar Druck, d.h. zusammen mit dem normalen Außendruck von 1 bar sind es 4 bar Druck. Bei Vernachlässigung von Temperatureffekten (auf ein paar Grad kommt es hier nicht an) gilt pV=const., d.h. das Produkt aus Druck und Volumen ist konstant. Wenn der Druck von 1 auf 4 bar steigt, muss das Volumen also auf ein Viertel schrumpfen und nicht ein Achtel. Oder übersehe ich etwas?
Neapolitaner 04.12.2013
4. "Überschaubar" in die Deko-Kammer
Zitat von ratio_legisDas ist doch mal eine gute Nachricht. Hätte er sich eher herausgewagt, wäre er vielleicht ein Opfer von Haien geworden. Außerdem: ist es weniger aussichtsreich auf offener See, 20 Km von der Küste entfernt auf Hilfe zu warten. 30 Meter aufzutauchen kann man vielleicht schaffen, auch ist die Gefahr der Taucherkrankheit bei dieser Marke gerade noch überschaubar, aber genau das wußte er ja nicht, wie tief es an der Stelle des Unglücks ist. Dieser Mann hat alles richtig gemacht, und er hat verdammt viel Glück gehabt. Bewegend !
Nach mehreren Stunden unter 4fach atmosphärischem Druck ist Dekompression Pflicht. Also ab in die Druckkammer. Selbst versuchen aufzutauchen wäre ein max. Risiko gewesen schon aufgrund der Dekompression. Er hätte zwar 30 m schaffen können, sofern der Ausstieg an der Luftblase beginnt. Aber im dunklen Wrack unter Wasser nach einem Ausgang zu suchen - das wäre selbstmörderisch gewesen; wahrscheinlich hätte er sich verirrt oder verfangen und wäre jämmerlich ertrunken. Das Abwarten in der Luftblase war "alternativlos", zudem er durch Auftauchen einen wahrscheinlich tödlichen Dekompressionsunfall erlitten hätte.
ratio_legis 04.12.2013
5. Alles gut
Zitat von NeapolitanerNach mehreren Stunden unter 4fach atmosphärischem Druck ist Dekompression Pflicht. Also ab in die Druckkammer. Selbst versuchen aufzutauchen wäre ein max. Risiko gewesen schon aufgrund der Dekompression. Er hätte zwar 30 m schaffen können, sofern der Ausstieg an der Luftblase beginnt. Aber im dunklen Wrack unter Wasser nach einem Ausgang zu suchen - das wäre selbstmörderisch gewesen; wahrscheinlich hätte er sich verirrt oder verfangen und wäre jämmerlich ertrunken. Das Abwarten in der Luftblase war "alternativlos", zudem er durch Auftauchen einen wahrscheinlich tödlichen Dekompressionsunfall erlitten hätte.
Ja, ich meinte natürlich unmittelbar nach dem Absinken. Nach so langer Zeit (72h) ist die Druckkammer natürlich Pflicht. Außerdem würde man, wenn die Technik zur Verfügung steht, IMMER die sichere Variante wählen. Man darf ja nicht vergessen, dass wir im nachhinein einen Wissensvorsprung wie auch einen besseren Überblick über die Ereignisse haben. Sie schreiben, das Warten sei alternativlos gewesen. Was aber wenn sich der Hohlraum durch Schaukeln des Bootes (Unterwasserströmungen) auch noch mit Wasser gefüllt hätte. Er konnte nicht wissen, was geschehen würde und musste eine Entscheidung treffen, es scheint die richtige gewesen zu sein.
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