Nachbarschaftshilfe für Haiti Engel mit Bleifuß

Manchmal hilft ein rasanter Fahrstil, um ein Menschenleben zu retten, manchmal braucht es Bulldozer, um die Notleidenden zu unterstützen. Obwohl viele Dominikaner ihre Nachbarn im Westen fürchten, helfen sie, wo sie können, so wie Donni Santana Cuevas oder Robson Sosa.

Aus Jimaní berichtet

Erdbebenopfer in Jimani: Glücklicherweise gibt es die Dominikanische Republik
dpa

Erdbebenopfer in Jimani: Glücklicherweise gibt es die Dominikanische Republik


Es war Donnerstagmittag, keine 48 Stunden nach der Stunde Null. Die Uno-Soldaten in Port-au-Prince verharrten in Schockstarre, die Maschinerie der internationalen Hilfsorganisationen stockte. Nur Donni Santana Cuevas, "Subdirektor der Generaldirektion für Grenzentwicklung" der Dominikanischen Republik, dirigierte fluchend und schwitzend einen Hilfskonvoi von der Grenze nach Port-au-Prince. Der dominikanische Ex-Diplomat, ein dicker, redseliger Mann mit Goldkettchen, brachte keine humanitäre Hilfe. Er brachte Bulldozer.

Vor dem Erdbeben gab es in Haiti kaum Bagger oder Planierraupen - also ausgerechnet jenes Gerät, das man am dringendsten braucht, wenn man eine vom Erdbeben zerstörte Stadt aufräumen muss. Aber glücklicherweise gibt es die Dominikanische Republik und die rund 400 Kilometer lange Landgrenze.

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Haiti: Kampf ums Überleben und die Vorherrschaft
Die RD, wie die Dominikaner ihr Land nennen, teilt sich zwar mit Haiti die Insel Hispaniola, aber sie ist eine andere Welt: Sie ist grün und fruchtbar, das weitgehend abgeholzte Haiti ist graubraun und trocken. In der RD sind die meisten Straßen asphaltiert, in Haiti sind sie größtenteils Erdpisten. Die RD spricht Spanisch und hört Salsa, in Haiti spricht man Creóle, eine karibische Version des Französischen, und hört Rap. Die Dominikaner sind zumeist Mestizen und Mulatten, Haitis Bevölkerung besteht zu 95 Prozent aus Schwarzen.

Verantwortlich für die Teilung sind die europäischen Kolonialherren: Das westliche Drittel von Hispaniola wurde von den Franzosen erobert, die zwei östlichen Drittel von den Spaniern. Ein Sklavenaufstand in Haiti machte die französische Kolonie zur ersten freien Republik auf amerikanischem Boden, die Dominikanische Republik befreite sich erst später vom Joch der Spanier. Aber beide Ländern leiden unter dem kolonialen Erbe: Ausländische Interventionen, Diktatoren, Armut und Gewalt ziehen sich wie ein roter Faden durch die Geschichte auf beiden Seiten der Grenze.

Dennoch ist die Dominikanische Republik historisch gesehen besser gefahren als der Elendsstaat Haiti. Sie hat eine funktionierende Infrastruktur, die Wirtschaft ist stabil, jedes Jahr strömen Millionen Touristen an die weißen Karibikstrände. Die Hauptstadt Santo Domingo war immer ein sicherer Hafen, wenn in Haiti die Anarchie ausbrach. Hassliebe schweißt die ungleichen Nachbarn zusammen.

"Schmutzig, anarchisch, gewalttätig"

So ist das auch bei Donni Santana Cuevas. Eigentlich mag er Haiti nicht. "Es ist schmutzig, anarchisch, gewalttätig", knurrt er. Er war Konsul in Zürich und schwärmt von Berlin. Begeistert machte er daher in seinem überladenen Auto Platz für zwei Journalisten aus Deutschland und der Schweiz, die an der Grenze auf eine Mitfahrgelegenheit gewartet hatten.

Normalerweise dauert die Tour von der Grenze ins 60 Kilometer entfernte Port-au-Prince keine zwei Stunden. Doch seit dem Beben gleicht sie einem Hindernisrennen in Zeitlupe. Tausende Haitianer flüchten Richtung Dominikanische Republik, sie verstopfen die einzige, ohnehin von Schlaglöchern übersäte Straße, mit Autos, Bussen, Karren, Fahrrädern und Tap-Taps, wie die bunten Sammeltaxis heißen.

