Nacht der Sieger Italien feiert sein blaues Wunder

Ein Schuss von Fabio Grosso - und ein Jubelschrei geht durch ganz Italien. Der Fußballskandal ist vergessen, jetzt zählt nur noch der Pokal. Das Land ist aphrodisiert. Guten Morgen, Weltmeister!

Aus Rom berichtet Dominik Baur


Rom - Ein paar Touristen scheinen den Ernst der Lage nicht begriffen zu haben. Während sich andernorts Weltbewegendes abspielt, schlendern sie über den Petersplatz und genießen den lauen Sommerabend. Amerikaner? Oder sonst ein Volk, das nichts von Fußball versteht? Immerhin: Im dritten Stock des Apostolischen Palastes ist Licht, im Arbeitszimmer des Papstes. Der, so war zu vernehmen, schaut sich das Endspiel sehr wohl an - laut "Bild"-Zeitung auf einem Schwarz-Weiß-Fernseher aus den siebziger Jahren. Die Italien-Fahne, die der Pontifex einem Zeitungsbericht zufolge aus dem Fenster hängen wollte, entpuppt sich nun aber doch als Gerücht.

Überhaupt schmücken anders als in Deutschland nur wenige Fahnen Häuser und Autos in Rom. Der Italiener hisst keine Flaggen, er schwenkt sie. Das klassische Modell ist einen mal anderthalb Meter groß und kostet beim Händler an der Straße sieben Euro. Nur wenige Kilometer vom päpstlichen Arbeitszimmer entfernt haben die Tifosi den Circus Maximus schon zu Beginn des WM-Endspiels in ein Fahnenmeer verwandelt. Rund 200.000 Fans verfolgen hier das nervenaufreibende Spektakel auf drei Großleinwänden.

Für sie - wie für ihre rund 60 Millionen Landsleute bei anderen Public Viewings oder am heimischen Fernseher - ist das nicht enden wollende Finale ein einziger Adrenalinschock. Kein einziges Mal führt Italien während der regulären Spielzeit. 120 Minuten lang ist noch alles drin. Doch anders als die Spieler auf dem Platz können die Tifosi den Überschuss an Adrenalin für keine Kraftanstrengungen gebrauchen. Sie können dem Geschehen nur ohnmächtig zusehen - und ein wenig mit der Fahne schwenken.

Als die zweite Hälfte der Verlängerung schließlich abgepfiffen wird, ist die Anspannung am größten. Elfmeterschießen - das hat den Italienern bislang selten Glück gebracht. Entsetzt halten sich viele Fans die Hände vor den Mund. "Das machst du, Gigi", feuern andere den Torhüter Gianluigi Buffon an.

Frankreich im Pappsarg

Es sei "die Nacht Italiens" hat "La Repubblica" schon in ihrer Sonntagsausgabe siegesgewiss angekündigt. Um 22.41 Uhr steht schließlich fest: Diese Nacht wird lang, sehr lang werden. Denn in dieser Minute schaffen die Azzuri, die Himmelblauen, das Wunder: Selbst ohne den ausgewechselten Totti entscheiden sie das Elfmeterschießen für sich.

Als Fabio Grosso das entscheidende Tor schießt, entlädt sich die gesamte Spannung: Ganz Rom ist ein einziger Jubelschrei. Auf dem Circus Maximus tanzen und singen die Tausenden, stimmen "Italia"-Sprechchöre an, manche zünden bengalische Feuer, andere klopfen mit mitgebrachten Topfdeckeln aufeinander. Als die Franzosen auf den Übertragungsleinwänden ihre Medaillen als Vize-Weltmeister überreicht bekommen, werden sie von den Tifosi ausgebuht.

Sobald der "Coppa", der Pokal, ausgiebig abgeküsst und die Übertragung abgebrochen ist, beginnt der Triumphzug. Vom Circus Maximus geht es singend und skandierend zur Piazza Venezia und von hier aus weiter hoch zur Piazza del Popolo. Von dort kommen die anderen in Richtung Süden. In voller Kleidung springen die Fans in die Brunnen. Die nicht gesperrten Straßen sind ohnehin verstopft von Autos und Motorini. Doch das stört niemanden. Ums Vorankommen geht es nicht mehr. Die Händler verkaufen neben den Flaggen auch in weiser Voraussicht mit der Aufschrift "Weltmeister 2006" bedruckte T-Shirts. Ein Grüppchen Jugendlicher trägt Frankreich in einem Pappsarg zu Grabe und skandiert: "Vafanculo, Francia", etwa "Verpisst euch, Franzosen!" Es gibt auch schlechte Sieger - aber wenige.

"Land im Delirium"

Der Sieg der Azzuri lässt vieles vergessen. Wird Juve tatsächlich in die dritte Liga absteigen? Wird ein Großteil der Spieler, die Italien mit ihrer großartigen Leistung jetzt den ersten WM-Titel seit 24 Jahren beschert haben, zu ausländischen Vereinen flüchten? Egal. An den Fußballskandal will jetzt keiner denken. Fast keiner. Der "Corriere della Sera" zitiert Weltmeister Gennaro Gattuso mit den Worten: "Ohne Skandale hätten wir nie gewonnen." Die Probleme daheim hätten den Spielern in Deutschland zusätzlichen Auftrieb gegeben.

"Das ganze Land ist im Delirium", schreibt der "Corriere dello Sport" am Morgen danach. Die Schlagzeilen der Zeitungen gleichen sich: "Campioni" ("Weltmeister") - lauten sie. Für die "Repubblica" war der Sieg die schönste Revanche. "Gesegnet seien die Elfmeter", schreibt die römische Tageszeitung und behauptet: "Die Welt gehört uns." Zum Schluss, argumentiert ein Korrespondent, habe mal wieder ein "colpo di testa", ein "Kopfball", von Zidane den Ausschlag gegeben. "Colpo di testa" kann im Italienischen auch Schlag mit dem Kopf heißen.

Stefano Pallanti glaubt, dass der Triumph in Berlin noch weiterreichende Folgen haben könnte. Der Psychiater vom Neurologischen Institut in Florenz, so berichtet die "Repubblica", hat festgestellt, dass Siege das reinste Aphrodisiakum sind. In neun Monaten erwartet der Neurologe daher einen regelrechten Babyboom in Italien. Das Land mit der niedrigsten Geburtenrate in Europa könnte es gebrauchen.

Gegen sechs Uhr - die Sonne strahlt schon - geht die lange Nacht Italiens langsam zu Ende. Während der Papst sein erstes Morgengebet längst beendet haben dürfte, machen sich die letzten in Flaggentuch gewandeten Tifosi auf den Heimweg. Auch Weltmeister müssen schlafen. Und die, die nicht die ganze Nacht feiern konnten, die schon wieder auf dem Weg zur Arbeit sind, begrüßen sich beim Cappuccino in der Bar: "Buon giorno, campioni!" Guten Morgen, Weltmeister.

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