Italienische Neonazis: Im Rudel

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Paolo Marchetti hat sich in eine Szene gewagt, zu der nur wenige Zutritt haben. Vier Jahre lang begleitete der römische Fotograf militante Neonazis: Faschisten, die mit ihren Kindern im Pool planschen, wilde Partys feiern, sich als Julius Cäsar verkleiden. Seine Bilder zeigen den Alltag von Rechtsradikalen.

Italienische Rechtsradikale: "Sieh, was sie aus uns gemacht haben" Fotos
Paolo Marchetti

Es gab diesen Moment, in dem Paolo Marchetti ganz mulmig wurde. An einem Sonntagmorgen stand er vor einem baufälligen ehemaligen Schulgebäude in Guidonia, eine halbe Stunde von Rom entfernt. Vor dem Eingang hatten zwei Dutzend Skinheads in vollem Ornat Stellung bezogen. Sie lächelten ihn an.

Der Fotograf trat über die Schwelle. Als die Tür hinter ihm ins Schloss fiel, überkam ihn Panik. "Ich fühlte mich unbewaffnet, hatte meine Kamera nicht dabei", erinnert er sich. Doch die Neonazis waren friedlich, zeigten ihm wohlwollend ihren Wohnsitz, ihr Hauptquartier, das besetzte "Casa d'Italia Colleverde": Überall Flaggen, faschistische Symbole, kaputte Wände und Feuchtigkeit, aber auch frisch sanierte Räume, die bedürftigen Gesinnungsgenossen zur Verfügung gestellt wurden. Eine Kneipe, ein Konzertsaal, und sein Sicherheitsgarant F., der Mann, der ihm die Tür in die hermetisch geschlossene Welt der militanten "teste pelate", der Glatzen, geöffnet hatte.

Alles lief gut für Marchetti in dem Haus, das berüchtigt ist für seine ausschweifenden Partys und die regelmäßigen Besuche namhafter Neofaschisten aus ganz Europa. Über einen Bekannten, mit dem er im selben Fitnessstudio trainierte, hatte der Künstler einen ersten Kontakt bekommen. Drei Monate lang besuchte er die Treffen der Rechtsradikalen um sich "beschnüffeln zu lassen". Immer ohne Kamera, um ihnen nicht das Gefühl zu geben, dass er sie einfach ablichten wollte. "Man klaut keine Fotos, man bekommt sie geschenkt", ist Marchetti überzeugt.

Machos und Gladiatoren

Vier Jahre lang hat der Fotograf für sein Projekt "Fever" recherchiert. Die Bilder, die entstanden, sind nur das erste Kapitel einer fotografischen Reise durch den Sumpf des europäischen Neofaschismus. Benannt ist das Projekt nach dem Gefühl, das den Fotografen bei den Treffen mit den Rechtsradikalen überkam: "Wenn sie Sprechgesänge anstimmten, brüllten, die Stimmung angespannt war, dann fühlte ich mich, als hätte ich Fieber. Hitzig, unwohl, ansteckend."

Marchettis ureigenstes Thema ist die "rabbia" - die ungezügelte, instinktive Wut, die Tollheit und Gewalt mit sich bringen kann, aber nicht muss. "Diesen Zorn findet man nicht nur bei Rechtsradikalen, er ist in uns allen, in Politikern ebenso wie in Kampfsportlern oder Künstlern." Woher kommt diese Rage? Unter welchen Bedingungen steigt das "Fieber" und wie kann man es kurieren?

"Meine Arbeit ist vor allem eine anthropologische Studie. Sie ist weder politisch noch ideologisch gefärbt, ich will einfach nur verstehen", betont Marchetti. Ihm sei viel Vertrauen entgegengebracht worden, das er nicht missbrauchen wolle. Immer wieder hat der Fotograf Alltagszenen aus dem Mikrokosmos der Nazis festgehalten: planschende Kinder mit tätowierten Papas, Bier trinkende Hawaii-Hemden-Träger am Strand. Bilder, die in ihrer Schlichtheit und vermeintlichen Normalität gespenstisch wirken.

Im Zentrum seiner Arbeiten steht der Körper. Der Leib des weißen Machos, der glaubt, mit einer besseren DNA ausgestattet zu sein als Menschen anderer Hautfarbe. Die angeblich überragende Physis einer gestählten Kampfmaschine, voller Tätowierungen mit eindeutig rassistischen oder antisemitischen Botschaften. Aber auch der feiste Herrenmensch mit Plauze, der dem Prekariat zu neuer Größe verhelfen will.

Schon die Begrüßung unter italienischen Rechten ist mehr als ein Händedruck. Man tauscht den "Legionärsgruß" aus, greift mit der rechten Hand beherzt nach dem Unterarm seines Gegenübers. Eine Geste, die Verbrüderung signalisieren soll. Wie der altrömische Gruß mit erhobener rechter Hand, den die NSDAP einst übernahm, ist die Rückbesinnung auf Riten des römischen Imperiums Ausdruck der Sehnsucht nach vergangener Größe. "Faschisten sind fasziniert vom Bild des kämpfenden Mannes, des Machos, des Gladiators", sagt Marchetti.

Wie haben die Rechtsradikalen reagiert, als sie seine Fotos sahen? "Sie haben sich gefreut", sagt Marchetti, "weil sie sich darin wiederfinden". Der Künstler hat bewusst darauf verzichtet, Gewalt zu dokumentieren, weil er das banal und klischeehaft findet: "Ich habe kein Interesse daran, die Leute als Monster darzustellen. Ich bin nur Beobachter, ich bewerte nicht, was ich sehe." Ein schwieriges Unterfangen bei Protagonisten aus einem ideologisch so aufgeheizten Umfeld.

