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Medizinische Versorgung in Nepal: "Der Ansturm ist einfach zu groß"

Aus Kathmandu berichtet

Nepalesischer Helfer in Kathmandu: Viele weitere Opfer befürchtet Zur Großansicht
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Nepalesischer Helfer in Kathmandu: Viele weitere Opfer befürchtet

Große Hilfsorganisationen sind zur Untätigkeit verdammt, dafür helfen Backpacker in den Krankenhäusern aus: Die Lage in Kathmandu ist chaotisch. Zugleich werden immer mehr Tote und Verletzte in die Hauptstadt gebracht.

Eine Frau sinkt auf die Knie, "mein Liebling, mein Liebling", wimmert sie. Neben ihr steht ein junges Mädchen wie versteinert. Sie haben gerade in der Lobby eines Hörsaalgebäudes des Teaching Hospitals in Kathmandu ihre Tochter und Schwester identifiziert.

56 Tote, darunter fünf Ausländer, liegen nur notdürftig zugedeckt auf dem Kachelboden des Fakultätsgebäudes, das über Nacht zum zentralen Leichenschauhaus geworden ist. Angehörige werden herumgeführt, schauen in entstellte und inzwischen schwarz aufgedunsene Gesichter. Das Gebäude ist nicht klimatisiert, der Geruchs des Todes nur schwer zu ertragen. "31 Tote hier sind noch nicht identifiziert", sagt Shankar Koirala, der normalerweise im Büro des Premierministers arbeitet. Er und sein Team wirken nervös: Sie ahnen, dass ihnen das Schlimmste vielleicht erst noch bevorsteht.

Teaching Hospital in Kathmandu: Die Lobby ist nun ein Leichenschauhaus Zur Großansicht
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Teaching Hospital in Kathmandu: Die Lobby ist nun ein Leichenschauhaus

"In den kommenden Tagen werden wir noch viel mehr Leichen hereinbekommen. Vor allem auch von Ausländern", sagt Koirala in dem leisen Nieselregen, der das Leben der vielen nun obdachlos gewordenen Menschen zusätzlich schwer macht.

Am Tag fünf nach dem schwersten Beben seit 80 Jahren in Nepal kehrt in Kathmandu nur langsam wieder das normale Leben ein. Zwar sind einige Geschäfte und Imbisse wieder geöffnet, Trümmer werden weggeräumt, die Toten der Metropole sind zu großen Teilen geborgen und verbrannt. Doch wo die Hauptstadt zögerlich anfängt, wieder zu funktionieren, wird sie gleichzeitig mit dem Ausmaß des Schreckens konfrontiert, den das Beben über das Land gebracht hat.

Krankenschwester Binda Gimire: "Es kommen immer neue Patienten" Zur Großansicht
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Krankenschwester Binda Gimire: "Es kommen immer neue Patienten"

Seit endlich immer mehr entlegene Bergdörfer und Nationalparks mit der Hilfe von Bulldozern und Hubschraubern erreicht werden, werden immer neue Verletzte und Tote geborgen und in einem stetigen Strom nach Kathmandu gebracht. Die wahren Folgen des Bebens offenbaren sich so mit einer seltsamen Verzögerung.

Das Nationale Trauma Zentrum Kathmandus erlebt am Donnerstag seinen hektischsten Tag seit dem Beben. "Es kommen immer neue Patienten aus entlegenen Gebieten mit bereits Tage alten Brüchen und Kopfverletzungen herein", sagt Binda Gimire, sonst Ausbilderin am Krankenpfleger-College. Auf den Stationen des 250-Betten-Hospitals herrscht entsprechendes Chaos, die Zustände sind höchst unhygienisch. In den Ecken liegt schmutzige Bettwäsche, die Böden sind dreckig, die Ärzte und Schwestern überfordert.

Agnes Stow aus Großbritannien (l.) und Dimity Perren aus Australien Zur Großansicht
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Agnes Stow aus Großbritannien (l.) und Dimity Perren aus Australien

"Der Ansturm ist einfach zu groß", sagt Alma Millan. Die gelernte Krankenschwester aus Barcelona war für ein Sabbatical in Nepal, als die Erde bebte. Seitdem hilft sie im Krankenhaus. Auch andere in Kathmandu gestrandete Ausländer versuchen, sich nützlich zu machen. Zwei Rucksacktouristinnen - eine aus Australien, eine aus Großbritannien - waschen gerade eine verwundete Frau.