Donni Santana Cuevas ist nicht gerade zartbesaitet. Er macht gern rassistische Witze, pfeift den Mädchen am Straßenrand nach und entlädt seinen Frust in einem Schwall obszöner Flüche, wenn ein Haitianer mit seinem Vehikel die Straße blockiert. Aber er geleitete seine Bulldozer sicher nach Port-au-Prince, seither sieht man sie überall im Einsatz. Die gelben Bulldozer mit der kleinen dominikanischen Flagge auf der Tür schaufeln verschüttete Straßen frei, reißen einsturzgefährdete Ruinen nieder, heben Massengräber aus und schieben die Leichen hinein.

Die schweren Maschinen sind nicht die einzige Hilfe aus dem Nachbarland. Hunderte Freiwillige kamen in den ersten Stunden nach dem Beben mit Autos und Bussen über die Grenze, spendeten Kleidung und Essen und halfen bei der Bergung von Toten und Verwundeten.

Dominikanische Mutter stillt alleingelassene Säuglinge

Das Krankenhaus im dominikanischen Grenzort Jimaní ist mit verletzten Haitianern überfüllt, 200 Amputationen mussten die Ärzte bislang vornehmen, sie operieren rund um die Uhr. Zwei Tage nach dem Beben meldete sich Sonia Marmolejos, eine junge dominikanische Mutter: Sie hatte von den vielen haitianischen Babys gehört, die aufgenommen wurden, weil ihre Mütter schwer verletzt oder tot sind. Spontan ließ die junge Frau ihr eigenes Neugeborenes in der Obhut ihrer Mutter und fuhr zum Krankenhaus. Sie stillt jetzt haitianische Babys.

Auch politisch schweißt die Katastrophe die beiden ungleichen Nachbarn zusammen. In Santo Domingo regiert der Sozialdemokrat Leonel Fernández, ein kluger und freundlicher Mann, der sich in Lateinamerika als Vermittler bei zahlreichen zwischenstaatlichen Konflikten bewährt hat. Er ist ein Glücksfall für das zerstörte Haiti.

Ohne großes Aufheben fuhr Fernández sofort nach dem Beben nach Port-au-Prince, nahm seinen Amtskollegen René Préval in den Arm und offerierte unbürokratisch Hilfe. Am Freitag eiste er 231 Millionen Pesos aus dem eigenen Etat frei, um dem Nachbar beizustehen, dabei ist die Dominikanische Republik selbst ein armes Land. Préval dankte gerührt. Er erwog zunächst sogar, seine Regierung vorübergehend in das Nachbarland zu verlegen. Am Montag besucht er Fernández in Santo Domingo, um die Hilfe zu koordinieren.

Eigentlich sollte diese Zusammenarbeit unter Nachbarn selbstverständlich sein, doch für die beiden ungleichen Staaten ist sie eine neue Erfahrung. Die Dominikaner fürchten zwar, dass sie dem Flüchtlingsstrom aus Haiti nicht gewachsen sind. Außerdem sorgen sie sich, dass eine Welle der Gewalt über die Grenze schwappt. Vergangenen Donnerstag nahm das Militär bei Jimaní einen Kolumbianer und mehrere Haitianer fest, die nach dem Beben aus dem Gefängnis von Port-au-Prince geflohen waren. Aber Fernández und Préval wollen die Katastrophe für einen Neuanfang nutzen.

"Jetzt revanchieren wir uns"

Sie können sich ein Beispiel an den Bewohnern von Jimaní nehmen: Als der Grenzfluß vor einigen Jahren nach sintflutartigen Regenfällen über die Ufer trat und Teile der dominikanischen Stadt fortgespült wurden, waren es die Haitianer, die Dutzende Dominikaner aus den Fluten retteten. "Jetzt revanchieren wir uns", sagt Robson Sosa, ein ehemaliger Sergeant der dominikanischen Armee.

Der gutmütige Mann mit der Statur eines Riesenbabys fährt einen schicken weißen Honda, jeder in der Gegend kennt ihn. Alle Soldaten an den militärischen Kontrollposten zwischen Jimaní und Santo Domingo grüßen ihn freundlich und winken ihn durch. Er bringt Journalisten und internationale Helfer an die Grenze oder fährt sie zurück zum Flughafen und verdient sich so ein erkleckliches Zubrot.