"Wir bereiten uns auf den Bürgerkrieg vor"

In Italien gibt es zahlreiche neofaschistische Gruppierungen. Marchetti hat neben den römischen SPQR-Skins und den katholischen Nazis der "Militia Christi" auch Angehörige der rechtsextremen "Forza Nuova" (FN) getroffen. "Seht, was sie aus uns gemacht haben!" ist einer der Leitsprüche der Partei, die den von Finanzkrise, Korruption und Misswirtschaft gebeutelten Armen im Land eine neue Heimat geben will. Nur den Italienern unter ihnen, versteht sich.

Erst Ende September versammelten sich in elf Städten Italiens Hunderte Mitglieder und Sympathisanten der "Forza Nuova". In blütenweißen Hemden und Camouflage-Hosen demonstrierten sie gegen die angeblichen "Sozialparasiten" des Schwulen- und Lesbenverbands "Arcigay" und des Gewerkschaftsbundes CGIL. "Roma, Banker und Afrikaner raus!"-Plakate zeugten davon, wie heterogen die Feindbilder sind - und dass man in Zeiten der Finanzkrise keine Scheu hat, linke Positionen zu übernehmen. In homöopathischen Dosen.

"Sie sorgen auf lokaler Ebene mit kleinen Aktionen für Aufsehen, kommen aber bei Wahlen nicht über 0,4 Prozent der Stimmen", sagt Rechtsextremismus-Forscher Ugo Maria Tassinari. Dennoch will die FN einen eigenen Kandidaten für die Parlamentswahlen im Frühjahr 2013 stellen und sammelt jetzt die nötigen Unterschriften. "Sie fördern fleißig ihr Image als brave Jungs, Unschuldslämmer in weißen Hemden, während sie gleichzeitig Fremdenfeindlichkeit befeuern", so Tassinari.

Die Partei eröffnet immer mehr Büros, vor allem in der Region Emilia Romagna. Mit Argwohn beobachten Antifa-Aktivisten, dass die Mitglieder sich gezielt in Kampfsport und Selbstverteidigung auch mit Waffen üben: "Wir bereiten uns auf den Bürgerkrieg vor, der ganz Europa erfassen wird, seht doch, was in Griechenland passiert", beschwor FN-Regionalleiter Raffaello Mariano die Apokalypse. "Die Krise ist nicht vorbei, sie hat gerade erst begonnen", sagte er der Tageszeitung "Il Fatto quotidiano".

Fragen, die man nicht stellen darf

Marchetti kennt den Geruch schwitzender Körper, die sich in staubigen Garagen im Boxring umtänzeln. Sich miteinander messen, Kraft sammeln für den Kampf mit "denen da draußen". Er fühlt sich seinen Protagonisten verpflichtet. Manchmal kam er ihnen so nah, dass es eine Weile brauchte, wieder Abstand zu gewinnen. "Da ist jede Menge menschlicher Austausch. Ich investiere viel von mir selbst", sagt er.

Gibt es klar definierte Regeln und Gesetze unter den Skinheads? "Tatsächlich kursiert eine Art Bibel unter den Eingeweihten, in der aufgeführt ist, wie man sich zu kleiden und zu verhalten hat, welche Grundpositionen die Gruppe vertritt", berichtet Marchetti. Leider habe er selbst das Buch nie zu Gesicht bekommen. "Aber es ist ein Kodex, der die Mitglieder bindet. Und es ist sehr schwer da wieder raus zu kommen."

Hatte er selbst mit Tabus bei der Recherche zu kämpfen? "Es gibt Fragen, die man nicht stellen darf", sagt Marchetti lakonisch. Er selbst sei in einem bürgerlichen Umfeld, aber auch auf der Straße groß geworden. "Ich habe gelernt, wie man sich durchschlägt."

Mit dem "Rudel-Konzept", dem reglementierten Leben in einer Nazi-Ersatzfamilie, kann der Fotograf wenig anfangen: "Die Masse annulliert das Individuum", findet er. Besonders junge, verletzliche Menschen fühlten sich von solchen Strukturen angezogen. Ihre Energie und der Wille, politisch und gesellschaftlich etwas zu ändern, seien erstaunlich groß - ihr Horizont allerdings beschränkt. "Sie schreien anstatt zu reden und das ist keine gute Strategie."

Marchetti will weiter Rechtsradikale fotografieren. In Frankreich, Ungarn oder Serbien. Ob Deutschlands Neonazi-Szene für ihn interessant sei? "Ich gehe da hin, wo man mir erlaubt zu sein."

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Zur Person
  • Paolo Marchetti
    Der Fotojournalist Paolo Marchetti lebt in Rom und Rio de Janeiro. Er unternahm ausgedehnte Reisen in Krisengebiete, besuchte Haiti, Mittelamerika und die USA, aber auch Zentralafrika, China und Osteuropa.

    Seine Foto-Reportagen veröffentlichte er in namhaften italienischen Zeitungen wie dem "Corriere della sera", der "Repubblica" und dem Wochenblatt "L'Espresso", außerdem der britischen "Sunday Times" und bei CNN.

    Marchetti erhielt mehrere Preise, darunter den "International Photography Award", den "Grand Prix de Paris", 2012 den "Getty Images Editorial Photography". Sein Projekt "Fever", eine Dokumentation über neofaschistische Strömungen, läuft seit vier Jahren und soll auf weitere europäische Länder ausgedehnt werden.

Fläche: 301.336 km²

Bevölkerung: 60,783 Mio.

Hauptstadt: Rom

Staatsoberhaupt:
Giorgio Napolitano

Regierungschef: Matteo Renzi

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