Nazis und Satanisten Gefährlicher Ideologiemix

Diese Verbrüderung lässt Experten Alarm schlagen: Rechtsextreme und Satanisten bilden neuerdings eigenständige Netzwerke. Über die Folgen sind sich die Fachleute uneins.

Von Nicole Janz


"Brüder im Geiste": Satanisten und Nazis
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"Brüder im Geiste": Satanisten und Nazis

Berlin - Totenköpfe und Blutstropfen blinken auf der Internetseite der Black Metal Band "Eugenik". Doch die Seite verbreitet nicht nur antichristliche Parolen - sie bietet auch Neonazis ein Forum. Jede Menge Links leiten zu rechten Musikgruppen und Organisationen weiter. So gelangt der User zu Seiten wie "Jüdische Beobachtung" oder "100 % White".

Die Verwischung der Grenzen zwischen Rechtsextremen und selbst ernannten Satanisten beobachtet der Politologe Rainer Fromm seit zwei bis drei Jahren. "Über 20 Prozent der rechten Bands in Deutschland kommen mittlerweile aus dem Black-Metal-Bereich", sagt er. Es sei ein großer Graubereich zwischen den Jugendsubkulturen gewachsen. Die Internetseiten seien intensiv miteinander verlinkt.

Auch in einschlägigen Fanheften der Naziszene wie dem "Kreuzritter" haben antichristliche Musikgruppen ihren Platz gefunden - CDs und Bands werden auf extra Seiten vorgestellt. "Es gibt in Deutschland sogar schon Verlage, die sich auf den Graubereich zwischen Nazis und Antichristen spezialisiert haben", sagt Fromm.

Verurteilte Satanistin Manuela Ruda
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Verurteilte Satanistin Manuela Ruda

Über die Folgen der Vernetzung sind sich die Experten indes uneins. "Hier ist ein Ideologiecocktail im Gange", sagt Bernd Wagner, Projektleiter des Nazi-Aussteigerprogramms Exit. "Die Bands spielen in den gleichen Proberäumen, besuchen die gleichen Freizeittreffs und ziehen immer mehr 14- bis 15-Jährige an", sagt Wagner. Auch Fromm warnt: "Das ist sehr gefährlich, weil es dadurch mehr Möglichkeiten gibt, an Jugendliche anzudocken", sagt er. Man müsse nur eine einzige Internetseite kennen, um in die gesamte Nazi- und Black-Metal-Szene einzutauchen.

Skeptisch ist allerdings der Rechtsextremismus- und Internetexperte Burkhard Schröder. Seiner Meinung nach ist das keine neue Entwicklung in Deutschland, eher eine "Heiße Luft"-Diskussion. Schröder warnt vor vorschnellen Schlüssen. "Es gibt keine Nachweise, wie sich Verlinkungen im World Wide Web auswirken", sagt er. Man könne nicht sagen, dass Jugendliche deswegen zu Nazis oder Satanisten würden. Außerdem gebe es in Deutschland keine organisierte satanistische Jugendszene.

Das bestätigt auch Fromm: "Jugendliche sind meistens unorganisiert." Trotzdem gebe es, allerdings eher bei den Erwachsenen, schon Gruppierungen, die von "rechtsextremen Satanisten" gegründet wurden. Auch die "Deutsche Heidnische Front" (D.H.F.) vereinigt die Ideologien. Das Innenministerium von Thüringen bezeichnete die Organisation, die in Deutschland eine eigene Sektion hat, schon vor drei Jahren als Bewegung, "die altgermanische Mythologie im Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus und der rassistischen Bewegung zu bringen versucht". Die Landesregierung schätzt die D.H.F. als rechtsextremistisch ein.

Die Nazis und Antichristen haben offensichtlich einige Gemeinsamkeiten. "Das Elitedenken steht ganz oben", sagt Fromm. Sowohl Nazis als auch Satanisten wollten einer außerordentlichen Gemeinschaft angehören. Hinzu kämen die ähnlichen Feindschemata: die Unterscheidung in lebenswerte und unlebenswerte Wesen. Auch das geringschätzige Frauenbild spiele eine Rolle. Während bei Nazis die Frau als Gebärmaschine gelte, müsse sie beim Satanismus als "Gebrauchsgegenstand" für Rituale herhalten, so Fromm.

Mit dieser Entwicklung folge Deutschland einem Trend aus den USA, so Fromm. Dort gibt es mittlerweile eine weitere Musikrichtung: den "Holocaust Metal".



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