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Erdbeben in Nepal: Die Schreie am Krematorium von Kathmandu

Aus Kathmandu berichtet Stefanie Glinski

Verbrennung  in  Pashupati: Tausende Tote in Nepal Zur Großansicht
DPA

Verbrennung in Pashupati: Tausende Tote in Nepal

Die Menschen in Kathmandu sind vom Schrecken des Erdbebens gezeichnet. Hunderte Familien verbrennen ihre Verstorbenen am größten Krematorium der Stadt.

Hier standen rote, brüchige Ziegelsteinhäuser, jetzt sind sie nicht mehr zu erkennen: Bugmati, ein kleines Dorf außerhalb von Nepals Hauptstadt Kathmandu, wurde von dem heftigen Erdbeben am Samstag besonders schwer beschädigt. Ein kleiner Junge rennt die Straße hinunter, eine halbleere Schale mit Reis in seiner Hand, Tränen in den Augen. Naresh ist sein Name, und er hat Hunger. Alle Geschäfte sind geschlossen, es fällt seiner Familie schwer, genug Wasser und Nahrung zu kaufen.

"Eigentlich wissen wir, dass wir mit Erdbeben rechnen müssen, aber niemand dachte, dass es so schnell kommen wird," sagt Nareshs Vater. Er hält seine kleine Tochter auf dem Arm, sie ist gerade drei Jahre alt, barfuß, trägt ein großes Pflaster auf der Hand. Tränen sind auf ihren Wangen angetrocknet.

Das schwerste Erdbeben seit mehr als 80 Jahren hat Nepal hart getroffen. Mehr als 4000 Tote sind bisher bestätigt, doch die Zahl dürfte noch steigen. Aus den Bergdörfern dringen nur wenige Nachrichten nach außen. Bis zu 10.000 Menschen könnten gestorben sein, sagte Ministerpräsident Sushil Koirala. Viele Überlebende brauchen Hilfe, sie brauchen Lebensmittel, Wasser, medizinische Versorgung, ein Dach über dem Kopf.

Naresh mit einer Schale Reis in der Hand: Nicht genug Wasser und Nahrung Zur Großansicht
Stefanie Glinski

Naresh mit einer Schale Reis in der Hand: Nicht genug Wasser und Nahrung

In Kathmandu helfen die Menschen einander, aber der Schmerz zeichnet die Gesichter. Besonders traumatisch ist das Bild am Ort der traditionellen hinduistischen Leichenverbrennung in Pashupati, einer Art offenes Krematorium. Hier verbrennen Hunderte Familien ihre Angehörigen, die Regierung hat zu einer Massenkremation aufgerufen - auch um Seuchen zu verhindern. Ein Mann, dessen Kopf nach dem Tod seines Vaters als Zeichen der Trauer frisch rasiert wurde, wird vor Schmerz bewusstlos. Die Luft ist von dunklem Rauch und den Schreien der Hinterbliebenen erfüllt.

Eine kalte, nasse Nacht droht

Nepal liegt, hoch im Himalaya zwischen Indien und China, in einer plattentektonischen Falle. Die Region gilt seit Langem als höchst erdbebengefährdet. In den nächsten Tagen und Wochen ist mit weiteren Erschütterungen zu rechnen. Nachbeben am Sonntag und Montag erreichten eine Stärke von 6.7 und 5.5 auf der Richterskala.

Die Menschen in Kathmandu sind pessimistisch, Schreckensgerüchte machen die Runde. "Unser Haus ist zerstört, und wir können uns nicht vorstellen, dass es besser wird," klagt eine Mutter. Bei einem starken Nachbeben am Sonntagvormittag hielt sie ihre drei Söhne in den Armen und betete zitternd.

Nach dem schweren Beben müssen viele Menschen in Zelten übernachten Zur Großansicht
Stefanie Glinski

Nach dem schweren Beben müssen viele Menschen in Zelten übernachten

Die Überlebenden schlafen in Zelten, die mit Kerzen beleuchtet sind. Kleine Lagerfeuer brennen entlang der Hauptstraßen. Heute hängen dunkle Gewitterwolken über der Stadt, sie werden die Lagerfeuer vermutlich mit starkem Regen löschen. Viele der Menschen, die unter freiem Himmel schlafen, müssen mit einer kalten, nassen Nacht rechnen.

Obwohl die nepalesische Regierung über offene und sichere Schlafplätze informiert hat, fühlt sich niemand mehr sicher. Touristen verlassen das Land in Scharen, drängeln sich lautstark und verzweifelt durch die beschädigten Glastüren des Flughafens und nehmen hohe Kosten in Kauf, um möglichst bald fliegen zu können.

Zurück bleiben die Einheimischen, von denen viele ihre Häuser verloren haben. Die großen Flugzeuge, die laut über der Stadt abfliegen, erinnern an Geräusche des Erdbebens und versetzen manche Anwohner erneut in Angst.

Die nepalesische Regierung hat eine dreitägige nationale Trauerzeit ausgerufen, die am Mittwoch beginnen soll. Die Flammen der öffentlichen Lagerfeuer und des Krematoriums werden auch in den kommenden Wochen noch brennen.

Eingestürzte Häuser in Bhakthapur Zur Großansicht
Stefanie Glinski

Eingestürzte Häuser in Bhakthapur

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Erdbebenstärken
Die Richterskala
Die Stärke eines Erdbebens wird mit Hilfe der Richterskala und anderer Skalen beschrieben. Der jeweils angegebene Wert, die Magnitude , kennzeichnet dabei die freigesetzte Energie.

