Krawall bei Neonazi-Demo in Hamburg: "Verharren Sie nicht in der Kurve"

Von

Autos brannten, Steine, Flaschen und Holzklötze flogen: In Hamburg wurde eine Neonazi-Demo von heftigen Protesten Linksautonomer begleitet. Die Route der knapp 700 Rechtsextremen musste mehrfach verändert werden - teilweise lagen nur wenige Meter zwischen den gewaltbereiten Gruppen.

dapd

Hamburg - Die ersten Blockaden brennen schon gegen Mittag, da sind die Nazis noch nicht einmal losmarschiert: Linke Autonome zünden Müllcontainer an, dunkler Rauch zieht durch das ruhige Wohnviertel in Wandsbek, beißender Geruch liegt in der Luft. Ein Augenzeuge spricht sogar von Zuständen "wie in einem Katastrophengebiet". Doch das ist erstens übertrieben und zweitens sollte es erst Stunden später richtig ernst werden.

Wandsbek, ein Stadtteil im Osten Hamburgs, auf den Straßen herrscht Ausnahmezustand: Rund 700 Neonazis sind gekommen, um ihren "Tag der Deutschen Zukunft" zu feiern. Tausende linke Gegendemonstranten wollen das verhindern, darunter laut Polizei bis zu 1500 gewaltbereite Autonome.

Als Rechtsextreme am 1. Mai 2008 zuletzt groß in der Hansestadt demonstrierten, führte das im Stadtteil Barmbek zu schlimmen Gewaltausbrüchen. Nun machen Prophezeiungen von einem "neuen Barmbek" und "Barmbek reloaded" die Runde.

Doch der Demo-Tag beginnt für Nazis und Gegendemonstranten vor allem mit einem: Warten. Etwa 4400 Polizisten sind im Einsatz, sie müssen beide Gruppen voneinander fern halten und den Weg für die Demo freiräumen. Das ist von Anfang an schwierig. Via Twitter lotst die Antifa ihre Mitstreiter immer wieder zu neuen Blockade-Plätzen, hält sie über die Bewegungen der Einsatzkräfte auf dem Laufenden.

Während die Nazis sich an ihrem Startpunkt versammeln, laufen Hunderte Meter weiter vermummte Linke durch die Straßen: Schwarze Kapuze, schwarzes Tuch vor dem Mund, dunkle Sonnenbrille. Böller explodieren, Hubschrauber kreisen über Wandsbek, die Polizei setzt zum ersten Mal Wasserwerfer ein, löst Blockaden auf. Aber die Zahl der Gegendemonstranten ist groß, rund tausend versperren allein an einer Kreuzung im Eilbeker Weg die Route.

Fotostrecke

14  Bilder
Nazi-Aufmarsch: Krawall in Wandsbek
Irgendwann entscheidet die Polizei: Auf dem vorgesehenen Weg geht es nicht. Die Einsatzleitung stimmt mit den Rechten eine neue Route ab - und die führt durch noch schmalere Straßen, an einem Park vorbei, mitten hinein ins Wohngebiet. "Wir hatten keine andere Möglichkeit", sagt eine Sprecherin der Polizei. Gegen 15.20 Uhr marschieren die Nazis los, fast dreieinhalb Stunden später als vorgesehen.

Umgeben von einem Schutzpanzer aus Polizisten schiebt sich ihr Zug langsam durch die Straßen. Vorneweg drei Trommler, dahinter aggressive junge Männer und dann, irgendwo in der Mitte, der bekannte Neonazi Thomas Wulff, Spitzname "Steiner". Per Megafon verbreitet er seine dumpfen Parolen. Als der Zug an einem Park vorbeikommt, tauchen plötzlich vereinzelt Autonome auf. "Verpisst euch", rufen sie, und zugleich: "Kommt doch, kommt doch."

In diesem Moment steht die Demo kurz vor der Eskalation. Einige Neonazis versuchen auszubrechen und zu den Linken zu gelangen. Doch dazu kommt es nicht, auch die selbsternannten "Ordner" der Rechten beruhigen die eigenen Leute. Der Hintergrund: Wenn sie gegen die Auflagen verstoßen, könnte ihr Umzug aufgelöst werden.

Kurz darauf geht gar nichts mehr, die Neonazis stecken fest. Zehn Minuten, 15 Minuten, eine halbe Stunde. Trillerpfeifen und Technobeats aus wummernden Lautsprechern übertönen ihre Gesänge. Hunderte Linke blockieren eine schmale Kreuzung, sie stehen auf Stromkästen, klettern auf Bäume, brüllen ihren Schlachtruf: "Alerta, alerta, Antifascista". Die Polizei beginnt, die Blockade aufzulösen. Einzelne Autonome werfen Steine, Bierflaschen, Holzklötze, immer wieder schießt der Wasserwerfer.

Als die Kreuzung geräumt ist, müssen die Nazis auf engstem Raum an den Gegendemonstranten vorbei. Nur wenige Meter trennen die beiden Gruppen, wieder fliegen Flaschen. Knallkörper explodieren. "Bitte setzen Sie zügig Ihren Umzug fort, verharren sie nicht in der Kurve", ruft eine Polizistin durch den Lautsprecher zu den Nazis. Sie könnte auch sagen: Bleibt bloß nicht in diesem Nadelöhr stehen!

"Wahl zwischen Pest und Cholera"

Die dramatischen Minuten zwingen die Einsatzkräfte erneut zum Umdenken. Die Route wird nochmals verändert und verkürzt, an einer S-Bahn-Station kommt die Nazi-Demo wieder zum Stehen. Es ist jetzt nach 17 Uhr, die Zeit für den Umzug ist so gut wie abgelaufen, weit sind die Rechten nicht gekommen. Sie rollen schließlich ihre Banner ein, besteigen einen Sonderzug und fahren eskortiert von Polizisten davon.

Die erste Bilanz: 38 verletzte Polizisten, 17 Festnahmen - alle aus dem Kreis der linken Autonomen. Drei Autos gingen in Flammen auf, darunter ein Polizeiwagen. "Schön war es nicht", sagt eine Sprecherin der Einsatzkräfte, aber insgesamt sei es ganz gut ausgegangen. War die neue Route durch die engen Straßen im Wohngebiet nicht ein bisschen riskant? "Wir hatten keine bessere", so die Sprecherin. "Das war die Wahl zwischen Pest und Cholera."

Was durch die Krawalle fast in Vergessenheit gerät: Am Vormittag protestierte ein breites Bündnis in der Innenstadt gegen die Kundgebung der Rechtsextremen. Mehr als Zehntausend Hamburger versammelten sich unter dem Motto "Hamburg bekannt Farbe". "Wir stehen zusammen. Wir sind stolz darauf, eine weltoffene Stadt zu sein", rief Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) unter lautem Applaus auf dem Rathausmarkt. Die Veranstaltung ging am Nachmittag friedlich zu Ende.

Mit Material von dpa

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Panorama
Twitter | RSS
alles zum Thema Rechtsextremismus
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback