Nahverkehr in Indonesien Betonkugeln gegen Bahnsurfer

Geölte Dächer, scharfe Hunde, religiöse Ansprache - nichts half. Tausende Menschen fahren weiterhin täglich auf den Dächern indonesischer Züge. Die Eisenbahngesellschaft hängt nun an Gestellen knapp über Zughöhe Betonkugeln auf, um die Bahnsurfer zu vertreiben - die Methode ist lebensgefährlich.

Von Simone Utler


Jakarta - Fahrten mit den Pendlerzügen im Großraum Jakarta sind kein Vergnügen. Die Züge sind überwiegend alt, in den metallenen Waggons werden die Passagiere durchgeschüttelt. Man versteht das eigene Wort kaum, so laut rattert die Bahn über die ebenfalls altersschwachen Schienen. Es gibt nur wenig Sitzplätze, Hunderte Menschen quetschen sich in die Abteile.

Vor allem während der Hauptverkehrszeiten finden nicht alle Platz in der Bahn. Und so klettern morgens zwischen 6 und 8 Uhr sowie nachmittags von 16 bis 19 Uhr Hunderte Menschen auf die Dächer der Wagen - und reisen dort.

"Ich weiß, dass es gefährlich ist, aber ich habe keine Wahl", sagt Ahmad Fauzi, der am Rande Jakartas lebt und als Putzmann in einem Haus in der Stadt arbeitet. Jeden Morgen muss er mit dem Zug fahren, meist sitze er auf dem Dach, gibt der 23-Jährige zu. "Wenn der Zug voll ist, kann man sich da auch nicht mehr reinquetschen."

Jedes Jahr gibt es etliche Unfälle, bei denen Menschen verletzt werden oder ums Leben kommen. Laut BBC geht das staatliche Eisenbahnunternehmen PT Kereta Api Indonesia (KAI) davon aus, dass pro Monat durchschnittlich drei Menschen sterben, weil sie einen Stromschlag erleiden oder vom Dach eines Zuges fallen. Unternehmenssprecher Matate Rizahulhaq sagte gar, man gehe von einem Toten pro Tag aus. Die "Jakarta Post" berichtete allerdings zuletzt Anfang Januar von einem tödlichen Unfall.

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Indonesische Züge: Veraltet, überfüllt, mit Kugeln versehen
Die Bahngesellschaft geht seit Jahren gegen die illegalen Passagiere vor, die im Indonesischen "Atapers" ("Atap" heißt Dach) genannt werden. Die Bahn ölte die Dächer ein, bespritzte die Zugsurfer mit Farbe und bedrohte sie mit Hunden. "Wir haben sogar schon Stacheldraht auf dem Dach ausgerollt, aber nichts scheint zu funktionieren", so KAI-Sprecher Rizahulhaq. Zuletzt suchte die Bahngesellschaft Hilfe bei den religiösen Führern des überwiegend muslimischen Landes. Sie wurden gebeten, ihre Gemeindemitglieder über die Gefahren des Bahnsurfens aufzuklären. Doch der Erfolg blieb bislang aus.

Jetzt soll eine neue Methode das Zugsurfen verhindern: der Einsatz von Betonkugeln. Die silberfarben lackierten Kugeln, die etwa die Größe einer Grapefruit haben und jeweils drei Kilogramm wiegen, werden mit Ketten an speziell errichteten Halterungen über den Bahnstrecken angebracht.

"Der Abstand zwischen den Kugeln und dem Dach des Zuges beträgt 25 Zentimeter", erklärte Rizahulhaq Reportern bei der Errichtung der ersten Halterungen. Wer aufrecht auf einem Zugdach sitzt, würde gnadenlos umgehauen. "Wir gehen davon aus, dass die Passagiere wegen der Gefahr jetzt nicht mehr auf dem Dach sitzen werden", erklärte Achmad Sujadi, der als Sicherheitsmanager bei KAI arbeitet, auf der Internetseite des Unternehmens.

"Diese Maßnahme gefährdet Menschenleben"

Die ersten Kugeln wurden auf einer der am meisten frequentierten Pendelstrecken im Osten der Hauptstadt Jakarta installiert, auf der Strecke nach Bekasi. Genau zwischen einer Hängebrücke und einem Bahnübergang steht der Rahmen, der an ein großes Fußballtor erinnert.

Menschenrechtsaktivisten kritisieren das Vorgehen der Bahn heftig. "Diese Maßnahme zeigt die Faulheit der Bürokratie und gefährdet viele Menschenleben", kritisiert Ifdhal Kasim von der Nationalen Kommission für Menschenrechte. Die Behörden sollten lieber Züge am Abfahren hindern, wenn Menschen auf den Dächern säßen.

