Simon-Wiesenthal-Zentrum Nazi-Jäger spüren vier Verdächtige auf

"Spät, aber nicht zu spät" heißt die Plakatkampagne, mit der das Simon-Wiesenthal-Zentrum zuletzt in deutschen Großstädten nach NS-Kriegsverbrechern suchte. Die Aktion war offenbar ein Erfolg, in vier Fällen wurden staatsanwaltliche Ermittlungen aufgenommen. Die Jagd soll weitergehen.

Von , München

Efraim Zuroff: "Jetzt sind sie in den Händen der Justiz"
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Efraim Zuroff: "Jetzt sind sie in den Händen der Justiz"


Efraim Zuroff ist der Nazi-Jäger Nummer eins, und er hatte in den vergangenen Wochen allerhand zu tun. Hunderte Mails, Briefe und Anrufe gingen beim Simon-Wiesenthal-Zentrum ein. "Ziemlich überrascht" sei er über die Resonanz gewesen, sagte der Direktor der jüdischen Organisation am Montag in München und lächelte.

Die Zuschriften und Anrufe waren eine Reaktion von Bürgern auf eine Kampagne, die das Simon-Wiesenthal-Zentrum vor wenigen Monaten in Berlin, Hamburg und Köln gestartet hatte. Unter dem Motto "Spät, aber nicht zu spät" wurde auf Plakaten um Hinweise auf noch unbehelligt lebende Nazi-Kriegsverbrecher gebeten.

285 Bürger lieferten, so Zuroff, konkrete Informationen über mögliche Nazi-Schergen. Es müssen sehr brauchbare Hinweise darunter gewesen sein: Zuroff zufolge wurden in vier Fällen staatsanwaltschaftliche Ermittlungen aufgenommen. Darunter befindet sich demnach eine Frau, die unter anderem als Aufseherin im Konzentrationslager Auschwitz im Einsatz gewesen sein soll. In diesem und einem zweiten Verdachtsfall habe die Zentralstelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg ihre Arbeit aufgenommen, sagte Zuroff.

Die beiden anderen Fälle seien an Staatsanwaltschaften in Berlin und Dortmund übergeben worden. Bei einem davon soll es sich um einen Mann handeln, der am Massaker der Waffen-SS im französischen Oradour beteiligt gewesen sein soll. Alle vier Personen seien im Alter zwischen Mitte bis Ende 80.

"Wir können nur alles tun, um diese Leute aufzuspüren. Jetzt sind sie in den Händen der Justiz", sagte Zuroff. Der Historiker fahndet seit mehr als drei Jahrzehnten weltweit nach Nazi-Verbrechern. 1998 spürte er Dinko Sakic, den früheren Kommandanten des KZ Jasenovac (Kroatien), in Argentinien auf. Sakic wurde später zu 20 Jahren Haft verurteilt.

Zuroff sprach am Montag von insgesamt 110 Personen, die infolge der jüngsten Plakataktion vom Simon-Wiesenthal-Zentrum ermittelt worden seien. Sie würden in 17 verschiedenen Ländern leben, 81 von ihnen in Deutschland.

Die Plakataktion soll fortgesetzt werden. Der Auftakt ist am Dienstag in München, später folgen Stuttgart, Frankfurt, Nürnberg, Leipzig, Dresden, Magdeburg und Rostock. Zuroff hofft auf weitere Hinweise. Er wolle, dass den Opfern des Holocaust Gerechtigkeit widerfahre und "alle Nazis abgeurteilt" würden, sagte Zuroff einst dem SPIEGEL: "Bloß kein Mitleid, weil die jetzt Greise sind."

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