Mittels Seismografen werden die Maximal amplituden (also die Ausschläge der Nadel) bestimmt, die umgerechnet von Erdbeben in 100 km Entfernung erzeugt worden wären. Der dekadische Logarithmus der gemessenen Maximalamplituden ergibt die Magnitude. Die Erhöhung der Magnitude um 1 bedeutet dabei eine 33-fach höhere Energiefreisetzung – ein Erdbeben der Magnitude 5,0 ist also 33-mal so stark wie eines der Magnitude 4,0. Die Skala wurde 1935 von Charles Francis Richter und Beno Gutenberg am California Institute of Technology entwickelt.

Genau genommen werden Erdbebenstärken jedoch heute in der Moment-Magnituden-Skala angegeben. Sie berücksichtigt neben der Energie auch die Größe des gebrochenen Gesteins. Die Bruchfläche lässt sich aus der Erdbebenmessung vieler Seismografen berechnen.
Die Auswirkungen
Grob lassen sich die typischen Effekte der Erdbeben in der Nähe des Epizentrums folgendermaßen beschreiben:
  • - Stärke 1-2: nur durch Instrumente nachweisbar
  • - Stärke 3: nur selten nahe dem Epizentrum zu spüren
  • - Stärke 4-5: 30 Kilometer um das Zentrum spürbar, leichte Schäden
  • - Stärke 6: mittelschweres Beben, Tote und schwere Schäden in dicht besiedelten Regionen
  • - Stärke 7: starkes Beben, das zu Katastrophen führen kann
  • - Stärke 8: Groß-Beben
Weltweit ereignen sich jährlich etwa 50.000 Beben der Stärke drei bis vier, 800 der Stärke fünf oder sechs und durchschnittlich ein Groß-Beben. Das stärkste auf der Erde gemessene Beben hatte eine Magnitude von 9,5 und ereignete sich 1960 in Chile .
Wo die Erde bebte Zur Großansicht
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Wo die Erde bebte


Skala der Erschütterungsstärken von Erdbeben
Unterschied zur Richterskala
Die Skala der Erschütterungsstärken beziehen sich NICHT auf die RICHTERSKALA, SONDERN auf die zwölfstufige INTENSITÄTEN-SKALA. Die Richterskala ist ein Maß für die bei Erdbeben freigesetzte Energie. Die Intensitäten-Skala hingegen beschreibt die Einwirkung der seismischen Wellen auf Gegenstände - die Werte werden kleiner mit der Entfernung zum Bebenherd. Intensität 9 entspricht ungefähr einem Beben der Stärke 6,5 auf der Richterskala, das in der Nähe stattfindet. Das Japan-Beben hatte die Stärke 9, was Erschütterungen der Stärke 12 zufolge hatte.
I - Nicht gespürt
Keinerlei Wahrnehmungen durch Menschen.
II - Sehr selten gespürt
Nur von sehr wenigen Personen (< ein Prozent) in Ruhe und in sehr empfindlicher Position innerhalb von Gebäuden wahrgenommen.
III - Schwach
Von wenigen Personen in Gebäuden wahrgenommen als leichtes Schwingen oder Vibrieren.
IV - Weitgehend beobachtet
In Gebäuden von vielen, im Freien aber nur von sehr wenigen Personen wahrgenommen; einige wachen auf; leichtes Schwingen oder Vibrieren von Gebäuden, Möbel, etc., Rütteln von Fenstern und Türen, Knarren von Balken; hängende Objekte schwingen.
V - Stark
In Gebäuden von den meisten und im Freien von einigen wahrgenommen; einige rennen erschrocken ins Freie, viele Schlafende erwachen; starke Erschütterungen des ganzen Gebäudes, Raums und von Möbeln; hängende Objekte schwingen erheblich, labil aufgestellte können sich verschieben oder fallen um; Flüssigkeiten schwingen und können überschwappen, Türen und Fenster können auf- und zuschlagen; wenige Gebäude schlechter Bausubstanz können leichte Schäden aufweisen.
VI - Geringe Schäden
Viele Leute rennen verängstigt ins Freie. Einige Objekte fallen um, Möbel können rutschen. Viele Häuser erleiden geringe Schäden wie Haarrisse oder Abfallen kleiner Putzflächen.
VII - Schäden
Die meisten Leute rennen verängstigt ins Freie. Möbel können verrückt und viele Gegenstände aus Regalen geworfen werden. Viele gut gebaute gewöhnliche Bauten erleiden mäßige Schäden wie kleine Risse in Wänden, Abfallen von Putz, Abbrechen von Schornsteinteilen. Bei älteren Gebäuden können größere Risse in Wänden auftreten; nichttragende Wände können einstürzen.
VIII - Starke Schäden
Viele Leute haben Schwierigkeiten stehenzubleiben. Viele Häuser weisen große Risse in den Wänden auf. Einige gut gebaute, normale Bauten zeigen ernsthafte Versagensschäden von Wänden. Schwache ältere Gebäude können einstürzen.
IX - Zerstörend
Allgemeine Panik. Viele schwache Konstruktionen stürzen ein. Sogar gut gebaute, normale Bauten zeigen sehr schwere Schäden, z.B. schwerwiegendes Versagen von Wänden und teilweise auch strukturelles Versagen.
X - Stark zerstörend
Viele normale Bauwerke stürzen ein.
XI - Verwüstend
Die meisten gut gebauten, normalen Bauwerke stürzen ein, sogar einige mit guter, erdbebensicherer Bauweise werden zerstört.
XII - Totale Zerstörung
Alle Gebäude schlechter bis mittelguter Bausubstanz und die meisten mit guter Bausubstanz (holz-, stahl- oder stahlbetonverstärkt) werden zerstört. Maximale Schäden und Landschaftsveränderungen.

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