Während Einzelne versuchen, das Leid zu lindern, warten viele der großen Hilfsorganisationen mit brennender Geduld darauf, endlich aktiv werden zu können: Der Flughafen von Kathmandu, auf dem nur sechs große Maschinen gleichzeitig abgefertigt werden können, erweist sich als Nadelöhr. So ist das deutsche Team der Malteser International inzwischen vor Ort angekommen, seine Notfall-Ausrüstung aber nicht. Die Katastrophenhelfer vom Johanniterorden verloren zwei Tage, weil ihr Flug keine Landeerlaubnis für Kathmandu bekam.

Blick auf Kathmandu: Zögerlicher Neuanfang Zur Großansicht
AP/dpa

Blick auf Kathmandu: Zögerlicher Neuanfang

Die Deutsche Botschaft ist derweil zum Anlaufpunkt für junge Backpacker geworden, die aus eigener Kraft aus den Bergen heruntergekommen sind. Etwa 30 Rucksacktouristen campen im Garten und warten auf ihre Rück- oder Weiterflüge. Es geht gesellig, fast fröhlich zu - man kennt sich aus den Hostels entlang der einschlägigen Wanderwege.

In der Botschaft herrscht dagegen Sorge: Am Donnerstagnachmittag galten noch immer 77 Deutsche als vermisst. Aus Botschaftskreisen war zu hören, dass die Zahl zwar noch deutlich sinken, vermutlich aber nicht alle Deutschen gefunden werden würden. Man müsse damit rechnen, dass einige Reisende unter Geröll, Schlamm oder Schnee begraben seien und sich ihr Schicksal nie endgültig klären lassen werde.

Botschaftsangehörige appellierten an deutsche Nepal-Urlauber, sich vor ihrer Abreise an die Vertretung zu wenden und sich registrieren zu lassen.

Ursprünglich waren mehr als 300 Deutsche als vermisst gemeldet worden, 239 wurden inzwischen lokalisiert. Bislang gibt es ein bestätigtes deutsches Todesopfer. Ein Göttinger Geologie-Professor starb, als er mit einer Gruppe Studenten in den Bergen vom Beben überrascht wurde. Nach Angaben des Deutschen Reiseverbands wurden seit dem Beben 450 Deutsche ausgeflogen.

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Rettungsarbeiten in Nepal: Tag fünf nach dem Beben

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Erdbebenstärken
Die Richterskala
Die Stärke eines Erdbebens wird mit Hilfe der Richterskala und anderer Skalen beschrieben. Der jeweils angegebene Wert, die Magnitude , kennzeichnet dabei die freigesetzte Energie.

Mittels Seismografen werden die Maximal amplituden (also die Ausschläge der Nadel) bestimmt, die umgerechnet von Erdbeben in 100 km Entfernung erzeugt worden wären. Der dekadische Logarithmus der gemessenen Maximalamplituden ergibt die Magnitude. Die Erhöhung der Magnitude um 1 bedeutet dabei eine 33-fach höhere Energiefreisetzung – ein Erdbeben der Magnitude 5,0 ist also 33-mal so stark wie eines der Magnitude 4,0. Die Skala wurde 1935 von Charles Francis Richter und Beno Gutenberg am California Institute of Technology entwickelt.

Genau genommen werden Erdbebenstärken jedoch heute in der Moment-Magnituden-Skala angegeben. Sie berücksichtigt neben der Energie auch die Größe des gebrochenen Gesteins. Die Bruchfläche lässt sich aus der Erdbebenmessung vieler Seismografen berechnen.
Die Auswirkungen
Grob lassen sich die typischen Effekte der Erdbeben in der Nähe des Epizentrums folgendermaßen beschreiben:
  • - Stärke 1-2: nur durch Instrumente nachweisbar
  • - Stärke 3: nur selten nahe dem Epizentrum zu spüren
  • - Stärke 4-5: 30 Kilometer um das Zentrum spürbar, leichte Schäden
  • - Stärke 6: mittelschweres Beben, Tote und schwere Schäden in dicht besiedelten Regionen
  • - Stärke 7: starkes Beben, das zu Katastrophen führen kann
  • - Stärke 8: Groß-Beben
Weltweit ereignen sich jährlich etwa 50.000 Beben der Stärke drei bis vier, 800 der Stärke fünf oder sechs und durchschnittlich ein Groß-Beben. Das stärkste auf der Erde gemessene Beben hatte eine Magnitude von 9,5 und ereignete sich 1960 in Chile .