Auch Andreas Harsono von Human Rights Watch Indonesien sieht den Einsatz der Betonkugeln kritisch. "Das ist so, als würde man an einem öffentlichen Platz Elektrozäune aufstellen, um unerlaubtes Betreten zu verhindern", sagt der Aktivist. Er fürchtet, dass nun mehr Menschen verletzt werden als bisher - auch wenn die Kugeln so hängen, dass die Bahnsurfer die Köpfe eventuell einziehen können: "Man kann sich nur ausmalen, was passiert, wenn man bei einer Geschwindigkeit von rund 60 Stundenkilometern von einer solchen Kugel getroffen wird."

Die Reisenden müssten dieser Gefahr nicht ausgesetzt werden - wenn sie im Wagen statt auf dessen Dach sitzen könnten. "Die Menschen von Jakarta haben ein Recht auf einen komfortablen Pendelverkehr. Doch die indonesische Regierung vernachlässigt das Bahnnetz, weil sie sich nur auf die Motorisierung konzentriert", sagt Harsono. So baue der Staat Maut-Straßen und fördere den Kauf von Autos oder Mopeds - und das Eisenbahnnetz liege seit der Unabhängigkeit Indonesiens im Jahr 1949 brach.

"Menschen haben keine andere Wahl"

Die Niederländer hatten während ihrer Kolonialherrschaft auf der indonesischen Hauptinsel Java ein recht umfangreiches Schienennetz errichtet. Im Großraum Jakarta sind die Pendler auf die Schienen angewiesen, da die Metropole keine U-Bahn hat. Rund 450.000 Fahrgäste nutzten im Jahr 2011 pro Tag die Züge. Die meisten sind Arbeiter, die auf einer Baustelle, in einer Wäscherei, als Lieferant oder als Verkäufer auf dem Markt beschäftigt sind und jeden Morgen aus den umliegenden Städten nach Jakarta kommen.

Der Händler Parto, der an der Börse in Jakarta arbeitet und normalerweise einen Platz im Zug ergattern kann, bringt Verständnis für die Atapers auf: "Menschen haben Jobs. Sie können nicht zu spät kommen", sagt er. Und wenn dann ein Zug auch noch Verspätung habe, täten Menschen "was immer sie tun müssen", erklärt der Pendler das Phänomen.

Viele Pendler können sich die Fahrscheine schlicht nicht leisten. Ein einfaches Ticket kostet 2000 Indonesische Rupien (rund 0,17 Euro), ein Platz in einem Zug mit Klimaanlage bis zu 7000 Rupien (rund 0,60 Euro). "Die aktuelle Maßnahme gefährdet die öffentliche Sicherheit und diskriminiert die Armen", sagt der Leiter der Human Rights Working Group Jakarta, Rafendi Djamin.

Härtere Strafen: Bis zu drei Monate Haft

Die Bahngesellschaft scheint sich um mögliche Gefahren wenig zu sorgen. Von indonesischen Journalisten auf die Gefahr angesprochen, dass die Betonkugeln Menschen verletzen oder gar töten könnten, erwiderte Unternehmenssprecher Rizahulhaq, das sei nicht sein Problem. Die Passagiere müssten ja nicht auf dem Dach sitzen. "Und wir haben ihnen bereits gesagt: 'Sollte der Zug voll sein, gehen Sie in unser Büro.' Wir erstatten ihnen gerne ihre Fahrkarten", so der KAI-Sprecher.

Der Einsatz der Betonkugeln ist eher eine Bekämpfung des Symptoms, nicht der Ursache. Wie will das Eisenbahnunternehmen dem stetig wachsenden Strom an Pendlern begegnen? Hat es Konzepte für einen Ausbau der Kapazitäten? Mehrere Anfragen von SPIEGEL ONLINE zu diesem Thema blieben unbeantwortet.

Zwei Tage nach dem Errichten der ersten Betonkugel-Tore gab sich das Unternehmen mit den ersten Ergebnissen zufrieden. "Wir glauben, dass diese Betonkugeln recht effektiv sind", sagte Akhmad Sujadi, der für die Umsetzung der Maßname bei der KAI verantwortlich ist, der "Jakarta Post". Auf drei Diesel-Zügen, die zwischen Bekasi und der Innenstadt Jakartas verkehrten, seien keine Dachsurfer gewesen.

Die Bahngesellschaft hat zudem durchgesetzt, dass künftig härter gegen die Bahnsurfer vorgegangen wird. "Wer sich auf einem Zugdach aufhält, kann dafür mit einer Höchststrafe von drei Monaten Gefängnis und einer Geldstrafe von 15 Millionen Rupien (rund 1290 Euro) rechnen", so Sujadi.

Anmerkung der Redaktion: Aufgrund eines technischen Fehlers musste der Diskussions-Thread unter diesem Artikel entfernt werden. Wir bitten um Entschuldigung.

mit Material von dpa und dapd

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