Für seine erste Fuhre nach dem Beben berechnete er jedoch nichts: Ein verzweifelter Haitianer hatte ihn an der Grenze angesprochen, sein zweijähriger Sohn musste dringend ins Krankenhaus, seine Lunge hatte sich mit Staub gefüllt.

Das Hospital von Jimaní war für die Behandlung nicht ausgerüstet. Sosa brachte Vater und Sohn deshalb auf eigene Faust in eine Klinik ins fast 300 Kilometer entfernte Santo Domingo. Normalerweise dauert die Fahrt fünf Stunden, Robson schaffte es in drei.

Das Kind ist gerettet.

Forum - Hätten Europa und die USA mehr für die politische Stabilität Haitis tun müssen?
insgesamt 1801 Beiträge
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Seite 1
Palmstroem, 16.01.2010
1. Die Frage kommt zu spät
Zitat von sysopDie Erdbebenkatastrophe in Haiti hat die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit wieder auf den gebeutelten Karibikstaat und seine Probleme gelenkt. Haben die USA und Europa es über die Jahre versäumt, hier mehr für politische Stabilität und wirtschaftliche Perspektiven zu tun? Diskutieren Sie mit!
Die Frage müsste heißen:"Hätten die USA und Europa mehr für Haiti tun müssen!" Jetzt liegt das Kind im Brunnen!!!
Brand-Redner 16.01.2010
2. Genau
Zitat von PalmstroemDie Frage müsste heißen:"Hätten die USA und Europa mehr für Haiti tun müssen!" Jetzt liegt das Kind im Brunnen!!!
Wirtschaftliche Not gebiert nun mal keine politische Stabilität. Wer diese haben will, ohne jene zuvor abzuschaffen, verhält sich so ignorant und lächerlich wie ein Baumeister, der das Dach vor den Fundamenten aufsetzen will. Aber in der Politik scheint ja alles möglich. - Gestern las ich, Deutschland wolle Haiti 1,5 Millionen Euro Spenden bzw. Spendengüter zukommen lassen: Was für eine Wahnsinnssumme - das ist ja fast mehr, als im Bundestag jährlich für neue Schreibgarnituren ausgegeben wird, nicht wahr? - Ist das noch Dummheit oder schon Zynismus?
forumgehts? 16.01.2010
3.
Zitat von sysopDie Erdbebenkatastrophe in Haiti hat die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit wieder auf den gebeutelten Karibikstaat und seine Probleme gelenkt. Haben die USA und Europa es über die Jahre versäumt, hier mehr für politische Stabilität und wirtschaftliche Perspektiven zu tun? Diskutieren Sie mit!
Nein, denn wenn ich richtig informiert bin, haben sich bisher nicht einmal die Chinesen für dieses Gebiet interessiert. Und das heisst, dass da nun wirklich nichts zu machen und/oder zu holen ist.
archelys, 16.01.2010
4. Brunnenkinder
Zitat von PalmstroemDie Frage müsste heißen:"Hätten die USA und Europa mehr für Haiti tun müssen!" Jetzt liegt das Kind im Brunnen!!!
Es liegen schon viele Kinder im Brunnen, Herr Palmstroem, und Sie staunen nur. Nun aber sind drei "Präsidenten" im Einsatz. Vielleicht bohren die auf Haiti wieder einen Brunnen, dieses Mal in Schrägbohrung nach Kuba. Da müssen wir wieder sehr aufpassen, dass kein Kind reinfällt...
Rainer Helmbrecht 16.01.2010
5. Titel verweigert!
Zitat von PalmstroemDie Frage müsste heißen:"Hätten die USA und Europa mehr für Haiti tun müssen!" Jetzt liegt das Kind im Brunnen!!!
Eins hätten die USA auf jeden Fall machen können, sie hätten nicht durch Dumpingpreise die Agrarwirtschaft dieses und vieler anderer armen Länder kaputt mache brauchen. Europa ist da auch nicht besser, die durch Subventionierte Produkte die Märkte und die heimischen Produkte kaputt machen und Bauern zu arbeitlslosen Stadtbewohnern verkommen lassen. Selbstlose Hilfe ist eine große Tat, aber durch unreelle Marktmacht, andere ländliche Strukturen zu zerstören ist eine Sauerei. So wie das leer fischen vor den Küsten armer Länder. Wie groß die Schuld ist kann ich nicht beurteilen, aber dass wir Schuld auf uns geladen haben, ist unzweifelhaft. MfG. Rainer
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