Skala der Erschütterungsstärken von Erdbeben
Unterschied zur Richterskala
Die Skala der Erschütterungsstärken beziehen sich NICHT auf die RICHTERSKALA, SONDERN auf die zwölfstufige INTENSITÄTEN-SKALA. Die Richterskala ist ein Maß für die bei Erdbeben freigesetzte Energie. Die Intensitäten-Skala hingegen beschreibt die Einwirkung der seismischen Wellen auf Gegenstände - die Werte werden kleiner mit der Entfernung zum Bebenherd. Intensität 9 entspricht ungefähr einem Beben der Stärke 6,5 auf der Richterskala, das in der Nähe stattfindet. Das Japan-Beben hatte die Stärke 9, was Erschütterungen der Stärke 12 zufolge hatte.
I - Nicht gespürt
Keinerlei Wahrnehmungen durch Menschen.
II - Sehr selten gespürt
Nur von sehr wenigen Personen (< ein Prozent) in Ruhe und in sehr empfindlicher Position innerhalb von Gebäuden wahrgenommen.
III - Schwach
Von wenigen Personen in Gebäuden wahrgenommen als leichtes Schwingen oder Vibrieren.
IV - Weitgehend beobachtet
In Gebäuden von vielen, im Freien aber nur von sehr wenigen Personen wahrgenommen; einige wachen auf; leichtes Schwingen oder Vibrieren von Gebäuden, Möbel, etc., Rütteln von Fenstern und Türen, Knarren von Balken; hängende Objekte schwingen.
V - Stark
In Gebäuden von den meisten und im Freien von einigen wahrgenommen; einige rennen erschrocken ins Freie, viele Schlafende erwachen; starke Erschütterungen des ganzen Gebäudes, Raums und von Möbeln; hängende Objekte schwingen erheblich, labil aufgestellte können sich verschieben oder fallen um; Flüssigkeiten schwingen und können überschwappen, Türen und Fenster können auf- und zuschlagen; wenige Gebäude schlechter Bausubstanz können leichte Schäden aufweisen.
VI - Geringe Schäden
Viele Leute rennen verängstigt ins Freie. Einige Objekte fallen um, Möbel können rutschen. Viele Häuser erleiden geringe Schäden wie Haarrisse oder Abfallen kleiner Putzflächen.
VII - Schäden
Die meisten Leute rennen verängstigt ins Freie. Möbel können verrückt und viele Gegenstände aus Regalen geworfen werden. Viele gut gebaute gewöhnliche Bauten erleiden mäßige Schäden wie kleine Risse in Wänden, Abfallen von Putz, Abbrechen von Schornsteinteilen. Bei älteren Gebäuden können größere Risse in Wänden auftreten; nichttragende Wände können einstürzen.
VIII - Starke Schäden
Viele Leute haben Schwierigkeiten stehenzubleiben. Viele Häuser weisen große Risse in den Wänden auf. Einige gut gebaute, normale Bauten zeigen ernsthafte Versagensschäden von Wänden. Schwache ältere Gebäude können einstürzen.
IX - Zerstörend
Allgemeine Panik. Viele schwache Konstruktionen stürzen ein. Sogar gut gebaute, normale Bauten zeigen sehr schwere Schäden, z.B. schwerwiegendes Versagen von Wänden und teilweise auch strukturelles Versagen.
X - Stark zerstörend
Viele normale Bauwerke stürzen ein.
XI - Verwüstend
Die meisten gut gebauten, normalen Bauwerke stürzen ein, sogar einige mit guter, erdbebensicherer Bauweise werden zerstört.
XII - Totale Zerstörung
Alle Gebäude schlechter bis mittelguter Bausubstanz und die meisten mit guter Bausubstanz (holz-, stahl- oder stahlbetonverstärkt) werden zerstört. Maximale Schäden und Landschaftsveränderungen.

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